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MRT bei Prostatakrebs: PROKOMB-Studie zeigt sichere Diagnose ohne Biopsie

Medizinische Fachkraft bedient MRT Geraet mit digitaler Darstellung eines Skeletts als Symbol fuer die Prokomb Studie zur Diagnose von Prostatakrebs ohne Biopsie

Quelle: © greenbutterfly - stock.adobe.com

MRT bei Prostatakrebs: PROKOMB-Studie zeigt sichere Diagnose ohne Biopsie

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mgo medizin Redaktion

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Erschienen in: UroForum

Die PROKOMB-Studie hat gezeigt, dass ein gut durchgeführtes MRT das Risiko für aggressiven Prostatakrebs zuverlässig abschätzen kann. Im Interview erklärt Dr. med. Charlie Alexander Hamm von der Charité Berlin, wie die Magnetresonanztomographie die Prostatakrebs-Diagnostik revolutioniert und wann auf eine Biopsie verzichtet werden kann. Die Ergebnisse der Berliner Studie haben bereits Eingang in die aktuelle S3-Leitlinie gefunden.

Interview mit Dr. med. Charlie Alexander Hamm

„Mit einem gut durchgeführten MRT kann man das Risiko für ein aggressives Prostatakarzinom sicher abschätzen”

Dr. med. Charlie Alexander Hamm

Die PROKOMB-Studie (Prostata-Kooperatives MRT-Projekt Berlin) hat untersucht, wie sicher es ist, wenn sich Männer mit klinischem Verdacht auf ein Prostatakarzinom erst nach einem positiven MRT biopsieren lassen. Über die Ergebnisse und Erkenntnisse der Studie haben wir mit Dr. Charlie Hamm, Arzt an der Klinik für Radiologie der Charité – Universitätsmedizin Berlin, gesprochen.

Die PROKOMB-Studie: Neue Wege in der Prostatakrebs-Diagnostik

Welche Lücke schließt die Studie?

Hamm: Die Diagnose von Prostatakrebs kann recht komplex sein, und ich möchte zwei Punkte betonen:

Indolente Prostatakarzinome haben ein sehr geringes Risiko für systematische Streuung bzw. Metastasierung. Werden sie diagnostiziert und behandelt, ist davon auszugehen, dass wir dem Patienten eher schaden, etwa durch:

  • Nebenwirkungen einer Operation
  • Psychische Belastung durch die Diagnose
  • Unnötige Therapien bei nicht-aggressiven Tumoren

Unser Ziel ist es, die Tumoren zu identifizieren, die ein Risiko für eine systematische Streuung haben und potenziell das Leben verkürzen.

Das Problem der bisherigen Diagnostik

In der Vergangenheit folgte auf einen erhöhten PSA-Wert meist eine blinde systematische Stanzbiopsie – immer mit folgenden Risiken:

  • Mögliches Karzinom wird nicht getroffen
  • Unklare Aggressivität des Tumors vor der Operation
  • Unpräzises Vorgehen ohne bildgebende Kontrolle

Als wir die PROKOMB-Studie initiiert haben, wussten wir schon aus anderen großen Studien, dass das MRT auffällige Läsionen erkennt, die gezielt mit einer Biopsie erfasst werden können.

Die zentrale Fragestellung

Die Idee der Studie war, das Outcome der Patienten mit Verdacht auf ein Prostatakarzinom, aber unauffälligem MRT zu untersuchen. Oder anders formuliert: Ist es vertretbar, bei einem negativen MRT trotz klinischem Verdacht auf ein Prostatakarzinom auf eine systematische Biopsie zu verzichten?

Studiendesign und Methodik der PROKOMB-Studie

Vorstellung der Studie

Hamm: Als wir die PROKOMB-Studie 2016 gestartet haben, gab es größere Studien an Expertenzentren, die untersuchten, wie zuverlässig ein positives MRT ist und wie gut es klinisch signifikanten Prostatakrebs erkennt.

Unsere Fragen waren:

  • Was machen wir bei einem negativen (unauffälligen) MRT?
  • Können wir die Ergebnisse der Expertenzentren reproduzieren?

Diese Fragen sollte die PROKOMB-Studie beantworten, eine Initiative der urologischen und radiologischen Gesellschaft hier in Berlin.

Studienablauf im Detail

Für die Studie haben wir in 54 niedergelassenen urologischen Praxen Männer mit Verdacht auf ein Prostatakarzinom rekrutiert – aufgrund von:

  • Erhöhtem PSA-Wert
  • Auffälliger Tastuntersuchung
  • Auffälligem Ultraschall

Das Vorgehen:

  1. Die Männer bekamen nicht sofort eine systematische Stanze
  2. Sie wurden für ein MRT an eines von zwei radiologischen Zentren überwiesen
  3. Dort wurde eine 3-Tesla-MRT-Untersuchung durchgeführt
  4. Bei positivem MRT-Ergebnis wurde eine Biopsie empfohlen
  5. Bei negativem Ergebnis wurde die Biopsie nicht empfohlen
  6. Alle Patienten wurden drei Jahre systematisch und aktiv überwacht

Unterschiede zu bisherigen Studien

Die Hauptunterscheidungspunkte zu den bisherigen Studien sind:

  • Auswertung in einem niedergelassenen und ambulanten Setting
  • Verzicht auf systematische Biopsie bei unauffälligem MRT
  • Etablierung einer aktiven Überwachung

Ergebnisse der PROKOMB-Studie

Hauptergebnisse im Überblick

Hamm: Die Ergebnisse der Studie sind sehr ermutigend und vor allem praxisrelevant.

Zentrale Zahlen:

  • 593 Männer wurden rekrutiert und erhielten alle ein MRT
  • Bei etwa der Hälfte war das MRT unauffällig
  • 41 % aller Männer konnte über drei Jahre eine Biopsie erspart werden
  • 96 % negativer prädiktiver Wert: Von 100 Männern mit negativem MRT haben 96 wirklich kein aggressives Prostatakarzinom

Wir konnten also zeigen, dass wir mit einem gut durchgeführten MRT mit hohem Befundungsstandard das Risiko für ein invasives bzw. aggressives Karzinom sicher abschätzen können.

Limitationen und Zuverlässigkeit der Studie

Einschränkungen der PROKOMB-Studie

Hamm: Ja absolut, keine Studie ist perfekt und es ist daher umso wichtiger, auch die Limitationen zu diskutieren und damit auch die Ergebnisse entsprechend zu werten.

Wichtige Limitationen:

  • Expertenzentrum: Alle MRT-Untersuchungen wurden an einem Expertenzentrum mit sehr hoher Bildqualität und sehr hohem Befundungsstandard durchgeführt
  • Kognitive Biopsien: Die Biopsien sind primär kognitiv durchgeführt worden und nicht standardmäßig Software-gestützt
  • Regionale Besonderheit: Die Studie wurde in Berlin durchgeführt, hier ist die Prostatakrebsinzidenz mit 89 Diagnosen auf 100.000 Männer relativ hoch
  • Neue Marker: Aktuelle Trends wie die PSA-Dichte wurden nicht primär eingebunden

Warum die Ergebnisse trotzdem zuverlässig sind

  • Prospektive Studie mit klarem Studienprotokoll
  • Aktive Überwachung mit drei Jahren Nachbeobachtung
  • 84 % aller Männer schlossen die Nachbeobachtung erfolgreich ab
  • Repräsentative Kohorte mit fast 600 Patienten
  • Abgleich mit dem Krebsregister zur Vermeidung übersehener Diagnosen

Dass aber noch andere Studien erforderlich sind, ist ganz klar. Es wäre interessant zu sehen, inwiefern das Konzept der Studie in einem breiteren versorgungsmedizinischen Setting funktioniert.

Neue S3-Leitlinie und PSA-Grenzwerte

Bedeutung für die Praxis

Hamm: Ja, das ist richtig. In der Studie war der durchschnittliche PSA-Wert 5,8 ng/ml, also deutlich über dem Grenzwert von 3 ng/ml. Bisher wurde ein PSA-Wert von über 4 ng/ml als auffällig gewertet.

Was die neue Leitlinie empfiehlt

Was bezüglich der neuen Leitlinie wichtig ist:

  • Keine Biopsie nach negativem MRT, sofern es keine sonstigen eindeutigen Risikofaktoren gibt
  • Die Beurteilung der Urologin und des Urologen muss dies zulassen
  • Früherkennung ab 45 Jahren wird empfohlen
  • Ab einem bestätigt erhöhten PSA-Wert von über 3 ng/ml wird eine Abklärung mittels MRT empfohlen

Herausforderungen durch niedrigere Grenzwerte

Das bringt folgende Veränderungen mit sich:

  • Höhere Zahl von MRTs und längere Wartezeiten
  • Risiko von falsch-positiven Befunden
  • Kritischere Bewertung kleinerer, suspekter Veränderungen
  • Risiko einer Überdiagnostik

Man muss sich also mit der Befundung an diese neue Patientengruppe anpassen und auch Metriken entwickeln, um die Performance und den Nutzen zu erfassen.

Künstliche Intelligenz in der MRT-Diagnostik

Aktueller Stand der KI-Anwendung

Hamm: Künstliche Intelligenz ist aus der Medizin nicht mehr wegzudenken. Sie wird auf jeden Fall auch die Prostatakrebs-Diagnostik beeinflussen, dazu gibt es schon viele Studien. Auch unser Team hat hierzu Projekte und wir entwickeln künstliche Intelligenzen für eine vereinfachte und effizientere Bildanalyse.

Limitationen in der Praxis

In der aktuellen Praxis muss man allerdings sagen, dass es zwar KI-Lösungen für die Befundung gibt, die in Testsets eine gute Performance zeigen, aber in der breiten Anwendung mehrere Limitationen haben.

Kritische Fragen:

  • Ist das Training- und Testset vergleichbar mit meinem Patientenkollektiv?
  • Inwiefern wird mein MRT-Scanner unterstützt?
  • Wie verändert sich die Prätestwahrscheinlichkeit durch neue PSA-Grenzwerte?

Potenziale der KI

Ansatzpunkte für künstliche Intelligenz:

  • Risikokalkulatoren: Verbesserte Risikostratifizierung zur Klärung, ob überhaupt ein MRT erforderlich ist
  • Sensitive Erkennung: KI erkennt kleinste Veränderungen in der Prostata zuverlässig
  • Triagierung: Unauffällige Befunde können mit hoher Zuverlässigkeit identifiziert werden
  • Priorisierung: Auffällige Befunde werden markiert und erfordern schnelle Bearbeitung

Dies könnte einen deutlichen Einfluss auf die Arbeitseffizienz haben.

Mikro-Sonographie als Ergänzung zum MRT

Stellenwert der neuen Methode

Hamm: Ich nehme an, Sie sprechen auf die OPTIMUM-Studie an, die jetzt in JAMA publiziert wurde. Dies ist natürlich eine beeindruckende Studie mit sehr hohem wissenschaftlichen Qualitätsstandard und ich denke, diese Sonographie ist eine wirklich wunderbare Ergänzung zum MRT.

Warum Mikro-Ultraschall wichtig ist

Wir haben nur limitierte MRT-Kapazitäten. Bis 2040 wird erwartet, dass sich die Prostatakrebsinzidenz verdoppeln wird und wir Kapazitätsprobleme bekommen werden. Daher ist es wunderbar, dass es auch weitere Methoden gibt, um eine sichere und effiziente Diagnostik zu gewährleisten.

Vorteile der Methode

Der Mikro-Ultraschall bietet folgende Vorteile:

  • Sehr hohe Auflösung
  • Urologe oder Urologin kann in einer Sitzung bei Verdacht gleich biopsieren
  • Gute Diagnostik ohne Wartezeit
  • Bereicherung für Patienten in der Risikogruppe

Ich sehe es als tolle neue Entwicklung und als Ergänzung für ein gesamtheitliches Konzept, um eine gute Diagnostik zu liefern.


Herr Dr. Hamm, vielen Dank für das Gespräch.

Literatur:
  1. Hamm C et al. JAMA Oncol 2024; 11(2):145–153
  2. Boschheidgen M et al. Eur Urol 2024; 85(2):105–111
  3. Leitlinienprogramm Onkologie. S3-Leitlinie Prostata, Version 8.1 (August 2025), AWMF-Registernummer: 043–022OL
  4. Kinnaird A et al. JAMA 2025; 333(19): 1679–1687

Autor: Dr. med. Charlie Hamm, PhD

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