Über 806 registrierte Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnten sich Kongresspräsidentin Dr. Eva Hellmis und Kongresspräsident Dr. Jens Westphal auf dem 71. Kongress der Nordrhein-Westfälischen Gesellschaft für Urologie im Congress Center Essen-Ost freuen. Eine neue Programm-Kommission und viel Berufspolitik von Krankenhausreform über die ASV Urologie bis zur neuen GOÄ waren die Zutaten eines frischen Konzepts, das die traditionsreiche Regionalgesellschaft wieder mit frischem Leben erfüllen soll. Der Auftakt in Essen war vielversprechend.
Dr. Eva Hellmis war „absolut `geflasht´ von den vergangenen zwei Tagen“. Die Uroonkologin aus dem Duisburger Urologicum dankte dem Kongressteam und lobte besonders die „großartigen Tumorboards“. Dabei waren die Ziele der beiden Kongresspräsidenten ambitioniert. „Wir haben versucht, viel Neues zu implementieren. Wir hoffen, dass es für die NRWGU der erste Schritt war, eine junge, lebendige und pulsierende Fachgesellschaft zu werden. Unser Ziel sind 1.000 Teilnehmer – vielleicht schon im nächsten Jahr.“
Wieder „mehr Bock auf“ den NRWGU-Kongress
Dem schloss sich Kongresspräsident Dr. Jens Westphal, Chefarzt der Klinik für Urologie, Kinderurologie, Urogynäkologie und Andrologie am Krankenhaus Maria Hilf der Alexander Krefeld GmbH, nahtlos an: „Mit der neuen Programm-Kommission haben wir einen anderen Weg beschritten. Wir haben 806 Teilnehmer an diesem Kongress. Wenn man weiß, dass wir von rund 700 herkommen, ist das 2026 ein fantastischer Erfolg. Wichtig ist, dass wir alle wieder einfach `Bock´ auf den NRWGU-Kongress haben und das unabhängig vom Ort und der Kongressleitung, weil der Inhalt einfach gut ist.“
Den Auftakt mehrerer berufspolitischer Veranstaltungen bildete ein Forum über die Umwälzungen durch die Krankenhausreform. Den praktischen Blick des Chefarztes hatte Dr. Stefan Machtens, Chefarzt der Klinik für Urologie und Kinderurologie, GFO-Klinikum Rhein-Berg. Seit 2023 findet dort ein schrittweiser Fusionsprozess des Marienkrankenhauses Bergisch Gladbach und des Vinzenz-Pallotti-Krankenhauses Bensberg statt. Beide Kliniken sind in der Trägerschaft der Gemeinnützigen Gesellschaft der Franziskanerinnen zu Olpe mbH (GFO) und liegen nahe beieinander. Ende 2025 zog die Urologie in den Pallotti-Standort um. Trotz aller Anstrengungen hinterließ der Fusionsprozess in Bergisch Gladbach deutliche Bremsspuren, die der Chefarzt beschrieb: „Täglich mussten operative Eingriffe verschoben oder abgesagt werden, weil die zentrale Operationseinheit vollkommen überlastet war. Täglich kam es zu Sperrungen der stationären Aufnahme, obwohl die Urologie eine mittlere Verweildauer von 3,1 Tagen erreicht hatte. Unzufriedene Patienten und Zuweiser bewirkten, dass die Fallzahl abgenommen hat.“
Wo bleiben die ehrlichen Botschaften an die Patienten?
Dr. Machtens vermisst politisch unpopuläre Stellungnahmen aus der Politik, dass eine gesundheitliche Versorgung auf dem jetzigen Niveau nicht mehr finanzierbar ist. „Die europäische Spitzenposition bei den Arztkontakten – 9,8 bis 10 pro Jahr laut OECD – wird in Deutschland in Zukunft nicht mehr zu halten sein. Schon heute geraten Ärzte und Pflegekräfte in Erklärungsnot.“ Der NRW-Chefarzt hatte prominente Mitstreiter auf dem Podium. Dr. Andreas Gassen, Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), war gekommen und auch Ingo Morell, Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft sowie Geschäftsführer der Maria-Theresia-Bonzel-Stiftung Olpe. Moderator Dr. Michael Stephan-Odenthal stellte fest, dass etwa 10% Honorarvolumen in der ambulanten Versorgung in den kommenden Jahren fehlen werden. Ungeachtet der 600 Millionen ambulante Behandlungen pro Jahr gäbe es eine beinahe hysterische Diskussion über Termin-Wartezeiten beim Facharzt. Im Krankenhaussektor sei ebenfalls ein schwieriger Konzentrationsprozess mit Einschnitten in der stationären Versorgung zu erwarten.
Dem stimmte KBV-Chef Dr. Gassen zu. „Politik macht sich einen schlanken Fuß. Den Bürgern wird vorgegaukelt, dass alles trotz der Einsparungen und Einschnitte besser werden wird“, stellte KBV-Chef Gassen fest. Ehrlicher wäre es einzuräumen, so Dr. Gassen, dass die Politik nicht an den überbordenden Sozialstaat herangehen möchte. Weil das Geld trotzdem nicht mehr ausreiche, müsste es nun Einschnitte geben.
Falsche Allokation der Ressourcen im System
„Das Kernprobleme in der Gesundheitspolitik ist eine falsche Allokation der Ressourcen“, unterstrich Dr. Gassen. 45 Milliarden Euro von 360 Milliarden Euro aus GKV-Beiträgen wandern von vornherein in völlig andere Töpfe. „Mit diesem Geld hätten wir überhaupt kein Finanzproblem in der GKV.“ Andererseits tue die Politik so, als ob die faulen Krankenhäuser und Niedergelassenen aufgrund unorganisierter Strukturen schuld an langen Wartezeiten auf Termine seien. „In der gesamten politischen Landschaft sehen Sie ein hohes Grundmisstrauen gegenüber allen Ärzte, ob stationär oder ambulant“, so der KBV-Chef. Alle Reformen zielten im Grunde darauf ab, den „Dünkel der Ärzte“ zu brechen.
In dasselbe Horn stieß auch Ingo Morell, Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG): „Wir müssen der Politik klarmachen, dass sie das Gesundheitssystem gerne reformieren kann – allerdings mit einer Konsequenz: Politik muss den Menschen dann ehrlich sagen, dass sie nicht mehr alles in Anspruch nehmen können.“ Allein in den Krankenhäusern wird das BMG 2027 rund acht Milliarden Euro einsparen. In Zukunft werden Tarifsteigerungen nur noch in der Höhe der Einnahmen refinanziert. Der Bundesinnenminister verhandelt Tarifsteigerungen im Öffentlichen Dienst, die der Gesundheitsminister dann nicht mehr auszahlt, klagte Morell.
Morell wies auf dąs Beispiel Bergisch Gladbach hin, wo man die Folgen der Krankenhausreform gut beobachten könne. „Die Fusionsentscheidung in Bergisch Gladbach hat enorm viel mit der Krankenhausplanung in Nordrhein-Westfalen zu tun.“ Die Förderanträge seien alle unter den Konditionen der Krankenhausplanung in NRW gestellt worden. Das benenne eindeutig die Ursache. Der DKG-Präsident ließ erkennen, dass der Schulterschluss mit der KBV nicht leichtfällt. „Natürlich bestehen durch die doppelte Facharztschiene zwischen DKG und KBV Interessensgegensätze. Mit Blick auf den Arbeitsmarkt werden wir gezwungen sein, diese Interessengegensätze zu überwinden.“
In einem weiteren berufspolitischen Forum ging es um ambulante Themen. Der nordrheinische BvDU-Landesvorsitzende Dr. Michael Stephan-Odenthal referierte über die ASV, in der er die neue, verlässliche Partnerin in der Uroonkologie sieht. „Die Ambulante Spezialfachärztliche Versorgung (ASV) für urologische Tumore ist seit der Akzeptanz der Hormontherapie beim Prostatakarzinom deutlich ausgeweitet worden. Bundesweit gab es Ende März 136 urologische ASV-Teams, in NRW 42 mit gut 44.500 Patienten“, berichtete der BvDU-Landesvorsitzende. Besonders häufig gibt es die ASV in Gebieten mit früheren §116b-Verträgen. 2011 gab es in NRW 376 Verträge in 57 Kliniken. Seit Inkrafttreten wurden 120.705 Quartalspatienten registriert. Die Kliniken haben größeres Interesse als Praxen, weil sie an der ambulanten Versorgung teilnehmen möchten. Für urologische Praxen seien die Voraussetzungen zur Teilnahme zum Teil leichter als bei der Onkologie-Vereinbarung, weil keine Zusatzqualifikation für medikamentöse Tumortherapie notwendig sei. Trotz der Bereinigung sei die extrabudgetäre Vergütung attraktiv. „Die ASV fördert die Zusammenarbeit mit Kliniken und anderen Praxen deutlich. Die Teilnahme ist für Urologen eine fachliche Bereicherung. Schließlich bietet die ASV eine berufspolitische Chance zum Ausbau der uroonkologischen Versorgung in urologischer Hand“, so Dr. Stephan-Odenthal.
Positive Beurteilung der neuen GOÄ
DGU-Experte Prof. Björn Volkmer, niedergelassener Urologe in Kassel, brachte den Kongress auf den aktuellen Stand in der GOÄ. Dabei ist nach wie vor kein konkretes Einführungsdatum der privaten Gebührenordnung im Blick. Vielleicht wird es 2028, ehe die neue Gebührenordnung eingeführt wird. „Die neue GOÄ enthält 18% mehr Honorar. Die sprechende Medizin wird besser vergütet, und digitale Leistungen wie die elektronische Patientenakte oder die Nutzung von Apps werden neu in die private Gebührenordnung eingeführt“ informierte Prof. Volkmer. Die neue GOÄ sei eine deutliche Aufwertung des ambulanten, nicht operativen Bereichs, wodurch niedergelassene Urologen profitierten. „Die Abschaffung der Steigerungssätze reduziert das Risiko von Fehlbewertungen.“ Ein Wermutstropfen sind die deutlichen Verluste bei urologisch relevanten Laborleistungen wie der Testosteron- (23,46 vs 8,89 Euro) oder der PSA-Bestimmung (20,11 vs 12,12 Euro). Beide Leistungen seien deutlich abgewertet worden.
2027 laden Prof. Susanne Krege und Dr. Frank Finke zum 72. NRWGU-Kongress ein, der wieder in Essen stattfinden soll. Den eingeschlagenen Reformweg möchte das Duo fortsetzen.
Es grüßt Sie herzlich
Ihr
Franz-Günter Runkel, Chefreporter UroForum



