Profitieren Patienten mit einer Blasenkrebsdiagnose von der Tumornachsorge durch Anschlussheilbehandlung und medizinische Reha? Der Frage ist Dr. Edmond Schiek-Kunz, Vorstandvorsitzender des Selbsthilfe-Bund Blasenkrebs e. V., nachgegangen. Er bat dazu den Chefarzt des Urologischen Kompetenzzentrums der Kliniken Hartenstein in Bad Wildungen, PD Dr. Burkhard Beyer, zum Gespräch.
Herr Dr. Beyer, die Entfernung der Harnblase infolge von Blasenkrebs ist eine der schwersten uroonkologischen Eingriffe. Welche rehabilitative Expertise ist für eine gelingende Rehabilitation dieser Patienten nötig?
Beyer: Es braucht ein interdisziplinäres Team – bestehend aus erfahrenen Urologen, spezialisierten Stomatherapeutinnen, Physiotherapeuten, Ernährungsberatung und Psychologie –, die eng verzahnt zusammenarbeiten. Diese enge Zusammenarbeit ermöglicht es, die Betroffenen ganzheitlich zu begleiten: von der Wiedererlangung der Kontinenz über das sichere Management einer Neoblase oder eines Stomas bis hin zur onkologischen Nachsorge und Unterstützung bei der Krankheitsverarbeitung. In der Rehabilitation liegt der Fokus besonders auf der Stärkung der Selbstständigkeit. Es sollen praktische Fähigkeiten für den Alltag vermittelt werden, das Verständnis für körperliche Signale gefördert und Raum geschaffen werden für psychische Stabilität und Lebensperspektive. Ziel ist es, den Patientinnen und Patienten Sicherheit zu geben und sie auf ihrem Weg zu guter Lebensqualität und Selbstbestimmung zu unterstützen.
Eine passgenaue Nachsorge ist für die Betroffenen, vor allem kurz nach der OP, sehr wichtig. Welche Nachsorge-Maßnahmen benötigen speziell Menschen mit Neoblase?
Beyer: Ein zentraler Baustein ist das individuelle Miktionstraining, das den natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus der neuen Blase schrittweise wieder aufbaut. Patientinnen und Patienten erhalten dafür verständliche Trink- und Miktionspläne, die kontinuierlich angepasst und gemeinsam ausgewertet werden. Auch das gezielte Training des Schließmuskels und des Beckenbodens ist eine wichtige Nachsorge-Maßnahme, z. B. durch biofeedbackgestützte Verfahren und physiotherapeutische Übungen, um die Muskelkontrolle zu verbessern und ein sicheres Körpergefühl zu entwickeln. Parallel sollten wichtige Stoffwechsel- und Nierenparameter überwacht werden, um Komplikationen wie Elektrolytverschiebungen frühzeitig zu erkennen. Ebenso wichtig ist die Anleitung im Umgang mit der neuen Blase im Alltag. Dazu verhelfen Strategien zur Erkennung von Restharn, zur Vorbeugung von Harnwegsinfektionen und zum sicheren Selbstmanagement. Auch diese Maßnahmen dienen schlussendlich dazu, Sicherheit und Selbstvertrauen im Umgang mit der Neoblase zu gewinnen.
Und welche Nachsorge-Optionen helfen Patientinnen und Patienten mit Stoma und Pouch?
Beyer: Diesen hilft vor allem die enge Begleitung durch die Stomatherapeutinnen und -therapeuten in der Einrichtung. Sie vermitteln Schritt für Schritt alle wichtigen Handgriffe der Stomaversorgung – vom sicheren Wechsel des Versorgungssystems über den Hautschutz bis zur Auswahl der passenden Hilfsmittel. Ziel ist es, die Betroffenen zu befähigen, ihre Versorgung selbstständig und mit einem guten Gefühl durchzuführen. So wird das Risiko von Komplikationen wie Hautirritationen oder parastomalen Hernien deutlich reduziert. Pouch-Patienten müssen primär die intermittierende Katheterisierung erlernen und die Kontrolle des Restharns. Betroffene müssen dabei unterstützt werden, Vertrauen in den eigenen Körper zurückzugewinnen und Sicherheit im Umgang mit der neuen Situation zu entwickeln. Ergänzend ist es sinnvoll, die Rehabilitanden zu Ernährung, Flüssigkeitshaushalt, körperlicher Aktivität und sozialmedizinischen Fragen zu schulen. Unsere Erfahrung zeigt: Gerade in der frühen Phase nach der Operation ist eine enge therapeutische Begleitung entscheidend, um Fehlversorgungen zu vermeiden und die Grundlage für eine gute Lebensqualität zu schaffen. Aus diesem Grund kombinieren wir medizinische Betreuung, Schulung und psychologische Unterstützung zu einem ganzheitlichen Therapieansatz.
Die seelische Belastung bei einer Blasenkrebsdiagnose und -behandlung ist erheblich. Können die Menschen in der Reha aufgefangen werden?
Beyer: Die psychische Unterstützung ist ein wesentlicher Bestandteil der Rehabilitation. In der Einrichtung steht dafür ein erfahrenes Team aus Psychologinnen, Psychologen sowie Psychoonkologinnen und -onkologen zur Verfügung. Die Begleitung erfolgt in Einzelgesprächen und themenzentrierten Gruppenangeboten und umfasst unter anderem den Umgang mit der Krebsdiagnose, mit Inkontinenz sowie mit Einschränkungen der Sexualfunktion. Bereits zu Beginn der stationären Rehabilitation füllen die Patientinnen und Patienten einen Screening-Fragebogen aus, der eine Einschätzung der individuellen psychischen Belastung ermöglicht. Auf dieser Grundlage kann frühzeitig eine bedarfsgerechte Unterstützung eingeleitet und bei Bedarf über den gesamten Aufenthalt fortgeführt werden. Besteht nach Abschluss der stationären Rehabilitation weiterhin psychoonkologischer Unterstützungsbedarf, unterstützt die Einrichtung bei der Vermittlung wohnortnaher Anlaufstellen.
Empfehlen Sie Ihre Patienten aktiv in die Selbsthilfe?
Beyer: Ja, wir ermutigen unsere Patientinnen und Patienten ausdrücklich zur Teilnahme an Selbsthilfegruppen – und das aus voller Überzeugung. Medizinische Therapie und Rehabilitation legen die Basis, doch die langfristige Krankheitsbewältigung gelingt oft besonders gut durch den Austausch mit Menschen, die Ähnliches erlebt haben. In Selbsthilfegruppen finden Betroffene Verständnis, praktische Alltagstipps und emotionale Unterstützung – Dinge, die oft nur von Gleichbetroffenen in dieser Tiefe vermittelt werden können. Viele unserer Patientinnen und Patienten berichten, dass der Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe ihnen Mut gemacht und entscheidend dazu beigetragen hat, wieder Lebensfreude und Sicherheit zu gewinnen. Wir informieren während der Rehabilitation über die Angebote des Selbsthilfe-Bundes Blasenkrebs e. V. und über regionale Gruppen. Auf Wunsch stellen wir bereits während des Aufenthalts den Kontakt her. Selbsthilfe bedeutet dabei nicht nur, Unterstützung zu bekommen, sondern auch anderen etwas zurückgeben zu können – und genau das empfinden viele als besonders stärkend.





