Eingriffe in Lokalanästhesie vermeiden Risiken der Allgemeinanästhesie, verkürzen Vor- und Nachbereitung und senken den Personalaufwand. So können OP-Ressourcen effizienter genutzt und Kosten reduziert werden [1, 2]. Meist ambulant durchgeführt, verringern sie Infektionsrisiken und ermöglichen eine schnelle Rückkehr ins gewohnte Umfeld.
Die vorgenannten Aspekte fügen sich nahtlos in den aktuellen gesundheitspolitischen Kontext in Deutschland ein: Die Ambulantisierung medizinischer Leistungen ist ein ausdrücklich benanntes Ziel. Sowohl der Krankenhaus-Report 2024 als auch das Positionsdossier der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) aus dem Jahr 2025 benennen unter dem Leitprinzip „ambulant vor stationär“ die Verlagerung geeigneter Behandlungen aus dem stationären in den ambulanten Bereich als zentrales Element der gegenwärtigen Strukturreform des Gesundheitswesens [3, 4].
In einer Beobachtungsstudie zu 330.000 ambulanten Eingriffen zeigten Baumbach et al., dass als patienteneigene Faktoren ein geringeres Alter, das weibliche Geschlecht und ein schlechterer Allgemeinzustand, prozessbezogen längere Schnitt-Naht-Zeiten und eine hohe Dringlichkeit des Eingriffs die Schmerzwahrnehmung signifikant negativ beeinflussen; die Applikation einer Lokalanästhesie durch den Operateur war hingegen mit einer signifikant geringeren Schmerzwahrnehmung assoziiert [5].
Eigene Untersuchungen konnten bei perinealer Prostatabiopsie in Lokalanästhesie keinen Einfluss von Patientenalter, Prostatavolumen, Anzahl der entnommenen Proben und Lernkurve des Operateurs auf die Schmerzwahrnehmung nachweisen [6]. Unbeantwortet blieb die Frage nach einem etwaigen Einfluss der Arzt-Patienten-Interaktion.
Wenngleich der Einfluss des emotionalen Zustandes von Ärzten auf die Behandlungsqualität belegt ist, waren prospektive Daten zum Einfluss der Gemütsverfassung des Operateurs auf die Schmerzwahrnehmung bei Eingriffen in Lokalanästhesie nach unserem Kenntnisstand nicht verfügbar [7 – 9]. Mögliche Rationalen für einen solchen Einfluss können neurophysiologisch und psychologisch gut untersuchte Faktoren wie Spiegelneurone, Mimikry, emotionale Ansteckung sowie Übertragung und Gegenübertragung sein.
Spiegelneurone als ein neurophysiologisches Korrelat für Empathie, soziales Verhalten und Lernfähigkeit sind Nervenzellen, die sowohl bei der Ausführung als auch bei der Beobachtung oder Planung einer Handlung aktiviert werden und stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit Mimikry, also der Nachahmung von Verhaltensweisen (Mimik, Gestik, Tonfall) unseres Gegenübers: Wir neigen zur Freundlichkeit, wenn uns freundlich begegnet wird – und vice versa [10].
Hiermit eng verbunden ist das Phänomen der emotionalen Ansteckung: Wir imitieren (unbewusst) andere Menschen und während wir dies tun, ändert sich unsere Stimmung entsprechend in eine positive oder negative Richtung [11].
Übertragung bedeutet, dass Patienten eigene Erfahrungen in zwischenmenschlichen Beziehungen und Bindungen, entsprechende Gefühle, Erwartungen, Fantasien, Wünsche und Ängste auf den Arzt übertragen; Gegenübertragung wiederum ist die Reaktion des Arztes auf die Übertragung [12].
Ziel der hier vorgestellten prospektiven Pilotstudie war die Untersuchung des Einflusses der Stimmungslage des Operateurs auf die Schmerzwahrnehmung von Patienten bei urologischen Eingriffen in Lokalanästhesie.
Methodik
Zum Abgleich der zu erhebenden Daten mit dem internationalen Schrifttum erfolgte zunächst eine PubMed-Recherche zum Einfluss der Gemütsverfassung des Operateurs auf die Schmerzwahrnehmung von Patienten bei Eingriffen in Lokalanästhesie, um etwaige Vorkenntnisse zum Thema in die Pilotstudie einbeziehen zu können. Die Syntax lautete: (surgeon[tiab] OR clinician[tiab] OR physician[tiab]) AND (mood[tiab] OR affect[tiab] OR „emotional state“[tiab] OR demeanor[tiab] OR empath[tiab] OR stress[tiab] OR anxiety[tiab]) AND („pain“[tiab] OR „pain perception“[tiab] OR „pain experience“[tiab] OR „intraoperative pain“[tiab] OR „procedural pain“[tiab]) AND („local anesthesia“[tiab] OR „local anaesthesia“[tiab] OR „regional anesthesia“[tiab] OR „regional anaesthesia“[tiab]) AND (surgery[tiab] OR operation[tiab] OR procedure*[tiab]).
Von Januar bis Februar 2025 wurden alsdann an unserer Klinik bei 100 konsekutiven urologischen Eingriffen in Lokalanästhesie die Schmerzwahrnehmung der Patienten mittels numerischer Analogskala (NAS; 0 = kein Schmerz bis 10 = stärkster vorstellbarer Schmerz) sowie einmalig am Beginn des OP-Tags die Stimmungslage der Operateure anhand der Aktuellen Stimmungsskala (ASTS) aufgezeichnet.
![Abb. 1: Schematische Darstellung der Aktuellen Stimmungsskala (ASTS) [16]
links oben: Benennung der Items; rechts oben: welche Items kodieren in welche Dimension; unten: mögliche Ausprägungen der Items mit zugehörigen Punktwerten.](https://mgo-medizin.de/wp-content/uploads/2026/01/schematische_darstellung_der_aktuellen_stimmungsskala.webp)
links oben: Benennung der Items; rechts oben: welche Items kodieren in welche Dimension; unten: mögliche Ausprägungen der Items mit zugehörigen Punktwerten.
Die numerische Analogskala ist ein einfach anwend- und auswertbares, seit Jahrzehnten bewährtes Instrument der Schmerzmessung [13 – 15]. Die ASTS erfasst anhand von 19 Items mit je 7 Ausprägungen („überhaupt nicht“ bis „sehr stark“) die Dimensionen Trauer, Hoffnungslosigkeit, Müdigkeit, positive Stimmung und Zorn. Für eine adjustierte Analyse wurden zusätzlich Patientenalter und -geschlecht sowie der Facharztstatus des Operateurs erfasst.
Die Eingriffe erfolgten durch vier Operateure, das Spektrum umfasste perineale Prostatabiopsien, Zystoskopien, DJ-Einlagen bzw. -entfernungen, suprapubische Katheteranlagen sowie Zirkumzisionen und Vasoresektionen.
Der Einfluss der Stimmungslage des Operateurs auf die Schmerzwahrnehmung der Patienten wurde mit geeigneten statistischen Verfahren (Spearman-Korrelation, Kruskall-Wallis-Test, lineare Regression) stets zweiseitig mit einem Signifikanzniveau von p < 0,05 mittels Statistiksoftware numiqo geprüft [17].
Ergebnisse
Die PubMed-Recherche ergab 189 Treffer, von denen nach Prüfung von Titel und Abstrakt keiner inhaltliche Relevanz hatte. Für 86 / 100 Patienten waren vollständige Daten verfügbar.
Der Median der Schmerzwahrnehmung (NAS) lag bei 2,5 (Interquartilrange IQR 1 – 3).
Die ASTS-Dimensionen Trauer, Hoffnungslosigkeit, Müdigkeit, positive Stimmung und Zorn unterschieden sich im interindividuellen Vergleich der Operateure signifikant (jeweils p < 0,01). Im intraindividuellen Vergleich wies nur ein Operateur über die Zeit signifikante Schwankungen in den Dimensionen Müdigkeit und positive Stimmung auf.

Nur die Dimension Zorn korrelierte schwach invers, jedoch signifikant mit der Schmerzwahrnehmung der Patienten (Korrelationskoeffizient -0,22; p = 0,046).
Adjustiert um Patientenalter und -geschlecht sowie Facharztstatus des Operateurs hatte keine der ASTS-Dimensionen unabhängigen Einfluss auf die Schmerzwahrnehmung der Patienten.
Diskussion
Die IQR der Schmerzwahrnehmung liegt mit NAS 1 – 3 exakt in dem Bereich, der nach WHO als leichter Schmerz klassifiziert wird [18, 19]. Somit ist das o. g. Eingriffsspektrum ganz überwiegend schmerzarm in Lokalanästhesie durchführbar.
Die schwach inverse Korrelation von Zorn (Operateur) und Schmerz (Patient) würde bedeuten, dass Patienten bei einem zornigeren Operateur eine geringere Schmerzwahrnehmung erwarten dürften. Da eine Korrelation nur einen rechnerischen Zusammenhang beschreibt, kann hier jedoch kein kausaler Zusammenhang nachgewiesen oder ausgeschlossen werden.
In der maßgeblichen adjustierten Analyse hatte keine der ASTS-Dimensionen Trauer, Hoffnungslosigkeit, Müdigkeit, positive Stimmung und Zorn – trotz teilweiser intraindividueller und durchgehend interindividueller Unterschiede der Stimmungslage der beteiligten Operateure – unabhängigen Einfluss auf die Schmerzwahrnehmung der Patienten.
Möglicherweise kann dies als Hinweis auf eine professionelle Affektkontrolle der beteiligten Operateure gelten. Insgesamt dürfen die Ergebnisse als gute Nachricht für die sich uns anvertrauenden Patienten gewertet werden.
Die hier durchgeführte Pilotstudie ist naturgemäß nicht frei von Limitationen. Die Erfassung der Schmerzwahrnehmung erfolgte (pragmatisch) durch den Operateur selbst unmittelbar zum Ende des Eingriffs. Dies kann über eine paternalistische bzw. maternalistische Wahrnehmung der Operateure durch die Patienten durchaus zu einer Ergebnisverzerrung beitragen.
Des Weiteren war die Aufspreizung der Schmerzwahrnehmung mit einer IQR von 1 – 3 sehr gering, sodass die Herausarbeitung signifikanter Einflüsse möglicherweise schon rein rechnerisch kompromittiert ist.
Angst und Depressivität sowie Vorerfahrungen der Patienten mit Eingriffen in Lokalanästhesie als sehr wahrscheinlich relevante Einflussfaktoren auf die Schmerzerwartung bzw. -wahrnehmung wurden nicht berücksichtigt [20 – 22]. Schließlich wurde die Stimmungslage der Operateure nur einmalig zu Beginn des OP-Tags erfasst, sodass etwaige Stimmungsschwankungen im Tagesverlauf nicht erfasst wurden.
Neben den medizinisch inhaltlichen Aspekten erlangt die hier untersuchte Fragestellung vor dem Hintergrund des gesundheitspolitischen Ziels der Ambulantisierung medizinischer Leistungen in Deutschland zusätzliche Relevanz.
Schlussfolgerung
Ein breites Spektrum von kleineren urologischen Eingriffen ist schmerzarm in Lokalanästhesie durchführbar, wobei die Stimmungslage des Operateurs ohne nachweisbaren Einfluss auf die Schmerzwahrnehmung der Patienten blieb.
Zusammenfassend liefern die hier vorgelegten Ergebnisse vor dem Hintergrund bislang fehlender Daten zu einem etwaigen Zusammenhang zwischen Gemütsverfassung des Operateurs und Schmerzwahrnehmung des Patienten bei (urologischen) Eingriffen in Lokalanästhesie einen Ansatz für eine genauere Erforschung des Themas durch eine prospektive multizentrische Studie unter ausgleichender Berücksichtigung der in der Diskussion benannten Limitationen.
Autor: Dr. Steffen Lebentrau
Literatur unter www.uroforum.de



