„Ich bin Wim Wenders und heiße Sie herzlich willkommen zur Werkschau von Kindheit bis heute in Bonn.“ Auch wenn sich Wim Wenders auf der Pressekonferenz der Bundeskunsthalle bescheiden gibt, muss sich der wohl berühmteste zeitgenössische deutsche Filmemacher nicht vorstellen. Zu bekannt sind seine Filme, darunter seine Frühwerke „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ (1972) und „Der amerikanische Freund“ (1977). Mit „Paris, Texas“ (1984), „Der Himmel über Berlin“ (1987) und „Bis ans Ende der Welt“ (1991), gelang ihm der Durchbruch. Der Film, der ihn durch vier Kontinente und zehn Länder führte, war der aufwendigste und teuerste in Wenders’ Karriere. „Vermutlich ist er deshalb auch bis heute mein Lieblingsfilm“, so der Filmemacher. Später triumphierte er mit den Dokumentarfilmen „Buena Vista Social Club“ (1999), „Pina“ (2011) sowie zuletzt „Anselm – Das Rauschen der Zeit“ (2023). Im gleichen Jahr entstand der Spielfilm „Perfect Days“ über einen japanischen Toilettenreiniger, der Wenders 2024 eine Oscar-Nominierung in der Kategorie „Bester internationaler Film“ für Japan einbrachte.

Anlässlich seines 80. Geburtstags (14.8.) wird dem Regisseur nun eine vielseitige und opulente Jubiläumsschau gewidmet, die Eva Kraus, Direktorin des Hauses, als „Bilderreise durch die Brille von Wim Wenders“ bezeichnet. Auf einem großen Parcours sind Fotografien, Behind-the-Scenes-Material, Requisiten, Collagen, biografische Dokumente wie Produktionsunterlagen, Drehbücher und Briefe sowie Plattencover, Filmplakate und Auszeichnungen zu sehen. Auch seine langjährige Tätigkeit als Autor und Filmkritiker sowie seine Leidenschaft für Musik kommen zum Tragen.
Gleich zu Beginn der Schau wird der Besucher von Bruno Ganz als Engel Damiel, der im „Himmel über Berlin“ über den Dächern der geteilten Stadt wacht, empfangen. Engel sind eines der prägenden Motive, die das Werk von Wenders durchziehen. Schon in seiner Jugend zeichnete er sie – inspiriert von Paul Klees „Angelus Novus“. Mit frühen – für den Betrachter überraschenden – Zeichnungen und Aquarellen führt die Ausstellung zunächst zu den Wurzeln von Wenders künstlerischem Schaffen: „Ich liebte Bilder mehr als alles andere“, bekennt der Autorenfilmer, der einst Maler werden wollte und in der „Schule des Sehens“ den Ursprung für sein späteres Filmschaffen sieht.
Die Auseinandersetzung mit Caspar David Friedrich sowie mit zeitgenössischen abstrakten Visionären wie Wassily Kandinsky, Mark Rothko oder Cy Twombly schulte sein Auge. Nach dem Abbruch seines Medizinstudiums zog er nach Paris, um sich am Institut des hautes études cinématographiques (IDHEC) zu bewerben. Da er dort jedoch nicht angenommen wurde, begann er eine Ausbildung als Radierer bei dem deutsch-französischen Grafiker Johnny Friedlaender in Montparnasse. Doch seine eigentliche Schule und zugleich sein zweites Zuhause war der Kinosaal im Filminstitut, der im Gegensatz zu seiner winzigen Studentenwohnung beheizt war. Hier sah er für wenige Francs über 1.000 Filme in einem Jahr und begann, sich für den Film als „Fortführung der Malerei mit anderen Mitteln” zu interessieren. Frei nach dem Motto „Man kann Maler und Filmemacher zugleich sein“ ging er zurück nach Deutschland, um an der neu gegründeten Hochschule für Film und Fernsehen in München zu studieren. Von dort aus nahm seine Laufbahn als Filmemacher Fahrt auf. In der Ausstellung kann man die von der Malerei geprägte Filmästhetik von Wenders in einem kleinen 3D-Kino erleben. Unter anderem wird dort ein Film gezeigt, der die Bildsprache des amerikanischen Malers Edward Hopper zitiert, für den Wenders ein besonderes Faible hegt, was immer wieder auch in seinen Fotografien zum Ausdruck kommt.

Der Titel „W.I.M. – Die Kunst des Sehens” spielt nicht nur auf Wenders’ Vornamen an, sondern greift auch das zentrale Thema der Ausstellung „Wenders in Motion” auf. Was steckt hinter dem Wunsch, in Bewegung und unterwegs zu sein? „Ganz am Anfang wollte ich nur weg und etwas anderes sehen als dieses Land“, erzählt Wenders. Als Kind, das im kriegszerstörten Düsseldorf aufwuchs, habe er eine große Sehnsucht nach einer Welt verspürt, die so viel mehr zu bieten hatte als das Leben in Deutschland. Die hat er mittlerweile mit langjährigen Aufenthalten in den USA und Paris, Reisen nach Japan, Kuba und anderswo erfahren, weshalb er mit Deutschland mittlerweile wieder „im Reinen“ ist und heute in der Uckermark nahe Berlin lebt.

Der Höhepunkt der Schau ist eine immersive, von Wenders eigens für die Bundeskunsthalle entworfene, kinematografische Installation, für die er auch die Musik kuratiert hat und über die er selber sagt: „Das gab es bisher noch nicht. Das ist eher die Zukunftsvorstellung vom Kino“. Mit neuester digitaler Bild- und Soundtechnik füllt sie einen ganzen Raum mit vier etwa acht Meter hohen Wänden. Auf diesen sind unter vielen anderen Filmausschnitten auch Szenen aus dem Roadmovie „Paris, Texas“ zu sehen. In Übergröße führen sie dem Betrachter noch einmal die Bildgewalt dieses Films vor Augen, der mit der musikalischen Untermalung von Ry Cooder weltberühmt wurde. „Als Zuschauer sieht man Filme im Kino immer linear, vom Anfang bis zum Ende“ kommentiert Wenders sein Herzensprojekt. „Als Filmemacher sieht man Filme meist nicht chronologisch. Man schaut ihn sich zwar hin und wieder in der Gänze an, aber beim Drehen konzentriert man sich auf einzelne Szenen und dreht meist kreuz und quer. Ich fand es interessant, den Zuschauer mal in die Lage zu versetzen, den Film nicht chronologisch zu sehen.“
Für „Paris, Texas“, der Nastassja Kinski übrigens in den Film-Olymp hievte, erhielt Wenders 1984 die Goldene Palme in Cannes. Sie ist neben anderen europäischen Preisen in einer langen Vitrine zu sehen. Darunter befindet sich auch der „Goldene Ehrenbär“, der Wenders 2015 auf den 65. Internationalen Filmfestspielen in Berlin für sein Lebenswerk verliehen wurde. Doch was heißt das schon zehn Jahre später? Für den Filmemacher ist noch lange nicht Schluss, wie er in Bonn resümiert. Als „rastloser Reisender“, als der er sich selber sieht, habe er noch viele Projekte im Sinn und weiße Flecken auf seiner persönlichen Landkarte. Allen voran Patagonien.
Text und Bilder von Cornelia Ganitta



