Einsamkeit ist nicht nur ein soziales Problem – sie ist ein messbarer Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, metabolisches Syndrom und Typ-2-Diabetes. Prof. Dr. Karl-Heinz Ladwig erläutert im Gespräch mit Der Allgemeinarzt, was hinter diesem Zusammenhang steckt und warum niedergelassene Ärztinnen und Ärzte eine Schlüsselrolle spielen.
Herr Professor Ladwig, in Ihrem Vortrag bei dem Kongress „Diabetologie grenzenlos“ im Februar in München haben Sie Einsamkeit als robusten Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, metabolisches Syndrom und Typ-2-Diabetes beschrieben. Wie erklärt sich dieser Zusammenhang?
Ladwig: Die Datenlage dazu ist eindeutig. Große Bevölkerungsstudien aus Norwegen, China, Deutschland, Frankreich und vielen anderen Teilen der Welt zeigen übereinstimmend: Wenn scheinbar gesunde Probanden zu Studienbeginn angaben, sich einsam zu fühlen, hatten sie über einen Beobachtungszeitraum von bis zu zehn Jahren ein messbar erhöhtes Risiko, eine dieser Erkrankungen zu entwickeln. Natürlich stellt sich die Frage: Warum? Das kann kein Voodoo-Phänomen sein. Im Rahmen einer evidenzbasierten Medizin brauchen wir eine Erklärung …
… die Sie auch haben?
Ladwig: Zum einen wissen wir, dass dauerhaft einsame Menschen, die keinen Ausweg mehr aus ihrer Einsamkeit kennen und wirklich intensiven emotionalen Schmerz erleiden, zunehmend die Motivation verlieren, für sich selbst zu sorgen. Man könnte vereinfacht von selbstschädigendem oder verwahrlost wirkendem Verhalten sprechen. Das klingt überspitzt, aber konkret bedeutet es: Diese Patienten achten weniger auf ihre Medikamente, sind nicht wirklich compliant oder adhärent. Typische Risikofaktoren wie Bewegungsmangel und ungünstige Ernährung spielen ebenfalls eine Rolle. Alkohol dagegen spielt keine Rolle.
Widerspricht das nicht dem landläufigen Bild des einsam trinkenden Menschen?
Ladwig: Tatsächlich. Entgegen der intuitiven Annahme, dass einsame Menschen übermäßig Alkohol konsumieren, trifft das nicht zu. Weder in der KORA-MONICA-Studie noch in unseren klinischen Folgestudien – darunter eine große Untersuchung mit Vorhofflimmern-Patienten – fanden wir einen erhöhten Alkoholkonsum bei einsamen Menschen. Dieses Klischee stimmt schlicht nicht.
Welche anderen Mechanismen liegen dem erhöhten Erkrankungsrisiko zugrunde?
Ladwig: Ein zweiter, ebenso wichtiger Erklärungsstrang sind psychoneuroimmunologische Faktoren. Das autonome Nervensystem – also die Balance zwischen Sympathikus und Parasympathikus – ist bei chronisch einsamen Menschen aus dem Gleichgewicht. Das endokrine System reagiert verändert: Das Stresshormon Cortisol verhält sich bei diesen Risikopatienten deutlich anders als bei Gesunden. Und schließlich hilft uns das Immunsystem, den sogenannten Cross Talk zwischen mentalen Störungsbildern und ihren somatischen Konsequenzen besser zu verstehen. Diese drei Ebenen – Verhalten, Neuroendokrinologie und Immunologie – erklären zusammen, warum Einsamkeit so tiefe körperliche Spuren hinterlässt.
Wie findet man betroffene Patienten – und wie lässt sich der Teufelskreis durchbrechen?
Ladwig: Zunächst brauchen wir Awareness. Einsamkeit als Risikofaktor ist nicht allein eine Angelegenheit für Psychosomatiker, Psychotherapeuten oder Psychologen – sie gehört mitten in die Behandlung, zum Beispiel mitten in die Diabetesversorgung in der hausärztlichen Versorgung. Das ist der erste und grundlegende Punkt. Der zweite Punkt ist, dass das Erkennen von Einsamkeit gar nicht so einfach ist. Eine große dänische Studie, in der 600 niedergelassene Kolleginnen und Kollegen befragt wurden, hat gezeigt: Es ist schwer für Ärztinnen und Ärzte zu erkennen, ob jemand einsam ist. Leichter fiel es ihnen zu beurteilen, ob jemand in einer erfüllenden Partnerschaft lebt. Die Kehrseite – Einsamkeit – blieb häufig unerkannt. Das hängt auch damit zusammen, dass das Thema Einsamkeit mit Scham und Schuld belegt ist. Es hat Tabucharakter. Niemandem fällt es leicht zu sagen: „Ich bin einsam.“ Denn das ist für viele Menschen gleichbedeutend mit einem Eingeständnis des Scheiterns – etwas, das man weder sich selbst noch anderen gegenüber gerne zugibt.
Was empfehlen Sie Hausärztinnen und Hausärzten konkret?
Ladwig: Zunächst: einfach fragen. Nicht nur Glukosewerte im Blick haben, nicht nur das Gewicht – sondern auch mal nachfragen: „Wie geht es Ihnen eigentlich?“ Und wenn der Verdacht besteht, dass jemand einsam sein könnte, sollte man sich trauen, das direkt anzusprechen. Dabei sollten wir eines nie aus den Augen verlieren: Dieser Moment, in dem der Patient in die Praxis kommt, ist für ihn ein bedeutsamer Moment. Das schleift sich im ärztlichen Alltag ab – verständlicherweise, denn man sieht viele Patientinnen und Patienten täglich. Aber für den Patienten selbst hat dieser Termin oft eine ganz andere Qualität. Denken Sie an die ältere Dame, die vorher zum Friseur geht oder ihr schönstes Kleid anzieht, weil sie zum Arzt geht. Für sie ist das ein wichtiges Ereignis. Was der Arzt gesagt hat, wird sie noch lange beschäftigen. Das bedeutet: Es kommt nicht auf die Länge des Gesprächs an, sondern auf seine Qualität. Wer einmal angesprochen hat, was er wahrgenommen hat, wer gefragt hat – der hat schon etwas Entscheidendes getan. Dieser Moment der Zuwendung wirkt langfristig nach. Das sollten wir nie unterschätzen.
Interview: Cornelia Weber

Prof. Dr. phil. Dr. med. habil. Karl-Heinz Ladwig
Prof. Dr. phil. Dr. med. habil.
Karl-Heinz Ladwig
Klinikum der Universität München
Campus Innenstadt
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Abteilung Psychotherapie und
Psychosomatik
Senior Researcher an der TUM School of Medicine and Health



