Impfungen bieten nicht nur einen wirksamen Schutz gegen Infektionskrankheiten. Aktuelle Daten legen nahe, dass Impfungen sich auch positiv auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen, postinfektiöse Syndrome, neurodegenerative Erkrankungen und gesundes Altern auswirken können.
Impfungen gehören zu den effektivsten präventivmedizinischen Maßnahmen überhaupt. Ihr klassischer Nutzen liegt in der Verhinderung von Infektionskrankheiten und deren Komplikationen. Zunehmend zeigen wissenschaftliche Daten jedoch, dass Impfstoffe weit über die reine Prävention der jeweiligen Zielerkrankung hinaus positive gesundheitliche Effekte entfalten können. Besonders bei älteren Menschen und chronisch Kranken scheinen Impfungen Einfluss auf kardiovaskuläre Ereignisse, neurodegenerative Erkrankungen, chronische Entzündungsprozesse und sogar auf postinfektiöse Syndrome zu haben.
Diese erweiterte Sichtweise gewinnt vor dem Hintergrund des demografischen Wandels, zunehmender Multimorbidität und des Trends zu „Healthy Aging“ und „Longevity Medicine“ immer mehr an Bedeutung. Impfungen sind längst nicht mehr nur Infektionsschutz – sie werden zunehmend zu einem zentralen Bestandteil moderner Präventionsmedizin.
Influenza – weit mehr als „nur Grippe“
Influenza zählt weiterhin zu den bedeutendsten impfpräventablen Erkrankungen weltweit. Saisonale Influenzawellen verursachen insbesondere bei älteren Menschen sowie bei Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes mellitus, chronischen Lungenerkrankungen oder Niereninsuffizienz eine erhebliche Morbidität und Mortalität. In schweren Saisons kommt es auch in Deutschland regelmäßig zu zehntausenden Hospitalisierungen und tausenden Todesfällen.
In den vergangenen Jahren wurde zunehmend deutlich, wie eng Influenza und kardiovaskuläre Erkrankungen miteinander verknüpft sind. Eine akute Influenzainfektion kann systemische Entzündungsreaktionen, endotheliale Dysfunktion, Plaqueinstabilität und thrombotische Prozesse auslösen. Dadurch steigt insbesondere bei Risikopatienten das Risiko für Myokardinfarkte, Schlaganfälle und kardiovaskuläre Todesfälle deutlich an.
Vor diesem Hintergrund erscheint die Influenzaimpfung zunehmend als kardiovaskuläre Präventionsmaßnahme. Mehrere Studien und Metaanalysen konnten zeigen, dass geimpfte Personen ein geringeres Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse und eine niedrigere Mortalität aufweisen. Besonders eindrucksvoll sind die Daten bei Patienten nach akutem Myokardinfarkt oder mit Hochrisiko-KHK wie beispielsweise die IAMI-Studie mit einer Risikoreduktion von 28 %.
Die Influenzaimpfung sollte deshalb nicht ausschließlich als Schutz vor respiratorischer Infektion betrachtet werden, sondern zunehmend auch als Bestandteil eines umfassenden kardiovaskulären Risikomanagements.
COVID-19-Impfung und Post-COVID-Syndrom
Ein weiteres spannendes Feld ist der Einfluss von Impfungen auf postinfektiöse Syndrome, insbesondere auf Long COVID beziehungsweise das Post-COVID-Syndrom. Dieses umfasst persistierende oder neu auftretende Beschwerden nach einer SARS-CoV-2-Infektion, darunter Fatigue, Dyspnoe, Konzentrationsstörungen, Schlafprobleme und eingeschränkte Belastbarkeit.
Mehrere Beobachtungsstudien zeigen mittlerweile, dass COVID-19-Impfungen das Risiko für Long COVID reduzieren können. Dabei scheint der protektive Effekt mit der Anzahl der Impfungen zuzunehmen. Besonders Booster-Impfungen scheinen einen zusätzlichen Schutz über die Grundimmunisierung hinaus zu bieten.
Zwar handelt es sich überwiegend um Beobachtungsdaten und potenzielle Confounder können nicht vollständig ausgeschlossen werden. Dennoch spricht die aktuelle Evidenz dafür, dass Impfungen nicht nur schwere akute Verläufe verhindern, sondern möglicherweise auch
die langfristigen Folgen viraler Infektionen reduzieren.
Herpes-zoster-Impfung und Demenzrisiko
Besonders großes wissenschaftliches Interesse besteht derzeit an möglichen Zusammenhängen zwischen Impfungen und neurodegenerativen Erkrankungen. Mehrere aktuelle Studien deuten darauf hin, dass eine Herpes-zoster-Impfung mit einem reduzierten Demenzrisiko assoziiert sein könnte.
Große Kohortenstudien zeigten bei geimpften älteren Erwachsenen ein deutlich niedrigeres Risiko für die Entwicklung einer Demenz im Vergleich zu ungeimpften Kontrollgruppen. Auch Metaanalysen bestätigen diese Beobachtungen.
Die zugrunde liegenden Mechanismen sind bislang nicht abschließend geklärt. Diskutiert werden unter anderem:
Reduktion chronischer neuroinflammatorischer Prozesse
Verhinderung herpesvirusassoziierter neuronaler Schäden
Modulation systemischer Entzündungsreaktionen
Einfluss auf vaskuläre Risikofaktoren
unspezifische Immunmodulation im Sinne einer „trained immunity“
Auch wenn kausale Zusammenhänge bislang nicht abschließend bewiesen sind, sind die bisherigen Daten bemerkenswert und könnten langfristig eine erhebliche Bedeutung für die Präventionsmedizin alternder Gesellschaften haben.
„Trained Immunity“ – das Immunsystem neu gedacht
In den letzten Jahren hat insbesondere das Konzept der sogenannten „trained immunity“ zunehmend Aufmerksamkeit erhalten. Lange galt immunologisches Gedächtnis ausschließlich als Eigenschaft des adaptiven Immunsystems. Neuere Erkenntnisse zeigen jedoch, dass auch Zellen des angeborenen Immunsystems durch Impfungen funktionell langfristig beeinflusst werden können.
Diese Veränderungen könnten erklären, warum bestimmte Impfungen auch protektive Effekte gegenüber anderen Erkrankungen oder allgemeinen Entzündungsprozessen entfalten. Diskutiert werden verbesserte antivirale Antworten, eine optimierte Regulation von Entzündungsprozessen sowie eine insgesamt höhere immunologische Resilienz.
Viele dieser Mechanismen sind aktuell noch Gegenstand intensiver Forschung. Dennoch erweitern sie unser Verständnis von Impfungen grundlegend.
Impfungen als Bestandteil von Healthy Aging und Longevity
Die moderne Präventionsmedizin fokussiert sich zunehmend nicht nur auf die Verlängerung der Lebenszeit, sondern vor allem auf die Verlängerung der gesunden Lebensjahre („health span“). In diesem Zusammenhang könnten Impfungen künftig eine zentrale Rolle einnehmen.
Gerade ältere Menschen reagieren empfindlich auf Infektionen. Selbst vermeintlich banale Infekte können Gebrechlichkeit, funktionellen Abbau, Verlust von Selbstständigkeit oder kognitive Verschlechterungen beschleunigen. Infektionsprävention bedeutet daher häufig weit mehr als nur die Vermeidung akuter Erkrankungen und führen meist zu einem deutlichen Verlust von Lebensqualität.
Impfungen gegen Influenza, Pneumokokken, RSV, COVID-19 oder Herpes zoster könnten somit wesentlich dazu beitragen, Mobilität, Selbstständigkeit, Lebensqualität und kognitive Leistungsfähigkeit im Alter länger zu erhalten.
Grenzen der aktuellen Evidenz
Trotz der vielversprechenden Daten muss betont werden, dass viele der beschriebenen Effekte bislang überwiegend auf Beobachtungsstudien beruhen. Randomisierte kontrollierte Studien liegen nur teilweise vor. Zudem spielen mögliche Verzerrungen wie der sogenannte „healthy vaccinee bias“ eine Rolle: Menschen, die sich regelmäßig impfen lassen, leben häufig insgesamt gesundheitsbewusster.
Dennoch zeigt sich über viele Studien hinweg ein konsistentes Bild, das die Hypothese unterstützt, dass Impfungen weitreichendere gesundheitsfördernde Effekte besitzen könnten als bislang angenommen.
Fazit
Das wissenschaftliche Verständnis von Impfungen verändert sich derzeit grundlegend. Impfstoffe werden zunehmend nicht nur als spezifischer Schutz vor einzelnen Infektionskrankheiten verstanden, sondern als potenzielle Modulatoren allgemeiner Gesundheitsrisiken.
Die aktuellen Daten deuten darauf hin, dass Impfungen positive Effekte auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen, postinfektiöse Syndrome, neurodegenerative Erkrankungen und gesundes Altern haben könnten. Auch wenn für viele Zusammenhänge noch prospektive randomisierte Studien fehlen, ist die bisherige Evidenz äußerst vielversprechend.
Für die ärztliche Praxis eröffnet sich damit eine wichtige Perspektive: Impfungen können künftig nicht nur als Infektionsschutz kommuniziert werden, sondern zunehmend auch als integraler Bestandteil moderner Präventionsmedizin und gesunder Langlebigkeit.
Autoren: Dr. med. Markus Frühwein, PD Dr. med. Martin Alberer



