Angesichts des wachsenden Schuldenbergs in der Gesetzlichen Krankenversicherung sehen sowohl die Bundesärztekammer als auch Kassenärztliche Bundesvereinigung 2026 als entscheidendes Jahr für die Reform der Krankenversicherung an. Während die BÄK ein „Schlüsseljahr“ sieht, vermisst die KBV den Mut zur wirklichen Reform. Tatsächlich scheinen Zweifel an der Reformfähigkeit der Bundesregierung berechtigt.
Bundesärztekammer-Präsident Dr. Klaus Reinhardt sagte auf der Neujahrspressekonferenz in Berlin: „Viele Herausforderungen – von der Finanzierung über die Steuerung medizinischer Leistungen bis hin zur Belastung der Beschäftigten – begleiten das System seit Langem. Diese bekannten Reformbaustellen müssen jetzt entschlossen angegangen werden.“ Ziel sei es, die Voraussetzungen für ein zukunftsfestes, bedarfsgerechtes und krisenfestes Gesundheitswesen zu schaffen. Mehr Mut und Tatkraft bei der Umsetzung dringend notwendiger Reformen im Gesundheitswesen fordert der Vorstandsvorsitzende der KBV, Dr. Andreas Gassen, aufseiten der Politik. Er vermisse zudem eine grundsätzliche Diskussion darüber, wie die Sozialsysteme auf Dauer finanziert werden könnten, stellte er fest. Eine Möglichkeit sei die Einführung von Tarifmodellen in der gesetzlichen Krankenversicherung. Auch die Versorgung insgesamt müsse besser koordiniert werden. Für den ambulanten Bereich plädierte Reinhardt für verbindliche primärärztliche Einschreibemodelle sowie für eine verlässliche strukturierte Ersteinschätzung – telefonisch, digital oder vor Ort. Abschließend erklärte Reinhardt: „Das Jahr 2026 kann zu einem Wendepunkt werden, wenn politische Entscheidungen konsequent, praxisnah und mit klarem Gestaltungsanspruch getroffen werden.“
GKV um Milliarden-Betrag entlasten
Besonders dringlich ist aus Sicht der Ärzteschaft die Stabilisierung der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). „Die angespannte Finanzlage ist das Ergebnis struktureller Probleme, die sich über viele Jahre hinweg aufgebaut haben“, betonte Reinhardt. Um weitere Beitragssatzsteigerungen zu verhindern, müsse die GKV kurzfristig in Milliardenhöhe entlastet werden. Als zentrale Sofortmaßnahme fordert die Bundesärztekammer, die GKV konsequent von versicherungsfremden Leistungen zu entlasten, vor allem bei der Finanzierung der Krankenkassenbeiträge von Bürgergeldempfängern. Ergänzend sprach er sich für eine Absenkung der Mehrwertsteuer auf Arzneimittel auf sieben Prozent sowie für Abgaben auf Alkohol, Tabak und Zucker aus.
Aus der Perspektive der KBV ist es notwendig, dringend erforderliche Reformen im Gesundheitssystem endlich auf den Weg zu bringen. Es sei unabdingbar, dass endlich umfassende Sozialreformen angestoßen würden, betonte Gassen. „Denn das Thema gesetzliche Krankenversicherung ist ja nur eins.“ Zudem sei völlig klar, dass in einer Gesellschaft, in der die Zahl der Vollzeit-Beschäftigten kontinuierlich abnehme, die Leistungen über Beiträge nicht zu finanzieren seien. Es stelle sich früher oder später die Frage, ob die Leistungen im bisherigen Umfang weiter bezahlbar seien. Gassen: „Diese Diskussion sehe ich im Moment nicht, die ist aber entscheidend. Sonst wird das System vor die Wand fahren.“ Die Forderung der gesetzlichen Krankenkassen nach einer Rücknahme der Entbudgetierung der Haus- und Kinderärzte wies Gassen deutlich zurück. Das wäre „ein erneuter Vertrauensbruch“, sagte er. Zudem könne ein solcher Schritt massive Veränderungen im Versorgungsangebot bedeuten. „Weil dann sehr viele Kolleginnen und Kollegen, die vielleicht jetzt noch entschlossen sind, weiterzumachen, relativ kurzfristig aus der Gesundheitsversorgung aussteigen werden.“
Franz-Günter Runkel



