Die Initiative Deutscher Forschungspraxennetze ist als DEGAM-ForNet (vormals DESAM-ForNet) unter dem Dach der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) neu aufgestellt worden. Eine Evaluation hatte in der bisherigen Struktur Optimierungsbedarf in der inhaltlichen Steuerung und Koordinierung identifiziert. Die Initiative führt nun 40 allgemeinmedizinische Universitätsstandorte zusammen. 2026 sollen fünf große multizentrische Projekte starten. Der Bund hat die Förderung der Koordinierungsstelle bis 2030 verlängert.
Im DEGAM-ForNet Newsletter Nr. 39 vom 21.10.2025 wurde über die Umstrukturierung berichtet. Ein Team von Mitarbeitenden aus den allgemeinmedizinischen Universitätsstandorten hatte die erste BMBF-Förderperiode von 2020 bis 2025 unter die Lupe genommen und strukturiert evaluiert. Das Fazit zeigte unter anderem: „In der Evaluation wurden mangelnde inhaltliche Steuerung und Leitung der standortübergreifenden Zusammenarbeit festgestellt.“ Deshalb sei für das reformierte DEGAM-ForNet eine neue Organisationsstruktur erstellt worden, um strategische Leitung und operative Umsetzung sowie Rollen und Verantwortlichkeiten neu zu regeln und klarer zu definieren.
DEGAM-ForNet als Kommission der DEGAM neu aufgestellt
In der Konsequenz wurde die Initiative Deutscher Forschungspraxennetze DEGAM-ForNet 2025 als Kommission der DEGAM neu aufgestellt. 40 allgemeinmedizinische Universitätsstandorte wirken in der neuen Struktur gleichberechtigt mit und wählten die Steuerungsgruppe in ihrer Vertreterversammlung, um die Initiative DEGAM-ForNet strategisch weiterzuentwickeln. Die Koordinierungsstelle ist eine gemeinsame Einrichtung der DEGAM und der Informatik-Fakultät der Hochschule Reutlingen. Neue Sprecherin der Initiative ist Prof. Jutta Bleidorn aus Jena. „Wir verbinden die universitätsmedizinische Forschung mit der ambulanten Versorgungswelt und schaffen dadurch den intersektoralen Anschluss, den wir für viele drängende Forschungsfragen benötigen“, unterstreicht Bleidorn. Im Interview mit „Der Allgemeinarzt“ vertieft Dr. Leonor Heinz, Leiterin der Koordinierungsstelle für die Initiative DEGAM-ForNet in Berlin, den Umbau des Netzwerks. So seien in der ursprünglichen Struktur der Initiative DESAM-ForNet ab 2020 nur 23 von 42 allgemeinmedizinischen Universitätsstandorten eingebunden gewesen. „Die Hälfte der Universitätsstandorte war gar nicht Teil der Governance-Struktur und hatte kein Stimmrecht“, stellt Heinz fest. Wenn man eine deutschlandweite Struktur aufbauen möchte, sei es schwierig, die Hälfte der Unistandorte nicht mit im Boot zu haben. „Diese Schwäche wurde mit der Umwandlung in die Initiative DEGAM-ForNet ausgeglichen.“ Außerdem werden die DEGAM-Sektionen „Forschung“ sowie „Leitlinien und Qualitätsförderung“ besser mit der Struktur verknüpft.
Neue Ansätze in der Initiative DEGAM-ForNet
Grundsätzlich richtet sich die Initiative jetzt an alle allgemeinmedizinischen Universitätsstandorte mit Forschungspraxen, unabhängig von spezifischen Förderrichtlinien. „Die Initiative DEGAM Z-ForNet bietet allen interessierten allgemeinmedizinischen Universitätsstandorten Gestaltungsmöglichkeiten und Vorteile beim Aufbau und Betrieb ihrer hausärztlichen Forschungspraxennetze“, betont Leiterin Heinz. Dezidiert geht es darum, verschiedene Drittmittelprojekte erschließen zu können. Das bezieht sich auf BMFTR-Projekte, solche des Innovationsfonds oder auch DFG- sowie Industrie-Projekte. Für die Industrie-Kooperation hat die Initiative Regeln entwickelt, um Projekte mit Industrie-Partnern anbahnen zu können. „Industrie-Partner können ihre Projekte auf unserer Website aufbereiten, sodass wir sie in der Initiative distribuieren können“, so Heinz, „Grundregel aber ist, dass die Methodik der Studien partizipativ entwickelt wird. Das entspricht unserer Maxime ‚Forschung aus der Praxis – für die Praxis‘.“
40 Stimmen für die allgemeinärztliche Forschung
Die Initiative DEGAM-ForNet ist jetzt eine Gemeinschaft standortübergreifend kooperierender allgemeinmedizinischer Universitätsstandorte mit Forschungspraxen. Jeder Unistandort hat in dieser Struktur eine Stimme, die ihre Wirkung ungefähr alle zwei Monate in der Vertreterversammlung entfaltet. Die Vertreterversammlung hat eine siebenköpfige Steuerungsgruppe für das Tagesgeschäft und die strategischen Entscheidungen gewählt. Die Steuerungsgruppe wiederum setzt Arbeitsgruppen zu spezifischen Themen ein, die für alle Unistandorte von Relevanz sind. Im Moment gibt es drei Arbeitskreise zu den Themen „Daten & IT“, „Qualifikation“ und „Partizipation“. Die Koordinierungsstelle hat die Aufgabe, diese Struktur organisatorisch und inhaltlich zu unterstützen. Leonor Heinz: „Wir sind nicht die Bestimmer, sondern wir stützen die Struktur.“
Implementierung der Standards und Tools
Die zentrale Aufgabe der Koordinierungsstelle ist es, die Implementierung der bis 2025 entwickelten Standards und Tools an den Universitätsstandorten zu unterstützen. Die Werkzeuge für Forschung im hausärztlichen Setting beziehen sich auf die Schwerpunkte Daten und IT (Praxis-Manager, Studien-Manager, Praxis-Studien-Manager), Qualifizierung (Research Ready-Konzept, Lernzielkatalog, Qualifizierungsstandard), Partizipation (Handreichung zur Partizipation) sowie zwei Checklisten zur Implementierung und für externe Partner.
Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) hat die enorme Bedeutung des hausärztlichen Settings und der Allgemeinmedizin für die Forschungslandschaft in Deutschland erkannt. „Ein Primärarztsystem bedarf einer guten Forschungsstruktur, um seiner entscheidenden Rolle im Versorgungssystem besser gerecht werden zu können und informierte Entscheidungen zu ermöglichen. Eine solche Forschungsstruktur fehlte aber bisher – gerade im internationalen Vergleich. Da möchte man als Wissenschafts-Standort Deutschland nicht zurückstehen“, beschreibt Heinz die Motivation des BMFTR. Es geht einerseits um Interventionsstudien, aber auch um Beobachtungsstudien mit Patienteneinschluss sowie um epidemiologische Studien zur Inzidenz und Prävalenz von Krankheitsbildern in Deutschland. Außerdem soll die Anschlussfähigkeit an bestehende Forschungsstrukturen entwickelt werden – zum Beispiel an das wachsende Netzwerk Universitätsmedizin.
2026 sollen fünf multizentrische Studien starten
Fünf große multizentrische Projekte werden voraussichtlich 2026 starten. Das sind einerseits Interventionsstudien, andererseits Projekte für den Aufbau von Registern chronischer Erkrankungen. Inhaltlich ist die Evaluation der Leitlinien wichtiger Krankheitsbilder wie Diabetes ein bedeutendes Ziel. Welche der empfohlenen Interventionen ist eigentlich die beste? Es betrifft Arzneimittel, deren Patentschutz bereits lange abgelaufen ist. Daher wird die Industrie diese Studie nicht finanzieren. Die Initiative DEGAM-ForNet will mit ihrer Forschung Einfluss auf die Leitlinien nehmen.
Bottom up-Forschung in der Allgemeinmedizin
Im Moment sieht Leonor Heinz sehr viel Dynamik in Forschungs-Infrastrukturen in Deutschland. Das Netzwerk Universitätsmedizin ist aus ihrer Sicht ein Parade-Beispiel dafür – auch in internationaler Hinsicht. „Daraus entstehen viele Chancen für die hausärztliche Versorgung, sichtbar zu werden. Ich hoffe, dass wir das hausärztliche Setting stärken und zu einem noch attraktiveren Arbeitsplatz machen können“, sagt die Leiterin der Koordinierungsstelle. Das Ziel sei eine patientenzentriertere Forschung, die nach dem Bottom up-Prinzip funktioniere. Top-Down-Lösungen mit Universitätskliniken an der Spitze habe es in der Vergangenheit schon viele gegeben. Und die zukünftige Rolle der Berliner Koordinierungsstelle? „Wie es weitergeht, hängt sehr davon ab, wie sich die Forschungsinfrastruktur in Deutschland insgesamt entwickelt – insbesondere im universitätsmedizinischen Bereich. Unsere Aufgabe besteht darin“, so Heinz, „diese Dynamik im Interesse des Fachs Allgemeinmedizin zu koordinieren und zu nutzen. Wir sind das Bindeglied und bündeln die Aktivitäten.“
Franz-Günter Runkel



