Wer regelmäßig berufspolitische allgemeinmedizinische Veranstaltungen besucht, kommt an einem Dauerbrenner kaum vorbei: Wie weit sollten oder müssen heute herkömmliche ärztliche Leistungen in einer allgemeinmedizinischen Praxis delegiert werden? Dieser Kommentar beleuchtet anhand zweier Praxisbeispiele das enorme Delegationspotenzial für Hausärzte und zeigt auf, wie durch den gezielten Einsatz von Physician Assistants (PA) und nichtärztlichen Praxisassistenten die hausärztliche Versorgung effizienter gestaltet werden kann.
Warum Delegation in Hausarztpraxen so wichtig ist
Da glaubt mancher Hausarzt, schon mit einer besonders weitergebildeten MFA sein gesamtes Delegations-Repertoire ausgeschöpft zu haben. Weit gefehlt!
Wer die Erkenntnisse des Beratungsunternehmens Optimedis, das im Auftrag der Bertelsmann Stiftung zwei reale Praxisbeispiele im Hinblick auf optimale Delegationspotenziale unter die Lupe genommen hat, betrachtet, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Für ihre Analyse haben die Autoren zwei besondere Praxen unter die Lupe genommen:
- Das MVZ-Birkenallee in Papenburg (Emsland)
- Die Gemeinschaftspraxis Hausärzte am Spritzenhaus in Baiersbronn (Nordschwarzwald)
Beispiel Papenburg: Delegation im MVZ-Birkenallee
Personalstruktur und Delegationskräfte
Dort waren im MVZ zum Zeitpunkt der Erhebung vollzeitäquivalent vier Ärzte, elf Physician Assistants (PA) und drei NäPA tätig. Diese 14 Delegationskräfte übernahmen primär direkte EBM-Leistungen sowie weitere medizinische Leistungen.
Übernommene Leistungen durch Delegationskräfte
Die Delegationskräfte übernahmen folgende Aufgaben:
- Wundversorgung und Geriatrie
- Hausbesuche
- ADHS-Testungen Erwachsener
- Infusionstherapie
- DMP-Verlaufskontrollen
- Verwaltungs- und Koordinationsaufgaben
Beeindruckende Entlastungseffekte
Unter weiterer Einberechnung von Verwaltungs- und Koordinationsaufgaben ergab sich daraus ein Entlastungsvolumen von 8,2 bis 9,7 Arzt-Vollzeitstellen. Oder anders gerechnet: Mit fast 3.200 Patienten konnte jeder Vollzeit-Arzt im MVZ dreimal mehr Patienten schultern als ein „konventionell organisierter” Allgemeinarzt. Durch konsequente Delegation lassen sich so – unter ärztlicher Supervision – zwei Drittel an hausärztlicher Vollzeitkapazität ersetzen.
Beispiel Baiersbronn: Digitalisierung und Delegation
Teamzusammensetzung in der Gemeinschaftspraxis
In Baiersbronn (3,6 Ärzte, 1,2 PA und 4,5 NäPA) liegt dieser Wert ebenfalls zwischen 60 und 71 Prozent. Auch hier können mit 1.800 Fälle im Quartal überdurchschnittlich viele Fälle pro Arzt betreut werden.
Erfolgsfaktoren für effiziente Delegation
Garant hierfür sind neben einer stark digitalen Ausrichtung vor allem die 1,2 PA-Stellen, die Akuttermine, Verlaufskontrollen (etwa bei Chronikern) und Präventionsleistungen übernehmen, sowie die VERAHs, die bei Hausbesuchen, der Wundversorgung oder bei DMP-Kontrollen entlasten.
Signifikante Entlastung im Vergleich
Unter dem Strich liegt somit die durchschnittliche Entlastung aller Delegationskräfte bei 65 Prozent einer Vollzeit-Arztstelle. Das ist hoch signifikant verglichen mit den Delegationsanteilen in ländlichen Standard-MVZ, die bei geriatrischen Leistungen bei zehn oder bei Hausbesuchen bei 15 Prozent liegen.
Viel Luft nach oben: Potenziale für jede Hausarztpraxis
Da ist also in vielen Praxen noch Luft nach oben. Jetzt kann natürlich nicht jede Allgemeinarztpraxis 6 oder gar 14 nicht ärztliche Assistenzkräfte aufbieten. Das muss aber auch gar nicht sein.
Auch kleine Schritte zahlen sich aus
Selbst ein zusätzlicher PA und/oder eine zusätzliche Verah/NäPa können schon viel bewirken. Insbesondere bei der für die Hausärzte zeitraubenden Betreuung geriatrischer Patienten oder zeitfressenden Hausbesuche zahlt sich das schnell aus. Und Jahr für Jahr stehen auch mehr PAs und VERAHs zur Verfügung.
Wirtschaftliche Überlegungen
Natürlich muss jede Allgemeinarztpraxis das für sich genau durchrechnen, weil solche nichtärztlichen Fachkräfte auch gut dotiert werden müssen. Da jedoch solche Entlastungseffekte auch in kleineren Praxen zu erwarten sind, ist das Risiko nicht so groß, wie viele fürchten.
Delegation als alternativlose Zukunftsstrategie
Und eigentlich alternativlos. Denn um die Lücke von rund 8.200 bis 2030 vakanten Hausarztsitzen abzudecken, könnten rein rechnerisch rund 12.000 PAs und nichtärztliche Praxisassistenten in Vollzeit diese Lücke schließen. Und wenn das Primärarztsystem tatsächlich kommt, müssen Hausärztinnen und Hausärzte ohnehin – mehr denn je – auf Entlastung setzen.
Wenn das Primärarztsystem tatsächlich kommt, müssen Hausärztinnen und Hausärzte – mehr denn je – auf Entlastung setzen.
Raimund Schmid, Experte für Berufspolitik



