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Kohärenzgefühl & Familiensinn: Salutogenetische Perspektiven

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Kohärenzgefühl & Familiensinn: Salutogenetische Perspektiven

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mgo medizin Redaktion

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7 MIN

Erschienen in: Der Allgemeinarzt

Der folgende Artikel beleuchtet die Bedeutung des Kohärenzgefühls und des Familiensinns aus salutogenetischer Perspektive in der familienmedizinisch orientierten Hausarztmedizin. Dr. disc. pol. Ottomar Bahrs zeigt auf, wie das von Aaron Antonovsky entwickelte Konzept des Kohärenzgefühls die hausärztliche Langzeitversorgung bereichern kann und welche Rolle der Familienkohärenzsinn in der Gesundheitsbildung und Krisenbewältigung spielt.

Belastung als Risiko und Chance

Belastungen gehen mit höherer Wahrscheinlichkeit mit krisenhaften Verläufen einher, die in Erkrankung münden können. Sie können bei flexibler Nutzung von Ressourcen aber auch Entwicklungsprozesse stimulieren und zur Gesundheitsbildung beitragen. Das Erkennen solcher „positiv abweichender Fälle” hat Aaron Antonovsky (1997) zu seinem bahnbrechenden Werk „Was erhält Menschen gesund?” motiviert.

Ihm zufolge schlägt sich die wiederholte Erfahrung gelingender Krisenbewältigung in einer inneren Struktur („Kohärenzgefühl”) nieder.

Die drei Dimensionen des Kohärenzgefühls

Gemeint ist eine grundlegende Zuversicht, die sich in drei Komponenten gliedert:

  • Gefühl der Bedeutsamkeit: Das jeweilige Tun ist der Mühe wert, man wird als wertvolles Mitglied einer Gemeinschaft geschätzt und gehört
  • Gefühl der Verstehbarkeit: Die soziale Welt folgt grundsätzlich verstehbaren Regeln, sodass man sich auch in neuen Situationen zurechtfinden kann
  • Gefühl der Handhabbarkeit: Schwierige Situationen können im Großen und Ganzen – allein oder mithilfe anderer – bewältigt werden

Antonovsky postulierte, dass ein starkes Kohärenzgefühl gezieltere und flexiblere Nutzung verfügbarer Ressourcen und damit besserer Gestaltung des Alltagslebens (einschließlich expliziter Krisenbewältigung) ermögliche, was in unterschiedlichen Lebensbereichen bestätigt werden konnte und insbesondere im Hinblick auf das Leben mit chronischer Krankheit und auf Gesundheitsförderung bedeutsam ist.

Das Kohärenzgefühl: Verstehbarkeit, Handhabbarkeit, Bedeutsamkeit

Das Ausmaß dieser Zuversicht variiert mit den verfügbaren Ressourcen sowie Qualität und Quantität erlebter Gelingenserfahrungen.

Wie entsteht das Kohärenzgefühl?

Die drei Dimensionen entwickeln sich durch spezifische Erfahrungen:

  • Gefühl von Bedeutsamkeit: Resultiert aus der Erfahrung von Partizipationsmöglichkeit und Zugehörigkeit
  • Gefühl von Verstehbarkeit: Entsteht aus der Erfahrung konsistenter Abläufe und Interaktionen
  • Gefühl von Handhabbarkeit: Entwickelt sich aus der Erfahrung einer den eigenen Möglichkeiten entsprechenden Belastungsbalance

Das Kohärenzgefühl bildet sich lebenslang, wobei frühkindliche Erfahrungen besonderes Gewicht haben: Gesundheitsbildung findet zunächst (vor allem) in der Primärfamilie statt.

Die Rolle der Familie in der Gesundheitsbildung

Die grundlegenden Strukturen können nur übernommen werden, wenn sie existieren (Sartre 1977–1979). In der familialen Interaktion werden Erfahrungsräume zur Verfügung gestellt, die die Ausbildung des Kohärenzgefühls ermöglichen (oder erschweren). Damit wächst der Betreffende zugleich hinein in eine das Familiensystem insgesamt charakterisierende Lebensorientierung, die den Beteiligten selten vollständig bewusst ist, aber das Zusammengehörigkeitsgefühl der Gruppe spiegelt.

Der Familienkohärenzsinn – Konzept und offene Fragen

Schon Antonovsky wies auf den Familienkohärenzsinn hin. Einige Studien zeigten hohe Korrespondenzen zwischen der Ausprägung des SOC verschiedener Familienmitglieder. Es gibt allerdings kaum Studien über eine gemeinsame Weltsicht. Dafür gibt es gute Gründe.

Methodische Herausforderungen

Vossler (2001) zeigt auf, dass sich der Familienkohärenzsinn (FSOC) nach innen auf das Familienleben oder nach außen auf die familiale Weltsicht insgesamt beziehen kann. Auch lässt sich der FSOC aus der Perspektive der einzelnen und aus der Perspektive des Kollektivs erheben.

Aber wie kann man der kollektiven Sicht gewahr werden?

Offene Fragen in der Forschung:

  • Orientiert man sich auf Basis von Einzelbefragungen an Durchschnittswerten?
  • Soll man Extrempositionen besonders gewichten in der Annahme, dass sich Meinungsführer in Aushandlungsprozessen durchsetzen?
  • Oder stellen Minderheiten dauerhaft die Einigung infrage?

Diese Probleme sind ungelöst und in qualitativen Pilotprojekten zu klären.

Vossler zeigt auf, dass sich der Familienkohärenzsinn nach innen auf das Familienleben oder nach außen auf die familiale Weltsicht insgesamt beziehen kann.

Familienkohärenz in der hausärztlichen Langzeitversorgung

Eine Reflexion auf den jeweiligen Familienkohärenzsinn lohnt sich für Theorie und Praxis einer familienmedizinisch orientierten Hausarztmedizin. In der Langzeitversorgung formt sich bei den Ärzt:innen umso intensiver ein Gespür für das jeweilige familiale Weltbild, je direktere Einblicke in das Familienleben möglich werden.

Der Eindruck vom Familienbild bleibt bislang bei Ärzt:innen wie bei Patient:innen und deren Familien in der Regel implizit und ist dennoch handlungsleitend.

Bilanzierungsdialoge als Instrument der Familienkohärenz

Ich möchte dies am Beispiel von Bilanzierungsdialogen (BD) veranschaulichen (Bahrs 2018; Bahrs u.a. 2018).

Was sind Bilanzierungsdialoge?

Mit Patient:innen mit chronischen Erkrankungen wurden gezielt mehrere längere Gespräche geführt, um auf Grundlage einer gemeinsamen Einschätzung der aktuellen (Er-)Lebenssituation diejenigen für die Betroffenen vorrangigen Gesundheitsziele zu benennen, die in einem absehbaren Zeitraum erreicht werden sollten.

Zentrale Erkenntnisse:

  • Diese Ziele konnten unabhängig von den chronischen Erkrankungen gewählt werden
  • Sie orientierten sich viel stärker als von den Ärzt:innen erwartet an grundlegenden Lebenszielen und lebensphasenbezogenen Anforderungen
  • Die BDs gingen mit einer Perspektivenerweiterung einher und ließen familiale Deutungsmuster und Regeln klarer werden

Fallbeispiel: Kulturelle Wertekonflikte und Familienkohärenz

Ausgangssituation

Eine 35-jährige türkisch-stämmige Frau, in Deutschland aufgewachsen, befindet sich seit gut 10 Jahren in Behandlung bei ihrer Hausärztin. Sie klagt im BD über:

  • Hohen Blutdruck
  • Herzrasen
  • Müdigkeit
  • Erschöpfung
  • Stimmungsschwankungen

Beschwerden, die seit Jahren bekannt und nicht recht in den Griff zu bekommen sind. Sie übt eine verantwortungsvolle Verwaltungstätigkeit aus und ist mit einem in der Türkei aufgewachsenen Mann verheiratet. Das Paar hat zwei schulpflichtige Kinder. Die Patientin quält sich mit Selbstvorwürfen, keine gute Mutter zu sein.

Bisherige Behandlungsversuche

Die Problemkonstellation ist der Hausärztin gut bekannt:

  • Müttergenesungskur und Psychotherapie waren vor Jahren eingeleitet worden und schienen hilfreich gewesen zu sein
  • Die kardiologische Abklärung bleibt ohne Befund
  • Die Hausärztin bietet in einem weiteren BD eine psychosomatische Erklärung an, der die Patientin energisch widerspricht

Die Wende durch Bilanzierungsdialoge

Bei weiterer Exploration wird eine unbewältigte Ehekrise offenbar sowie, dass die Patientin in ihrem Bezugskreis keine Unterstützung findet. Sie kann sich mit ihren liberaleren Ansichten und Wünschen nach eigenen Außenkontakten nicht durchsetzen und sieht sich in einer Außenseiterrolle.

Die Ärztin bestärkt sie darin, ihre Interessen aktiv zu vertreten und ihre vorrangigen Ziele (Trennung oder Neuanfang?) zu klären.

Erfolgreiche Krisenbewältigung

Die Patientin entscheidet sich für einen Neuanfang:

  • Sie kann eigene Wünsche stärker realisieren
  • Sie erfährt auch unabhängig von der Familie Wertschätzung und Anerkennung
  • Beim gemeinsamen Urlaub in der Türkei erlebt sie, dass auch ihr Ehemann auf Distanz zu traditionellen Vorstellungen geht
  • Nach 15-jähriger Ehe finden sie zu einem gemeinsamen Selbstverständnis: „Wir sind ja beide Deutschländer”

Reflexion des Behandlungsprozesses

Obgleich die Ärztin aus der Langzeitbegleitung gut über die Situation der Patientin informiert war, waren die im Hintergrund wirkenden Differenzen bzgl. der (kulturspezifischen) Werte bislang nicht zum Thema geworden.

Zirkuläre Fragen danach, wie denn die Kinder, der Ehemann oder auch Verwandte und Freunde die Situation beurteilten, ermöglichten es der Patientin:

  • Die Geschichte ihrer Marginalisierung zu erzählen
  • Sich durch die aufmerksame Zuhörerin ernst genommen und wertgeschätzt zu fühlen

Ergebnis

Es zeigte sich, dass die Patientin notgedrungen die Krankenrolle übernommen hatte und nun, Jahre später, Hilfe gefunden hatte. Über die (gedankliche) Einbeziehung signifikanter Anderer wurde die Rolle des Bezugssystems deutlicher und dieses auch beeinflusst. Die Ärztin nahm bei der Patientin eine deutliche Stärkung der salutogenen Ressourcen wahr – und fühlte sich selbst stärker entlastet.

Dr. disc. pol. Ottomar Bahrs

Dachverband Salutogenese e.V.

Immanuel-Kant-Str. 12, 37083 Göttingen

Tel.: 0551 42483

E-Mail: Ottomar.Bahrs@psych.uni-goettingen.de

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