Ältere Menschen sind oft Frailty-Patientinnen und -Patienten mit reduzierten Organreserven. Während Hydrochlorothiazid bei jüngeren Erwachsenen eine Standardtherapie bei Hypertonie ist, birgt es im Alter erhebliche Risiken: Elektrolytstörungen, Stürze, Hautmalignome und Nierenversagen. Regelmäßige Kontrollen und Deprescribing sind essenziell.
Einleitung
Ältere Menschen mit Hypertonie könnten meinen, dass Hydrochlorothiazid (HCT) ihnen besonders gut hilft. In Medikamentenkombinationen mit HCT steht jedenfalls ziemlich häufig ein Plus für HCT neben dem Namen des Medikaments. Auch in den Leitlinien zur Hypertoniebehandlung für Erwachsene fehlen Thiazide nicht, werden sogar als Basisbehandlung benannt. Das geschieht mit Recht. Durch HCT lassen sich bei Erwachsenen andere Antihypertensiva in der Dosis reduzieren. Umso erstaunlicher wirkt es, wenn HCT in geriatrischen Kliniken häufig abgesetzt wird. Man hält das für einen Irrtum und setzt es nach der Entlassung aus der stationären Behandlung nicht selten wieder an.
Das Beispiel HCT macht deutlich, dass Medikation im höheren Alter ebenso wenig identisch mit der Medikation im Erwachsenenalter wie mit der Medikation im Kindesalter ist. Das liegt zum Teil daran, dass der überwiegenden Zahl der Leitlinien Studien zugrunde liegen, die an 30- bis 70-Jährigen durchgeführt wurden. Verminderte Funktionsreserven von Organsysteme im höheren Lebensalter prädisponieren zu Nebenwirkungen und Komplikationen. Solche Funktionsreserven sind einerseits Ausschlusskriterien für Studien, sind aber andererseits bei alten Menschen regelhaft vorhanden.
Zusammenfassung
Hydrochlorothiazid (HCT) steht in Leitlinien. HCT ist bei Erwachsenen eine physiologisch sinnvolle medikamentöse Antwort auf die Hyperalimentation in unserer Gesellschaft. Aber in den Studien, die den Leitlinien zugrunde liegen, sind Menschen oft unterrepräsentiert, die sich nicht mehr so ernähren, wie es in Deutschland üblich ist.
HCT hat gerade bei diesen Menschen in der Daueranwendung Folgen, die nicht tolerabel sind:
1. Hyponatriämien und Dehydratationen begünstigen Schwindel, Stürze und Delirien
2. Hypokaliämien akzentuieren die schon durch die Exsikkose induzierte Obstipation und begünstigen das Auftreten von Herzrhythmusstörungen.
3. Basaliome, Plattenepithelkarzinome, selten auch Melanome
4. Nierenversagen mit Azidosen und schwer einzuschätzenden und therapieresistenten Elektrolytstörungen
Autorin und Autor: J. Schwab (†), B. Wissuwa



