Inwiefern das Reizdarmsyndrom für Behandler eine besondere Herausforderung darstellt, warum ein multimodaler Ansatz unverzichtbar ist, was es mit dem gehypten Mikrobiom auf sich hat und weshalb Patienten selbst aktiv werden sollen, anstatt nur eine Tablette zu nehmen – Interview mit dem Gastroenterologen Dr. Marcel Sandmann, Herne
Herr Dr. Sandmann, Sie haben bei der DGIM-Jahrestagung in Wiesbaden 2026 über das Reizdarmsyndrom gesprochen. Was ist aus Ihrer Sicht die größte Herausforderung für den behandelnden Arzt, die behandelnde Ärztin?
Sandmann: Das Reizdarmsyndrom ist eine definitionsgemäß chronische Erkrankung, die länger als drei Monate anhält, mit einem hohen Leidensdruck verbunden ist und bei der andere Ursachen wie chronisch entzündliche Darmerkrankungen ausgeschlossen sein müssen. Die eigentliche Schwierigkeit liegt aber darin: Es gibt drei klinisch relevante Typen – den Obstipationstyp, den Diarrhoetyp und den Schmerz- und Blähungstyp. Allein diese Heterogenität macht deutlich, dass es nie das eine Medikament geben wird, das alle Beschwerden abdeckt. Wir müssen je nach Symptomkonstellation unterschiedlich ansetzen.
Wie sieht das in der Praxis aus?
Sandmann: Man arbeitet auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig. Es gibt eine Basistherapie, eine Ernährungstherapie, eine medikamentöse Therapie mit Probiotika oder Phytotherapeutika – und zunehmend auch ergänzende Ansätze wie Reizdarm-Yoga, Atemtechniken oder Hypnosetherapie. Neuerdings kommen auch DiGA-Apps hinzu. Letztendlich ist es ein multifaktorieller Ansatz, der individuell angepasst werden muss. Und ganz wichtig: Den Patienten muss man von Anfang an klar machen, dass der Reizdarm eine chronische Erkrankung ist. Was wir aber gemeinsam erreichen können, ist eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität. Ich sage meinen Patienten gerne: Von dreißig Tagen im Monat haben Sie vielleicht zwanzig schlechte Tage – das Ziel ist, dass wir das umkehren, sodass nur noch zehn schlechte und zwanzig gute Tage bleiben.
Die Heterogenität der Erkrankung macht deutlich, dass es nie das eine Medikament geben wird, das alle Beschwerden abdeckt. Wir müssen je nach Symptomkonstellation unterschiedlich ansetzen.
Sie haben in Ihrem Vortrag auch die Rolle des Mikrobioms angesprochen. Das ist derzeit ein großes Thema – was sagen Sie dazu?
Sandmann: Mikrobiom ist tatsächlich ein Hype – jeder redet drüber. Und ja, das Mikrobiom spielt eine Rolle, weit über die Gastroenterologie hinaus, etwa über die sogenannte Hirn-Darm-Achse. Aber ich möchte klar sagen: Die kommerzielle Stuhlanalyse bringt in der Praxis wenig. Denn diese Tests erfassen häufig nur die großen Hauptgruppen und können in der Regel nicht differenzieren, ob es sich um lebende oder tote Bakterien handelt. Die klinisch relevanten Unterformen werden dabei meist gar nicht abgebildet.
Das heißt, Sie raten davon ab?
Sandmann: Nicht grundsätzlich. Ich sage: Die Stuhlanalyse allein rechtfertigt keine Therapieentscheidung. Was aber Sinn ergibt, ist die Behandlung selbst – also die gezielte Modulation des Mikrobioms über Präbiotika wie Flohsamenschalen oder über Probiotika. Dabei sollte man realistisch sein: Manchmal muss man drei oder vier verschiedene Probiotika über einen gewissen Zeitraum ausprobieren, bis man das für den jeweiligen Patienten geeignete findet. Aber der Stellenwert ist durchaus gegeben. Und langfristig denke ich, dass wir über eine dauerhafte Mikrobiom-Modulation – beispielsweise auch bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen – noch deutlich mehr Möglichkeiten erschließen werden.
Sie haben in Ihrem Vortrag auch die Hypnosetherapie positiv erwähnt. Das klingt für viele Kollegen vielleicht ungewohnt – wie begründen Sie das?
Sandmann: Ich verstehe die Skepsis. Aber man muss aufpassen, dass man solche Ansätze nicht reflexartig abtut. Ich würde Hypnose in den größeren Kontext „kognitive Verhaltensbeeinflussung“ einordnen. Ob das nun Hypnose ist, Yoga oder Atemtechniken – all das hat im Kern mit Innehalten, Zur-Ruhe-Kommen und bewusstem Atemtraining zu tun.
Das Mikrobiom ist tatsächlich ein Hype – jeder redet drüber. Und ja, es spielt eine Rolle, weit über die Gastroenterologie hinaus, etwa über die sogenannte Hirn-Darm-Achse.
Und das funktioniert?
Sandmann: Es gibt solide Studiendaten, die zeigen, dass diese Verfahren beim Reizdarmsyndrom nicht selten besser abschneiden als Medikamente. Da muss man auch als Arzt die eigene persönliche Skepsis zurückstellen, wenn die Datenlage das hergibt.
Und in der Praxis – wie setzen Sie das um?
Sandmann: Es geht letztlich darum, dass der Patient aktiv werden muss. Das ist der entscheidende Unterschied. Eine Tablette nehmen ist die minimalste Aktivität, die man einem Patienten zumuten kann. Aber wenn ich mich mit Ernährung beschäftige, muss ich Lebensmittel auswählen, vielleicht selbst kochen. Wenn ich Hypnose oder Atemtechniken ausprobiere, muss ich lesen, Zeit investieren, mich darauf einlassen. Diese Eigenverantwortung und Aktivierung des Patienten ist therapeutisch extrem wertvoll – und wirkt oft zehnmal besser als eine Tablette, nach der man einfach so weiterlebt wie zuvor.
Interview: Cornelia Weber beim DGIM 2026




