Die digitale Ersteinschätzung sorgt für heftige Diskussionen im deutschen Gesundheitswesen. Hausärztevertreter schlagen Alarm: Das geplante Primärarztsystem könnte die bewährte hausärztliche Versorgung massiv gefährden. Auf dem Neujahrsempfang des Hausärzteverbands in Berlin machten die Funktionäre deutlich, warum sie die Reformpläne des Bundesgesundheitsministeriums kritisch sehen.
Warum lehnen Hausärzte die digitale Ersteinschätzung ab?
„Steuerung nach Schema F hat nichts mit einem Primärarztsystem zu tun”, machte Beier klar. Die Realität zeigt deutlich: Durch eine verpflichtende digitale Ersteinschätzung wird weder das Gesundheitssystem entlastet noch werden Patientinnen und Patienten besser versorgt.
Erstkontakt beim Hausarzt ist Gold-Standard
Für den HÄV-Chef ist sonnenklar: „Das kann kein Callcenter dieser Welt leisten. Der Erstkontakt über die vertraute Hausarztpraxis muss in der ambulanten Versorgung der Goldstandard sein.”
Vorteile der Hausarztzentrierten Versorgung (HZV):
- Persönlicher Kontakt und Vertrauensverhältnis
- Fallabschließende Behandlung der meisten Beratungsanlässe
- Bessere Steuerung der Patienten im Gesundheitssystem
- Bewährtes und funktionierendes System
Beier begrüßte ausdrücklich, dass die HZV nun ein zentraler Baustein des verbindlichen Primärarztsystems werden soll. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken setzt auf zwei parallele Systeme. Allerdings hatte sich die Ministerin nicht ganz so deutlich ausgedrückt. Aus ihrer Perspektive soll die Hausarztzentrierte Versorgung nach §73b SGB V neben dem neuen Primärversorgungssystem weiter bestehen. Das klingt weniger nach großer Wertschätzung.
Mehr Tempo bei der Primärarzt-Reform gefordert
Die HÄV-Co-Bundesvorsitzende Prof. Nicola Buhlinger-Göpfarth forderte im Gespräch mit der Rheinischen Post mehr Tempo bei den angekündigten Reformen.
Jahrzehntelange Symptombehandlung muss enden
„Seit Jahrzehnten doktert die Politik an den Symptomen eines zunehmend überlasteten Gesundheitswesens rum”, gab sie zu denken. Trotz hoher Facharztdichte hat die Wartedauer auf Facharzt-Termine ein unerträgliches Maß erreicht.
Kernforderungen von Prof. Buhlinger-Göpfarth:
- Der erste Patientenweg soll immer zum Hausarzt führen
- Ab 2028 sollen Allgemeinärzte innerhalb definierter Zeiträume Termine beim Facharzt festlegen können
- Bessere Steuerung schafft Kapazitäten für wirklich dringende Fälle
- Patienten brauchen ein System, in dem sie sich nicht auf eigene Faust durchschlagen müssen
Allerdings stellt sich die Frage, ob die Fachärzte dies so einfach mitmachen werden. Statements des Spitzenverbands Fachärztinnen und Fachärzte Deutschlands (SpiFa) lassen hier durchaus Zweifel zu.
Wird die Reform Wirkung zeigen?
Buhlinger-Göpfarth ist trotzdem überzeugt, dass die geplante Primärarztreform Wirkung zeigen wird. „Durch die bessere Steuerung werden in den Facharztpraxen Kapazitäten für die wirklich dringenden Fälle frei”, hofft sie. Allerdings kann das wohl nur funktionieren, wenn Fachärzte für diese Fälle mehr Honorar erhalten. Ob das geschehen wird, ist zumindest unklar.
Derzeit suchen Patienten Fachärzte ungesteuert und ohne zwingenden spezifischen Grund auf. Buhlinger-Göpfarth lastet das aber nicht den Patienten an, sondern einem System, in dem sich jeder auf eigene Faust durchschlagen muss.
Alarmglocken schrillen im Gesundheitssystem
Die Krise der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) spitzt sich derweil zu. Die Lücke zwischen Ausgaben und Beitragseinnahmen wird immer größer, warnt nicht nur der Verband der Ersatzkassen (vdek).
Finanzielle Prognosen des vdek:
- 2025: Differenz von 68,9 Mrd. Euro
- 2026: Differenz von 81,5 Mrd. Euro
- Ausgaben erreichen mit knapp 370 Mrd. Euro ein Rekordniveau
Das Bundesgesundheitsministerium setzt auf ein Primärversorgungssystem als Allheilmittel. „Am Ende werden alle Seiten von dieser Reform profitieren”, betonte Bundesgesundheitsministerin Nina Warken zum Start des Diskussionsprozesses über das neue System.
Primärarztsystem beherrschte Neujahrsempfang
Auch beim Neujahrsempfang des Hausärztinnen- und Hausärzteverbands in Berlin ging Gastredner Tino Sorge (CDU), Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, auf die Pläne seines Hauses zur Umsetzung ein.
Zeitplan für die Umsetzung
Sorge bestätigte, dass im Sommer ein Referentenentwurf vorliegen soll. Der Verband begrüßte diese Pläne. „Wir Hausärztinnen und Hausärzte stehen bereit, um für die Akzeptanz des Primärarztsystems zu werben und es umzusetzen”, unterstrichen die Bundesvorsitzenden Buhlinger-Göpfarth und Beier in Berlin.
Teilnehmer beim Neujahrsempfang:
- Gastredner Tino Sorge (CDU, Mitte)
- Dr. Markus Beier, Co-Vorsitzender des Hausärzteverbands
- Prof. Nicola Buhlinger-Göpfarth, Co-Vorsitzende des Hausärzteverbands
Warnung vor Verwässerung der Reform
Sorges Andeutungen, dass es für Chroniker, die bereits regelhaft einen Facharzt aufsuchen, Ausnahmen geben solle und man Wege eröffnen müsse, „am System vorbei zu agieren”, sind für den Landesvorsitzenden des Bayerischen Hausärztinnen- und Hausärzteverbands, Dr. Wolfgang Ritter, ein Hinweis, dass bei den anstehenden Gesprächen noch einiges an Überzeugungsarbeit zu leisten sein wird.

© BHÄV
Kritik von Dr. Wolfgang Ritter
„Je nachdem, wie weitreichend solche Ausnahmen und Hintertüren sein werden, könnte das die Vorteile eines echten Primärarztsystems wieder verwässern”, warnte er. „Wir müssen das Rad nicht neu erfinden, wir haben mit der HZV bereits ein echtes und funktionierendes Primärarztsystem. Unser Ziel muss sein, das auszubauen und zu stärken.”
Die Zusammenfassung des Dialogs, wie sie nach dem Treffen auf den Seiten des Bundesgesundheitsministeriums nachzulesen ist, lässt jedoch fehlende Wertschätzung ärztlicher Kompetenzen und eine fragwürdige Gewichtung digitaler Tools erkennen.
Digitale Ersteinschätzung hebelt hausärztliche Ebene aus
„Darin wird die hausärztliche Versorgungsebene gleich mit einer digitalen Ersteinschätzung gesetzt und total ignoriert, dass wir Hausärztinnen und Hausärzte den Großteil der Beratungsanlässe fallabschließend behandeln”, kritisierte auch Ritter.
Gefahr eines reinen Überweisungssystems
Die digitale Ersteinschätzung sei im Grunde nur eine Terminvermittlungsstelle nach Anlass und Dringlichkeit. „In der falschen Hand kann sie jedoch die hausärztliche Ebene total aushebeln. Dann bekommen wir keine Primärversorgung im fachlichen Kontext, sondern ein reines Überweisungssystem.”
Wichtige Meilensteine:
- Ende März: GKV-Finanzkommission legt erste Ergebnisse vor, voraussichtlich auch zu den Finanzwirkungen der Primärversorgung
- 2028: Wechsel zur Primärversorgung soll spürbar werden
KBV kündigt konstruktive Zusammenarbeit an
Mit Blick auf die Einführung eines Primärversorgungssystems hat der Vorstandsvorsitzende der KBV, Dr. Andreas Gassen, seine Bereitschaft zur konstruktiven Zusammenarbeit bekräftigt. Eine bessere Steuerung der Patienten sei zweifelsohne ein Gewinn, betonte er im Anschluss an das Auftaktgespräch.
Aktuelle Situation und Herausforderungen
Gassen erinnerte zugleich daran, dass sich bereits heute 70 % der Versicherten bei einem Anliegen zunächst an ihren Hausarzt wenden. Doch angesichts der zunehmenden Komplexität des Gesundheitssystems sei es notwendig, eine Steuerung für jene Patientinnen und Patienten zu etablieren, die sich unkoordiniert durch das System bewegen.
Zentrale Aussagen von Dr. Gassen:
- „Eine bessere Zuordnung der Patienten ist inhaltlich zweifelsohne ein Gewinn”
- Die Reform spart zumindest kurzfristig kein Geld – das muss ehrlich gesagt werden
- 70 % der Versicherten wenden sich bereits heute zunächst an ihren Hausarzt
Auch Bundesgesundheitsministerin Warken hat die ambulante Reform nicht zwangsläufig mit der Einsparung von Geld verknüpft.
Die Gretchenfrage: Wer gewinnt, wer verliert?
Spannend wird die Frage, wie sich die Systemverschiebungen auf die Honorarverteilung auswirken werden. Letztlich geht es um die Gretchenfrage: Wer gewinnt, wer verliert?
Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Hausärzte ihre Bedenken durchsetzen können oder ob der Primärarzt-Plan tatsächlich in seiner verwässerten Form umgesetzt wird. Fest steht: Ohne die aktive Unterstützung der Hausärzte wird jede Reform zum Scheitern verurteilt sein.
Franz-Günter Runkel



