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Kontrolliertes Trinken als Behandlungsoption bei Alkoholkonsumstörungen

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Kontrolliertes Trinken als Behandlungsoption bei Alkoholkonsumstörungen

Fachartikel

Allgemeinmedizin

Psyche und Nerven

mgo medizin Redaktion

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16 MIN

Erschienen in: Der Allgemeinarzt

Kontrolliertes Trinken bietet eine wirksame Alternative zur Abstinenz in der Behandlung von Alkoholkonsumstörungen. Dieser Artikel von Prof. Dr. Joachim Körkel beleuchtet Definition, Behandlungsinhalte, wissenschaftliche Evidenz und praktische Umsetzung dieser patientenorientierten Therapieoption im hausärztlichen Bereich. Erfahren Sie, wie Reduktionsziele die Behandlungslücke schließen und welche Methoden sich in der Praxis bewährt haben.

Die Herausforderung: Behandlungsbedarf bei Alkoholkonsumstörungen

In der Behandlung von Patienten mit einer Alkoholkonsumstörung gilt lebenslange Abstinenz als ultima ratio. Die Abstinenzvorgabe stellt aber für viele Menschen eine erhebliche Behandlungshürde dar bzw. sie geht oft mit fehlender Compliance und Rückfälligkeit einher. Das Scheitern mit dem Abstinenzziel trägt erheblich zur Unbeliebtheit alkoholbelasteter Patienten unter Medizinern bei.¹ Enttäuschungskaskaden müssten nicht sein, würde man Reduktionsziele von Patienten ernst nehmen und sie beim Ziel des Kontrollierten Trinkens begleiten. Der Beitrag geht nach der Skizzierung des Behandlungsbedarfs auf die Definition des Kontrollierten Trinkens sowie seine Behandlungsinhalte und -varianten, Wirksamkeit, Indikation und Umsetzung im hausärztlichen Bereich ein.

Aktuelle Forschungslage zum Alkoholkonsum

Die derzeitige Forschungslage lässt die Folgerung zu, dass es keinen risikofreien oder gar gesundheitsförderlichen Alkoholkonsum gibt¹⁰, weshalb die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) vollständige Abstinenz zur Vermeidung alkoholbezogener Risiken empfiehlt.¹¹

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) rät in einer Empfehlung aus dem Jahr 2019 gesunden Erwachsenen, die sich trotz gesundheitlicher Risiken für Alkoholkonsum entscheiden, eine tägliche Menge von 24g (Männer) bzw. 12g (Frauen) Reinalkohol nicht zu überschreiten (20g Ethanol sind in 0,5l Bier [5 % vol.] bzw. 0,2l Wein/Sekt [12,5 %] bzw. etwa drei einfachen Schnäpsen [42 %] enthalten) und an wenigstens zwei bis drei Tagen pro Woche gar keinen Alkohol zu trinken. Neuerdings gibt die DHS keine Grenzwertempfehlungen mehr.¹⁰

Folgen problematischen Alkoholkonsums

Neben den gesundheitlichen Folgen für den Konsumenten hat ein problematischer Alkoholkonsum diverse negative Auswirkungen im sozialen Bereich:

  • Unfälle
  • Gewalt
  • Familiäre Belastungen
  • Erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen bei Kindern

Geschätzt wachsen in Deutschland 1,25 Millionen Kinder mit einem alkoholabhängigen Elternteil auf, was ihr Risiko für verschiedene psychische Erkrankungen deutlich erhöht.¹²

Die Rolle hausärztlicher Praxen

Hausärztliche Praxen sind der häufigste Erstansprechpartner für Diagnostik und Behandlung alkoholbezogener Probleme, da viele Betroffene zunächst mit unspezifischen körperlichen oder psychischen Beschwerden ärztliche Hilfe suchen. In keinem anderen Teil des medizinischen Behandlungssystems ist die Kontaktdichte so hoch.

Im hausärztlichen Bereich stellt sich die Aufgabe, sowohl die somatischen Folgeprobleme überhöhten Alkoholkonsums (wie z.B. gastrointestinale und neurologische Erkrankungen) und alkoholassoziierte psychische Erkrankungen (z.B. Ängste oder Depressionen) als auch die Sucht als solche zu behandeln. Beides ist notwendig.

Resümee: Eine allgemeinärztliche Praxis hat täglich mit Menschen zu tun, deren überhöhter Alkoholkonsum weitreichende Folgen für ihre eigene somatische und psychische Gesundheit wie auch die ihres sozialen Umfeldes nach sich zieht. Gegenstand ärztlicher Behandlung sollten alle Schweregrade alkoholbezogener Störungen (Risikokonsum, schädlicher Konsum, Abhängigkeit) und deren Folgeprobleme darstellen. Wie zu zeigen ist, besteht bereits durch kurze ärztliche Interventionen die Chance, alkoholbezogene Probleme zu minimieren.

“Eine allgemein- ärztliche Praxis hat täglich mit Menschen zu tun, deren überhöhter Alkoholkonsum weitreichende Folgen für ihre eigene somatische und psychische Gesundheit wie auch die ihres sozialen Umfeldes nach sich zieht.”

Prävalenz und Folgen von Alkoholkonsumstörungen

In Deutschland weisen 3,9 Millionen der 18–64jährigen Erwachsenen eine alkoholbezogene Störung (1,7 Millionen Alkoholmissbrauch, 2,2 Millionen Alkoholabhängigkeit) und 8,6 Millionen riskanten Alkoholkonsum auf (Bezugsjahr 2024).² Vielfach liegt eine weitere psychische Erkrankung vor.³

Die Diagnose „Psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol (F 10)” bildet die fünfthäufigste Hauptdiagnose in Krankenhäusern (232.737 Behandlungsfälle, davon 169.790 Männer und 62.947 Frauen; Statistisches Bundesamt 2024).⁴ Die Zahl alkoholbedingter stationärer Behandlungsfälle beläuft sich auf jährlich über 600.000.⁵ Die volkswirtschaftlichen Kosten des Alkoholkonsums werden auf rund 57,04 Milliarden Euro geschätzt (durch medizinische Behandlung, Arbeitsausfälle u.a.m.).⁶

Alkoholkonsum ist eine der Hauptursachen für Morbidität und Mortalität

Alkohol stellt einen Kausalfaktor für mehr als 200 negative gesundheitliche Folgen dar.⁷ Dazu gehören neben Unfällen v.a. Erkrankungen des Verdauungssystems (z. B. Fettleber, Leberfibrose, Leberzirrhose) und Herz-Kreislauf-Systems (z. B. Bluthochdruck), neuropsychiatrische und psychische Erkrankungen (z. B. Demenz), Diabetes Typ 2 und Krebs (Mundhöhle und Rachen, Kehlkopf, Speiseröhre, Leber, Dickdarm, Enddarm, weibliche Brust).⁷’⁸

Bereits geringe tägliche Trinkmengen können das Risiko einer Krebserkrankung steigern. So wird jede vierte Brustkrebserkrankung auf moderaten Alkoholkonsum (\leq 20g Reinalkohol pro Tag) zurückgeführt.⁹

Kontrolliertes Trinken als neue Zieloption

In Deutschland nehmen nur ca. 9 % der Alkoholabhängigen eine suchtbezogene Behandlung auf.¹³ Die Abstinenzforderung ist (zumindest in den USA) der häufigste Grund, weshalb keine suchtspezifischen Hilfen angenommen werden.¹⁴

Durch die Zieloption des Kontrollierten Trinkens ist die Behandlungslücke bei Alkoholkonsumstörungen erwartbar zu verringern. Beispielsweise streben alkoholabhängige Senioren (\geq 60 Jahre) doppelt so häufig (bei frühem Beginn der Abhängigkeit) bis siebenmal so häufig (bei spätem Abhängigkeitsbeginn) Kontrolliertes Trinken statt Abstinenz an.¹⁵

Kontrolliertes Trinken: Definition und Behandlung

Was ist Kontrolliertes Trinken?

Von „(Selbst-) Kontrolliertem Trinken” (KT) wird als terminus technicus gesprochen, wenn eine Person ihren Alkoholkonsum an einem zuvor festgelegten Plan bzw. Regeln ausrichtet.¹⁶’¹⁷ „Kontrolliert trinken” steht also für einen vorgeplanten, regelorientierten und limitierten Konsum.

Dieser kann Punktabstinenz einschließen, bei der Abstinenz in bestimmten Situationen (z.B. Straßenverkehr) oder Lebensphasen (z.B. Schwangerschaft) eingeplant wird.

Historische Entwicklung

Auf das Ziel des KT hin ausgerichtete, verhaltenstherapeutisch angelegte Behandlungen wurden bereits in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts in Australien und den USA entwickelt und auf ihre Wirksamkeit geprüft.

Zentrale Behandlungselemente

Inhaltlich enthalten diese Behandlungen zehn zentrale Elemente:

  • Bilanzierung der positiven und negativen Seiten des bisherigen Alkoholkonsums: Erstellen einer Entscheidungsmatrix zur Stärkung der Änderungsmotivation.
  • Einbezug wichtiger Sozialpartner: Informieren wichtiger Personen aus Familien-, Arbeits- und Freundeskreis über den veränderten Umgang mit Alkohol und Einholen ihrer Unterstützung.
  • Aneignung von Grundinformationen über Alkohol: z.B. zu Maß der „Standardgetränkeeinheit” (SE) und Alkoholgehalt typischer Getränke; Berechnung der Blutalkoholkonzentration usw.
  • Beobachtung, Registrierung und Analyse des Trinkverhaltens: Führen eines Trink-Tagebuchs zur Beobachtung, Registrierung und Analyse des Trinkverhaltens im Hinblick auf Tag, Uhrzeit, Art, Menge, Ort, soziales Umfeld, Auslöser und Konsequenzen.
  • Festlegung konsumbezogener Änderungsziele: Planung des Trinkverhaltens für die kommenden sieben Tage:
    • 1. Maximale tägliche Alkoholmenge
    • 2. Maximale wöchentliche Alkoholmenge
    • 3. Anzahl alkoholfreier Tage pro Woche.
  • Auswahl von Strategien zur Konsumbegrenzung: z.B. Festlegung „alkoholfreier Zonen” („Punktabstinenz” im Kontext von Autofahrten, Arbeit, Sport und anderen unter Alkoholeinfluss potenziell gefährdenden Tätigkeiten); systematische Abwechslung zwischen nichtalkoholischen und alkoholischen Getränken; Begrenzung der Trinkmenge pro Stunde; Trinkbeginn nie vor einer bestimmten Uhrzeit.
  • Umgang mit Hochrisikosituationen aus den Bereichen:
    • 1. alte Gewohnheiten
    • 2. belastende emotionale Zustände
    • 3. angenehme (soziale) Situationen.
  • Umgang mit Ausrutschern und Rückfällen: z.B. gelassen-bedachter Umgang mit Ausrutschern („Entkatastrophierung”), gezielter Strategiewechsel nach Ausrutscher-Tagen usw.
  • Aktivierung alkoholfreier Formen der Freizeitgestaltung: z.B. Reaktivierung früherer Hobbys oder Suche nach neuen Hobbys.
  • Erwerb von Kompetenzen zur Bewältigung von Belastungen ohne Alkohol: z.B. bei Stress, Einsamkeit, Ängsten usw.

Praktische Umsetzung: Das Trinktagebuch

In KT-Behandlungen wird der Alkoholkonsum – vom gegenwärtigen Trinkverhalten ausgehend (Baseline) – Woche für Woche an drei Zielgrößen ausgerichtet und in einem Trinktagebuch festgehalten:

  1. Höchstkonsum pro Tag
  2. Maximalkonsum in der gesamten Woche
  3. Anzahl alkoholfreier Tage

Bei der wöchentlichen Mengenreduzierung ist die Orientierung am bisherigen Konsumniveau und somit an persönlich realistischen, motivierenden Zielen sinnvoll.

„Das Führen eines Trinktagebuchs bildet ein zentrales Element zur Zielerreichung”

Ansatzpunkte zur Reduktion

Veränderungen können erfolgen bei:

  • Trinkzeit (z.B. erst nach der Arbeit ab 18 Uhr)
  • Trinkort (z.B. nicht dort, wo man bisher bevorzugt getrunken hat)
  • Sozialem Umfeld (z.B. nicht mit „Vieltrinkern”)
  • Getränkereihenfolge (z.B. vor jedem alkoholischen ein großes nichtalkoholisches Getränk konsumieren)
  • Trinkgeschwindigkeit (z.B. nicht mehr als 8–10g pro Stunde zu sich nehmen, so dass sich Alkoholaufnahme und –abbau die Waage halten)

Daneben sind der Einsatz passender Reduktionsstrategien, die Antizipation und Bewältigung von Risikosituationen, der Umgang mit Ausrutschern, alkoholfreie Formen der Freizeitgestaltung und die Bewältigung von Belastungen Teil von KT-Behandlungen.

Das Führen eines Trinktagebuchs, in das der Alkoholkonsum in Standardeinheiten (SE; 1 SE = 20g Ethanol) eingetragen wird, bildet ein zentrales Element zur Zielerreichung. In dem in Abbildung 2 (S. 38) exemplarisch ausgefüllten Trinktagebuch ist zu sehen, dass 1 alkoholfreier Tag, kein Tageskonsum über 3 SE und kein Wochenkonsum über 18 SE angestrebt und die Ziele weitgehend erreicht wurden (nur am Mittwoch und Freitag Überschreitung der Tageshöchstmenge).

Digitale Unterstützung

Die Erfassung des Alkoholkonsums kann auch über Apps erfolgen. Empfehlenswert sind:

  • AlcoDroid Alcohol Tracker (für Android-Smartphones)
  • ARUD Konsumtagebuch (für Android-Smartphones und iPhones)

Mit Letzterem kann zusätzlich der Konsum anderer Substanzen dokumentiert werden.

Behandlungsvarianten des Kontrollierten Trinkens

Die Vermittlung der Kompetenzen für einen selbstkontrollierten, reduzierten Alkoholkonsum kann auf fünf, z.T. miteinander kombinierbaren Wegen erfolgen:

1. Selbstkontrollmanuale

Autodidaktisch bearbeitbare Selbstkontrollmanuale leiten in aufeinander aufbauenden Schritten zur selbstständigen Limitierung des eigenen Alkoholkonsums ohne Behandlungskontakte an. Die Schritte reichen z.B. im „10-Schritte-Programm”¹⁹’²⁰ von:

  • Schritt 1: Anleitungen zur Herstellung günstiger Rahmenbedingungen zum KT
  • Schritte 2–4: Bilanzierung des eigenen Alkoholkonsums
  • Schritt 5: Wöchentliche Festlegung konkreter Konsumziele
  • Schritt 6: Umgang mit Risikosituationen
  • Schritt 7: Einsatz von Reduktionsstrategien
  • Schritt 8: Neuausrichtung der Freizeit
  • Schritt 9: Alkoholfreie Bewältigung von Belastungen
  • Schritt 10: Stabilisierung und Weiterführung der erzielten Veränderungen

Vorteile: Der Vorzug von Selbsthilfemanualen liegt darin, dass sie preisgünstig erwerbbar sind und anonym sowie im eigenen zeitlichen Rhythmus bearbeitet werden können. Das erhöht ihre Attraktivität für Menschen, die ihre Alkoholproblematik nicht offenlegen möchten.

2. Kurzinterventionen

Kurzinterventionen sehen die Weitergabe und Erläuterung schriftlicher Anleitungen zum KT (wie Trinktagebuch, Reduktionsstrategien etc.) vor und sind aufgrund der kurzen Behandlungszeit maßgeschneidert für die Anwendung im ärztlichen Arbeitsalltag¹⁸. Auf sie wird im Abschnitt „Ärztliche Kurzintervention zum Kontrollierten Trinken” genauer eingegangen.

3. Therapeutische Einzel- oder Gruppenbehandlungsprogramme

Therapeutische Einzel- oder Gruppenbehandlungsprogramme zum KT umfassen 10 strukturierte, manualisierte Sitzungen²¹. Sie sind durch geschulte Fachkräfte umsetzbar und bieten Patienten die Vorteile der therapeutischen Begleitung und – im Falle der Gruppenanwendung – sozialen Unterstützung durch andere.

4. Pharmakotherapeutische Begleitung

Psychotherapeutische Behandlungen sowie Kurzinterventionen zum KT können flankierend mit einer auf Trinkmengenreduktion ausgerichteten Pharmakotherapie kombiniert werden²². Nach derzeitiger Studienlage eignet sich dafür v.a. **Nalmefen (Selincro®)**²³, von dem bei einem Teil der Alkoholabhängigen ein „Add-on-Effekt” zu einer psychotherapeutischen Behandlung erwartet werden kann.

Anwendung von Nalmefen:

  • Nicht täglich, sondern bedarfsgesteuert („as needed”)
  • Etwa 1–2 Stunden vor dem geplanten Alkoholkonsum eingenommen (max. 1 Tablette pro Tag)
  • Wenn der Alkoholkonsum unerwartet bereits begonnen hat, kann Nalmefen so früh wie möglich danach eingenommen werden
  • In Deutschland zur Trinkmengenreduktion bei Alkoholabhängigkeit durch die GKV erstattungsfähig

5. Selbsthilfegruppen

Selbsthilfegruppen mit dem Ziel des Kontrollierten / moderaten Trinkens bieten die Möglichkeit, ohne oder aber nach vorausgegangener therapeutischer Begleitung den eigenen Reduktionsvorsatz gemeinsam mit anderen Betroffenen „anzugehen” und aufrechtzuerhalten. Reduktionsorientierte Selbsthilfegruppen gibt es seit Jahrzehnten in den USA. Die bekannteste ist die des „Moderation Management” (MM) (www.moderation.org), die 1994 als Alternative zu den Anonymen Alkoholikern gegründet wurde. In Deutschland haben sich in verschiedenen Städten Selbsthilfegruppen zur Konsumreduktion im Anschluss an die Teilnahme an einer Einzel- oder Gruppenbehandlung zum KT gebildet.

Forschungsstand zum Kontrollierten Trinken

Wirksamkeit der Behandlungen

Die auf KT ausgerichteten psychotherapeutischen Behandlungen sind nach den vorliegenden Metaanalysen mindestens so wirksam wie Abstinenzbehandlungen²⁴’²⁵ – auch bei Alkoholabhängigen und stabil über Jahre hinweg²⁶.

Die Erfolgsquote von KT-Behandlungen liegt in Erhebungen von mindestens einem Jahr nach Behandlungsende bei durchschnittlich 65 %, wobei die Hälfte der Erfolgreichen vor oder nach der Reduktionsbehandlung zu Abstinenz übergeht.¹⁶’²⁴

Wirksamkeit von Selbsthilfemanualen und Pharmakotherapie

Auch die Bearbeitung eines KT-Selbsthilfemanuals ist nachweislich wirksam zur Trinkmengenreduktion.²⁷ Zudem ist die pharmakotherapeutische Begleitung einer auf KT ausgerichteten Einzel- oder Gruppenbehandlung bzw. Kurzintervention durch Nalmefen gemäß den vorliegenden kontrollierten, randomisierten Studien wirksam.²³

Gesundheitliche Verbesserungen durch Reduktion

Mit jeder Reduktion von 20g Alkohol pro Tag gehen linear Besserungen einher:

  • Somatischer Bereich: z.B. Blutdruck, Leberwerte
  • Sozialer Bereich: z.B. weniger berufliche und familiäre Konflikte
  • Psychische Gesundheit: z.B. Rückgang einer Angst- und Depressionssymptomatik²⁸

Offizielle Anerkennung

Auf Basis dieser Befunde hat die US-amerikanische Zulassungsbehörde für Arzneimittel und Medizinprodukte (FDA) 2025 beschlossen, die Trinkmengenreduktion als gleichwertiges Therapieziel neben die Abstinenz zu stellen (www.zi-mannheim.de/institut/ne…).

Grenzen des Kontrollierten Trinkens

Die zuvor genannten Ergebnisse schließen nicht aus, dass KT für einen Teil der Menschen mit einer Alkoholproblematik/-abhängigkeit unerreichbar bleibt – genauso wie Abstinenz für einen anderen Teil dauerhaft nicht realisierbar ist.

Indikation: Abstinenz oder Kontrolliertes Trinken?

“Patienten, die bereits abstinent leben bzw. eine stabile Abstinenzmotivation aufbringen, sollten in der Abstinenz bestärkt werden.”

Keine verlässlichen Prädiktoren

Dauer und Schwere der Alkoholabhängigkeit, familiäre Alkoholismusbelastung, Geschlecht, Alter und andere Indikatoren gestatten gemäß vielen Forschungsbefunden keine Vorhersage, ob Patienten bei einer Abstinenz- oder einer KT-Behandlung besser abschneiden²⁹.

Nicht haltbar ist somit die vereinfachte Formel „riskanter Alkoholkonsum oder Alkoholmissbrauch = KT möglich” und „Alkoholabhängigkeit = KT unmöglich”.

Entscheidende Faktoren

Entscheidend für das Erreichen von Abstinenz resp. KT sind vielmehr:

  • Die Zielwahl des Patienten
  • Seine Zuversicht in die Erreichbarkeit seines Ziels¹⁶

Wann ist Abstinenz das Ziel erster Wahl?

Patienten, die bereits abstinent leben bzw. eine stabile Abstinenzmotivation aufbringen, sollten in der Abstinenz bestärkt werden.

Abstinenz stellt das Ziel erster Wahl dar bei:

  • Schwangerschaft
  • Alkoholsensiblen körperlichen Vorschädigungen
  • Dauermedikation, bei der von Alkoholkonsum abgeraten wird

Ist allerdings Abstinenzmotivation/-fähigkeit nicht gegeben, aber Reduktionsbereitschaft vorhanden, ist das Ziel des KT als sinnvoll anzusehen.

Selbstbestimmungsrecht des Patienten

Letztendlich sollte der aus einem zielabwägenden Gespräch resultierende Zielentscheid des Patienten behandlungsleitend sein – auch aus ethischen Gründen (Selbstbestimmungsrecht).

Drei Bedingungen für Kontrolliertes Trinken

Nach den vorigen Überlegungen ist KT somit in Betracht zu ziehen, wenn drei Bedingungen erfüllt sind:

  1. Der Patient praktiziert einen risikoreichen, schädlichen oder abhängigen Alkoholkonsum
  2. Er ist zu Alkoholabstinenz nicht motivierbar bzw. nicht in der Lage
  3. Er ist zu einer Alkoholreduktion bereit
Abb.: Exemplarisch ausgefülltes Trinktagebuch
Abb.: Exemplarisch ausgefülltes Trinktagebuch

Ärztliche Kurzinterventionen zum Kontrollierten Trinken

Warum Kurzinterventionen?

Für den ärztlichen Arbeitsalltag, in dem wenig Behandlungszeit zur Verfügung steht, eignen sich in besonderer Weise Kurzinterventionen (engl. Brief Interventions) zur Veränderung eines problematischen Alkoholkonsums. In einer Kurzintervention werden änderungsmotivierten Patienten in einem kurzen (z.B. 10–20minütigen), meist von schriftlichen Veränderungshilfen begleiteten Gespräch initiale Impulse zur Veränderung ihres Alkoholkonsums gegeben und deren Umsetzung in Folgegesprächen besprochen und adaptiert.

Gesprächsführung

Das Gespräch sollte:

  • Auf Basis einer vertrauensvollen Arzt-Patient-Beziehung dialogisch geführt werden
  • Dem Patienten Entscheidungsfreiheit (u.a. in der Zielwahl) zugestanden werden
  • Widerstand (z.B. aufgrund eines drängenden Vorgehens) vermieden werden

Praktische Umsetzung

In einer auf KT ausgerichteten Kurzintervention wird Patienten, die zu einer Alkoholreduktion, nicht aber zu Abstinenz bereit sind, eine Broschüre, die die zentralen Inhalte des KT abdeckt, ausgehändigt und deren Anwendung erläutert (bei entsprechender Bereitschaft des Patienten kann stattdessen das ausführliche, autodidaktisch zu bearbeitende KT-Manual herangezogen werden)¹⁹’²⁰.

Verfügbare Broschüren

Option 1: „Kurzintervention zum Kontrollierten Trinken. Weniger Alkohol – mehr Gesundheit”¹⁸

Die 25-seitige Broschüre regt Patienten über Arbeitsblätter an:

  • Die Schwere ihres Alkoholkonsums einzuschätzen (Alcohol Use Identification Test, AUDIT)
  • Ihre eigenen Veränderungsgründe zu formulieren (Pro-Contra-Matrix)
  • Ein Trinktagebuch zu führen und auszuwerten
  • Sich wöchentlich Reduktionsziele zu setzen
  • Aus einer Checkliste geeignete Reduktionsstrategien auszuwählen
  • Sich mit Anregungen für einen bewussten Umgang mit Alkohol auseinanderzusetzen

Option 2: „Zieloffene Kurzintervention Alkohol”³⁰

Alternativ kann die 38-seitige Broschüre genutzt werden, die die zentralen drei Zielrichtungen (Abstinenz, Reduktion, Schadensminderung) durch Arbeitsblätter abdeckt und im Reduktionsteil identisch mit der vorgenannten KT-Kurzintervention ist. Dadurch, dass Arbeitsblätter für alle drei Zielrichtungen enthalten sind, erhält der Patient auch Anregungen zum Erreichen eines anderen, von ihm zunächst nicht präferierten Ziels, wodurch Zielwechsel (z.B. von Reduktion zu Abstinenz) „vorgedacht” und erleichtert werden sollen.

Wirksamkeit und Leitlinienempfehlung

Im niedergelassenen ärztlichen Bereich sind auf eine Alkoholreduktion ausgerichtete Kurzinterventionen nachweislich wirksam³¹ und werden in der deutschen S3 Leitlinie „Screening, Diagnose und Behandlung alkoholbezogener Störungen” (AWMF 2021) ausdrücklich empfohlen.

Die oft erstaunliche Wirksamkeit von zeitlich kurzen Interventionen erklärt sich daraus, dass viele Menschen bereits über Änderungsbereitschaft verfügen und es oft nur initialer Impulse und einiger Hilfestellungen (wie die in den Broschüren enthaltenen) bedarf, um deren Änderungspotenzial freizusetzen („empowerment”).

Weitervermittlung bei Bedarf

Falls eine KT-Kurzintervention zur Konsumreduktion nicht ausreichen sollte, kann eine Einzel- oder Gruppenbehandlung zum KT empfohlen und an eine ambulante Suchteinrichtung, die diese anbietet, weitervermittelt werden (vgl. www.kontrolliertes-trinken.de).

Dies gilt auch für den Fall einer ambulant nicht behandelbaren Multisubstanzabhängigkeit oder schweren psychiatrischen Komorbidität.

„Eine differenzierte, zieloffene Behandlung alkoholbezogener Störungen trägt sowohl medizinischen als auch ethischen Anforderungen Rechnung.”

Resümee

Allgemeinärzte begegnen täglich Patienten, bei denen ein riskanter, schädlicher oder abhängiger Alkoholkonsum die körperliche, psychische und soziale Gesundheit erheblich beeinträchtigt. Eine ausschließlich auf lebenslange Abstinenz fokussierte Behandlung erweist sich bei ihnen oftmals als nicht zielführend.

Die Zieloption des Kontrollierten Trinkens erweitert das therapeutische Spektrum um einen realistischen, patientenorientierten Ansatz, der die Änderungsbereitschaft vieler Menschen besser aufgreift und damit die Reichweite medizinischer Interventionen deutlich erhöhen kann.

Evidenzbasierte Kurzinterventionen und strukturierte Behandlungsprogramme zeigen, dass eine Reduktion des Alkoholkonsums klinisch relevante Verbesserungen bewirken kann und bei einem Teil der Betroffenen langfristig auch den Übergang zur Abstinenz erleichtert.

Ethische und medizinische Anforderungen

Eine differenzierte, zieloffene Behandlung alkoholbezogener Störungen trägt sowohl medizinischen als auch ethischen Anforderungen Rechnung:

  • Sie respektiert das Selbstbestimmungsrecht der Patienten
  • Sie stärkt die therapeutische Allianz
  • Sie vermeidet unnötige Abbruch- und Rückfallprozesse

Kontrolliertes Trinken kann dabei entweder ein dauerhaft tragfähiges Behandlungsziel oder ein bedeutsamer Zwischenschritt auf dem Weg zur Abstinenz sein.

Bedeutung für die allgemeinärztliche Praxis

Für die allgemeinärztliche Praxis bedeutet dies, dass die kompetente Begleitung von Reduktionszielen nicht als Abweichung vom Behandlungsstandard, sondern als integraler Bestandteil einer modernen, leitlinienorientierten Versorgung zu verstehen ist.

Internationale Anerkennung

In Einklang damit ist die Option des KT in vielen europäischen und außereuropäischen Ländern zur festen Größe des Behandlungssystems geworden und hat Eingang in die europäischen³² und deutschen Leitlinien zur Behandlung alkoholbezogener Störungen³³ gefunden.

Unter Suchtfachkräften findet das Behandlungsziel des KT zunehmend Zustimmung³⁴ und es ist zu einer anerkannten Änderungsoption für alkoholauffällige Kraftfahrer zur Wiedererlangung des Führerscheins geworden.³⁵

Die Literaturliste finden Sie unter www.mgo-medizin.de/literatur

Autor: Prof. Dr. Joachim Körkel

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