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Phytotherapie in der Hausarztpraxis: Pflanzliche Mittel bei Herzerkrankungen

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Phytotherapie in der Hausarztpraxis: Pflanzliche Mittel bei Herzerkrankungen

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mgo medizin Redaktion

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7 MIN

Erschienen in: Der Allgemeinarzt

Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems gehören zu den häufigsten Gesundheitsproblemen in der hausärztlichen Versorgung. Während Nationale Versorgungsleitlinien klare Handlungsanweisungen für manifeste Krankheitsbilder bieten, stößt deren Umsetzung in der Praxis oft auf Grenzen bei Akzeptanz und Adhärenz. Pflanzliche Arzneimittel können hier eine wichtige Rolle spielen – sowohl als Monotherapie bei funktionellen Beschwerden als auch als Add-on-Therapie zur Reduktion chemisch-synthetischer Pharmaka. Dieser Artikel beleuchtet das therapeutische Potenzial von Herz-Kreislauf-wirksamen Arzneipflanzen in der hausärztlichen Praxis.

Phytotherapie bei kardiovaskulären Erkrankungen

Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems werden in diversen Leitlinien abgebildet, wozu insbesondere die sogenannten Nationalen Versorgungsleitlinien gehören. Sie fokussieren letztlich manifeste Krankheitsbilder mit korrespondierenden Handlungsanweisungen und Therapieschemata. Deren Umsetzung in der hausärztlichen Praxis stößt häufig auf Grenzen bei Akzeptanz und Adhärenz.

Ein indirektes Beispiel aus jüngerer Zeit spiegelt die divergierende Sichtweise und Diskussion zwischen Allgemeinmedizin und Kardiologie in der Frage der Cholesterinsenkung mit nahezu ausschließlichem Fokus auf den LDL-Cholesterin-Zielwert wider.

Pflanzliche Kardiaka – Das Spektrum herzwirksamer Arzneipflanzen

Das Spektrum an Herz- und Kreislaufwirksamen Arzneipflanzen kann als umfangreich bezeichnet werden. Bekannte kardiotrop wirkende Pflanzen wie Adonisröschen, Maiglöckchen und Meerzwiebel zählen aufgrund ihrer Inhaltsstoffe zur Gruppe der Digitaloide.

Digitaloide in der Phytotherapie

Sie enthalten herzwirksame Glykoside, wobei Digitalis der bekannteste Vertreter ist. Erläuternd ist hinzuzufügen, wonach die isolierten Reinstoffe Digoxin und Digitoxin nicht dem Selbstverständnis eines pflanzlichen Arzneimittels entsprechen. Insofern werden diese nicht unter Phytotherapie subsummiert.

Die Digitaloide stehen im heutigen Arzneimittelspektrum als Arzneimittel der homöopathischen und anthroposophischen Therapierichtung zur Verfügung. Bei funktionellen „Herzbeschwerden” haben sie unverändert ihren therapeutischen Stellenwert.

Einsatz bei Herzinsuffizienz

Dabei werden Adonisröschen und Maiglöckchen bei leichten Formen der beginnenden Herzinsuffizienz eingesetzt entsprechend Stadium NYHA I-II, da sie positiv inotrope und negativ chronotrope Wirkungen haben. Erfahrungsgemäß berichten Patienten unter der Therapie von einer Besserung der subjektiv belastenden Symptomatik.

Die Meerzwiebel (Scilla) wird traditionell bei kardial bedingter Ödemneigung eingesetzt, was auf die Wirkung der Hauptglykoside Scillaren und Proscillaridin zurückgeführt wird; ihr Stellenwert liegt in der Senkung des gesteigerten linksventrikulären enddiastolischen Drucks.

Inhaltsstoffe als Rationale für den therapeutischen Einsatz

Besenginster bei Rhythmusstörungen

Eine weitere therapeutisch bedeutsame Arzneipflanze ist der Besenginster, dessen Inhaltsstoffe neben den Flavonoiden das Herzrhythmus stabilisierende Spartein enthält. Aus Praxiserfahrung lassen sich funktionell bedingte, subjektiv belastende Rhythmusstörungen effektiv behandeln.

Bei paroxysmalen Tachykardien ist differentialdiagnostisch eine Hyperthyreose auszuschließen. Wird unter einer thyreostatischen Medikation über eine persistierende vegetative Begleitsymptomatik, insbesondere Tachykardie berichtet, bewährt sich eine Begleittherapie mit Herzgespann.

Herzgespann als Begleittherapie

Die Pflanze enthält u.a. Betaine, Iridoide und Triterpene, die leicht Blutdruck senkende und sedierende Wirkungen haben. Beide Arzneipflanzen – Besenginster und Herzgespann – sind als standardisierte pflanzliche Homöopathika verfügbar. Die Rationale für den Einsatz der genannten Arzneipflanzen liegt in der umfangreich dokumentierten Empirie und in Kenntnis der Inhaltsstoffe.

Phyto: Mono oder Add-on – Strategien in der hausärztlichen Praxis

Im Kontext der hausärztlich relevanten Stichworte Deprescribing und Frailty-Syndrom können pflanzliche Arzneimittel eine wichtige Rolle spielen.

Vorteile der Add-on-Phytotherapie

Denn bei einer Add-on-Phytotherapie lassen sich oftmals chemisch-synthetische Pharmaka reduzieren, was zu einer besseren Verträglichkeit führt. Ein Blick auf die stationäre Entlassmedikation impliziert geradezu ein solches Vorgehen, da sie häufig nicht „eins zu eins” für die ambulante Versorgung übernommen werden kann.

Inwiefern das pflanzliche Arzneimittel im Sinne einer Monotherapie eingesetzt werden kann, ergibt sich aus der therapeutischen Fragestellung im Sinne einer behandlungsbedürftigen Symptomatik. Auf Basis langjähriger Praxiserfahrung lässt sich feststellen, wonach die Phytotherapie bei kardialen Frühzeichen und Berücksichtigung der Familienanamnese den Verlauf günstig beeinflussen kann.

Der Weißdorn – Beispiel der Phytoforschung

Im Hinblick auf das große Spektrum an Arzneipflanzen ist deren weitergehende Erforschung auch von der potenziellen therapeutischen Bedeutung geprägt. Sie erschließt sich häufig erst durch die breite Anwendung in der Praxis.

Zulassung und klinische Indikation

Die Formulierung einer klinischen Indikation und deren Zulassung durch die Arzneimittelbehörde BfArM (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte) basiert jedoch ausschließlich auf kontrollierten Studien. Damit wird in aller Regel das therapeutische Potenzial einer Arzneipflanze nicht umfassend abgebildet.

Weißdornspezialextrakt WS 1442

Ein Beispiel intensiver Phytforschung ist in dieser Hinsicht der Weißdornspezialextrakt WS 1442, der als Trockenextrakt auf oligomere Procyanidine (OPC) standardisiert ist und als Arzneimittel zur Verfügung steht.

Indikationen:

  • Nachlassende Herzkraft (NYHA Stadium II)
  • Add-on-Therapie im Stadium III
  • Orientierung an linksventrikulärer Ejektionsfraktion (LV-EF)

Wirkmechanismen des Weißdorns

Phytochemische Untersuchungen mit dem genannten Weißdornspezialextrakt zeigen einen Einfluss auf vasoaktive Substanzen des Gefäßendothels wie z.B. Stickstoffmonoxid und Prostazyklin, die auch atheroprotektive Eigenschaften besitzen.

Demnach stimulieren die Inhaltsstoffe des Weißdorns diese Mechanismen. Daraus lässt sich schlussfolgern, wonach die „chronischen Koronarsyndrome” prinzipiell ein weiteres Anwendungsgebiet für den Weißdorn darstellen können.

Chronische Koronarsyndrome

Die in 2024 publizierte KHK-Leitlinie der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) unterscheidet dabei zwischen ANOCA („Angina”) und INOCA („Ischämie”), d.h. beiden Pathologien liegt die koronare mikrovaskuläre Dysfunktion zugrunde (Non-Obstructive Coronary Arteries).

Dadurch können trotz fehlender Stenosen Angina pectoris-Symptome und Ischämien ausgelöst werden. Kardiologische Diagnostik vorausgesetzt, kann eine Add-on Therapie mit einem standardisierten Weißdornextrakt 450mg, 3-mal tägl. 1 Tabl. empfohlen werden.

Verträglichkeit und Sicherheit

Praxis wie auch Datenlage belegen die gute Verträglichkeit des Weißdorns, Interaktionen mit chemisch-synthetischen Kardiaka sind nicht bekannt. Summarisch lässt sich feststellen, wonach Crataegus, der Weißdorn, zu den am besten experimentell wie klinisch untersuchten Arzneipflanzen zählt.

Hypotonie – subjektiv belastend

Die mit niedrigem Blutdruck assoziierten Symptome und als orthostatische Hypotonie bezeichnet werden in der S1K-Leitlinie „Synkope” der DGN (Deutsche Gesellschaft für Neurologie) thematisiert (2025/in Überarbeitung).

Phytotherapeutische Behandlungsansätze

Neben allgemeinen Hinweisen zur Flüssigkeitszufuhr und regelmäßiger Bewegung wird ein phytotherapeutischer Behandlungsansatz nicht formuliert. Bei Betroffenen ist jedoch ein etablierter und zugleich validierter Behandlungsansatz bekannt, der einen weiteren Blickwinkel auf den Weißdorn bietet.

Bei dieser Indikation werden die Früchte des Weißdorns eingesetzt, die zusammen mit Campher als Kombinationsarzneimittel zur Verfügung stehen.

Campher als Naturstoff

Campher ist mit seiner analeptischen Sofortwirkung ein etablierter Naturstoff; er wird aus dem Campherbaum gewonnen und enthält auch geringe Mengen an Borneol und insbesondere Cineol; dieser Stoff wiederum ist ein zur Behandlung von Atemwegsinfekten bedeutendes Agens (vgl. Der Allgemeinarzt Heft 04/2026).

Evidenz aus Metaanalyse

In einer bereits 2019 publizierten Metaanalyse wurden die jahrzehntelange Praxiserfahrungen bestätigt, wonach die fixe Kombination aus Weißdornfrüchten und Campher bei Menschen mit orthostatischer Hypotonie den Blutdruck signifikant erhöht.

Haplopappus baylahuen

Eine weitere Arzneipflanze zur Behandlung der mit Hypotonie assoziierten Symptome ist die südamerikanische Pflanze Haplopappus baylahuen, zu der Daten mit unterschiedlicher Methodik generiert wurden.

Der Nestor der universitären Allgemeinmedizin Siegfried Häussler war an einer vom Verfasser bereits in den 1980iger Jahren initiierten randomisierten Doppelblindstudie bei niedergelassenen Ärzten beteiligt. Verglichen wurde die etablierte Standardtherapie Etilefrin mit der Wirkung der Arzneipflanze Haplopappus baylahuen.

Studienergebnisse:

  • Studiendauer: 7,5 Wochen
  • Patientenzahl: 41
  • Ergebnis: Haplopappus wirkungsäquivalent zu Etilefrin
  • Dosierung: 3-mal tägl. 1 Tabl.

Erläuternd ist hinzuzufügen, dass die Arzneipflanze als Arzneimittel der homöopathischen Therapierichtung zur Verfügung steht.

Empirie und Praxisevaluation

Die Pflanze als Arzneimittel bedarf grundsätzlich einer Standardisierung auf ihre wirksamkeitsbestimmenden Inhaltsstoffe. Auf dieser Basis ist von einer gleichbleibenden Wirkung auszugehen – eine Vorgehensweise, die für die Verarbeitung von Naturstoffen arzneimittelrechtlich vorgegeben ist.

Real-World-Daten und therapeutischer Stellenwert

Das phytotherapeutische Potenzial spiegelt sich in ihrer Anwendung wider und impliziert eine Longitudinalbetrachtung, was letztlich in Real-World-Daten mündet. Dass dennoch pflanzliche Arzneimittel – bis auf wenige Ausnahmen – „nur auf grünem Rezept” verordnet werden dürfen, schmälert nicht ihren therapeutischen Stellenwert.

Mit einer partizipativen Entscheidung gerade in der hausärztlichen Praxis stellt die Miteinbeziehung von Herz-Kreislauf-wirksamen Arzneipflanzen einen Mehrwert für die Patienten dar.

Dr. med. Markus Wiesenauer

Facharzt für Allgemeinmedizin, Homöopathie-Naturheilverfahren-Umweltmedizin

An der Glockenkelter 14, 71394 Kernen

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