Die kontinuierliche Blutdruckmessung revolutioniert die Diagnostik und Therapie von Bluthochdruck. In diesem Interview erklärt Dr. Tomas L. Bothe, warum die klassische Manschettenmessung in der Praxis ihre Grenzen hat und weshalb gerade die nächtlichen Blutdruckwerte für die Risikobewertung entscheidend sind. Erfahren Sie, welche Vorteile die kontinuierliche Messung mit dem Hilo Band bietet und für welche Patienten diese Technologie besonders geeignet ist.
Die Grenzen der punktuellen Blutdruckmessung
Bluthochdruck gehört zu den Top-Risikofaktoren für Herzkreislauf-Erkrankungen. Warum die Blutdruckmessung in der Praxis und das gelegentliche Anlegen der Manschette zuhause fehleranfällig sind, welche Vorteile hier die kontinuierliche Blutdruckmessung mit dem Hilo Band bietet und weshalb gerade die Werte im Schlaf wichtig sind – Interview mit Dr. Tomas L. Bothe.
Limitierte Aussagekraft der Manschettenmessung
Die punktuelle Manschettenmessung hat eine limitierte Aussagekraft. Herr Dr. Bothe, welchen Vorteil sehen Sie in der kontinuierlichen Messung zuhause?
Bothe: Wir haben auf der einen Seite mit der einmaligen Manschettenmessung ein sehr gutes Verfahren, das durch große Studien validiert ist. Wenn wir entsprechend der Werte, die die Messung ergibt, behandeln, können wir das kardiovaskuläre Risiko senken und die Überlebenschancen erhöhen. Allerdings liefert sie nur einen Einzelwert, der von vielen Faktoren abhängt:
- Tageszeit
- Temperatur
- Ernährung
Die kontinuierliche Messung dagegen erlaubt es, über einen längeren Zeitraum Werte aufzuzeichnen. Ich kann damit Dynamiken bewerten: Wann verändert sich der Blutdruck? Nur am Wochenende oder morgens oder abends?
Vorteile der kontinuierlichen Blutdruckmessung
„Die Manschettenmessung liefert nur einen Einzelwert, der von vielen Faktoren abhängt. Die kontinuierliche Messung dagegen erlaubt es, über einen längeren Zeitraum Werte aufzuzeichnen.”
Und ich kann aus einer langen Strecke von Werten einen Mittelwert bilden, der das tatsächliche Risiko besser abbildet als ausschließlich eine Einzelmessung.
[H2: Funktionsweise des Hilo Bands]
Wie funktioniert die kontinuierliche Messung mit dem Hilo Band?
Bothe: Das Armband zeichnet mit einem grünen Lichtsensor die Pulswelle auf – ähnlich wie ein Pulsoximeter. Aus dieser Pulswelle lassen sich viele Informationen über den Blutdruck ableiten.
Kalibrierung und Messgenauigkeit
Vor der ersten Nutzung muss das Gerät kalibriert werden mit vier Manschettenmessungen hintereinander. Die einzelne Manschettenmessung hat Schwächen, hat Fehler. Aber wenn Sie viermal am Stück messen und daraus den Mittelwert bilden, dann können Sie relativ sicher sein, dass Sie einen sehr genauen Wert haben. Daraus wird ein Mittelwert gebildet, auf den das Gerät kalibriert wird.
Wichtig: Einmal monatlich ist eine Rekalibrierung nötig – flexibel zwischen 28 und 32 Tagen –, um die Messgenauigkeit zu gewährleisten.
Dokumentation und Datenverwaltung
Wie sieht es mit der Dokumentation der Werte aus? Macht das der Anwender / die Anwenderin selbst oder gibt es eine Schnittstelle zum Arzt oder zur Ärztin?
Bothe: Alle Messungen, die das Gerät aufzeichnet, werden automatisiert gespeichert. Aktuell gibt es einen PDF-Report, den die Anwender exportieren und mit dem Behandler teilen können, digital oder in Papierform. Sie erhalten dort bereits Mittelwerte und können Einzelwerte einsehen.
Datenschutz und Schnittstellen
Eine direkte Integration in eine Praxissoftware ist leider noch nicht möglich. Das liegt weniger am Datenschutz – die Daten werden sicher in Deutschland gespeichert –, sondern an fehlenden Schnittstellen zwischen den verschiedenen Systemen.
Anwenderfreundlichkeit in der Praxis
Wie anwenderfreundlich ist das System?
Bothe: Das System ist sehr einfach, ähnlich wie jede Heimblutdruckmessung. Natürlich wird es Patienten geben, die Schwierigkeiten haben. Aber da die Kalibrierung nur einmal nötig ist, kann man das auch in der Praxis machen oder mithilfe von Angehörigen. Das ist deutlich flexibler als tägliches Messen mit der Manschette.
Praxiserfahrungen mit der kontinuierlichen Messung
Welche Erfahrungen haben Sie in der Praxis gemacht?
Bothe: Für mich ist es eine hervorragende Ergänzung. Ich messe weiterhin bei jedem Patienten in der Praxis den Blutdruck mit der Manschette. Und ich mache bei Patienten, wenn ich das für klinisch indiziert halte, eine 24-Stunden-Blutdruckmessung, weil ich damit noch mal viel genauer in einem einzelnen Tagesverlauf die gesamten Blutdruckwerte sehen kann.
„Mit der kontinuierlichen Messung gebe ich meinen Patienten ein Tool an die Hand, mit dem sie selbst nachvollziehen können, was mit ihrem Blutdruck passiert.”
Verbesserte Therapieadhärenz
Aber mit der kontinuierlichen Messung gebe ich meinen Patienten ein Tool an die Hand, mit dem sie selbst nachvollziehen können, was mit ihrem Blutdruck passiert. Was ich besonders beobachte: Die Therapieadhärenz verbessert sich deutlich. Allein die Tatsache, dass Patienten regelmäßig einen Wert auf ihrem Smartphone sehen, führt dazu, dass sie ihre Medikamente zuverlässiger nehmen.
Wenn ich die Praxismessung, das Armband und bei Bedarf eine 24-Stunden-Messung kombiniere, kann ich Patienten viel besser erklären, warum ich eine bestimmte Therapie empfehle.
Hilo Band vs. Smartwatches
Was unterscheidet das Gerät von Smartwatches?
Bothe: Es gibt zwei Gruppen:
- Watches mit kleiner Manschette im Armband – die funktionieren wie ein Manschettengerät am Handgelenkgerät und sind teilweise gut validiert
- Lifestyle-Geräte – die nicht als Medizinprodukt zugelassen sind
Aus medizinischer Sicht kann ich sie nicht empfehlen – Blutdruckmessung mit einem Nicht-Medizinprodukt ist fahrlässig. Das Hilo Band dagegen ist ein validiertes Medizinprodukt. Wir kennen die Messgenauigkeit und auch die Schwächen, damit kann ich verantwortungsvoll arbeiten.
Welche Patienten profitieren besonders?
Welchen Patienten empfehlen Sie die kontinuierliche Messung?
Bothe: Als Blutdruckspezialist würde ich es mir wünschen, dass jeder seine Werte kennt. Aber das ist natürlich unrealistisch.
Indikationen für kontinuierliche Blutdruckmessung
Besonders hilfreich ist die kontinuierliche Messung bei:
- Patienten mit Blutdruckschwankungen, die schwer zu greifen sind
- Patienten unter medikamentöser Therapie, bei denen die verbesserte Adhärenz einen großen Benefit bringt
Ein konkretes Beispiel: junge Eltern mit Hypertonie. Sie sind Technologie-affin, haben viele andere Dinge im Kopf und noch 50 Jahre Leben vor sich. Wenn wir sie frühzeitig auf eine gute Blutdruckkontrolle bringen, ist der Nutzen besonders groß.
Die Bedeutung des nächtlichen Blutdrucks
Ein wichtiges Feature ist das Schlaftracking. Warum?
Bothe: Der nächtliche Blutdruck ist der entscheidende Risikomarker. Selbst bei 24-Stunden-Messungen wissen wir oft nicht genau, wann Patienten wirklich geschlafen haben.
Therapierelevante Blutdruckklassifikation
„Bei einem Viertel der Patienten verändert sich die Blutdruckklassifikation therapierelevant, wenn wir nur verstehen, wann sie tatsächlich schlafen.”
Wir haben eine Studie gemacht: Bei einem Viertel der Patienten verändert sich die Blutdruckklassifikation therapierelevant, wenn wir nur verstehen, wann sie tatsächlich schlafen.
Erhöhtes Risiko bei nächtlicher Hypertonie
Wenn der Nachtblutdruck höher ist als tagsüber – etwa bei Schlafapnoe – haben diese Patienten ein enorm erhöhtes Risiko. Ein Tool, das mir automatisiert sagt, „Hier musst du aufpassen”, ist aus meiner Sicht absolut fantastisch.
Interview: Cornelia Weber mit Dr. Tomas L. Bothe



