Allgemeinmedizin » Psyche und Nerven

»

Serie Phytotherapie: Depressive Verstimmung 
und Schlafstörungen – Teil 2

© Kerstin Jung / KI-generiert

Serie Phytotherapie: Depressive Verstimmung 
und Schlafstörungen – Teil 2

Fachartikel

Allgemeinmedizin

Psyche und Nerven

5 MIN

Erschienen in: Der Allgemeinarzt

Immer häufiger fallen in der ärztlichen Sprechstunde auf die Frage nach den ­Beschwerden Schlagworte wie Abgespanntheit, ständige Müdigkeit und Antriebslosigkeit. Auch hier kann die Phytotherapie bei der Behandlung unterstützen. 
Aufgeteilt auf zwei Teile wurden in der Ausgabe 2/25 von Der Allgemeinarzt 
zunächst die depressive Verstimmung näher beleuchtet und das konkrete ­Fallbeispiel aus der Praxis vorgestellt. Im zweiten Beitragsteil werden nun die Schlafstörungen und die Behandlungsstrategie in den Mittelpunkt gestellt.

Schlechter Schlaf, bedrückte Stimmungslage, ohne Motivation sein – gefühlt nehmen diese Aussagen in der täglichen Praxis ständig zu. Objektiv ist diese Einschätzung auch zutreffend, schaut man sich die Zahl und Dauer korrespondierender Krankmeldungen an. Während wir im ersten Beitragsteil die depressiven Verstimmungen im Fokus hatten, dreht sich jetzt alles um das Große Thema der Schlafstörungen.

Nicht erholsamer Schlaf – Insomnie

Die S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM), bei der die DEGAM ebenfalls beteiligt ist, thematisiert den „nicht erholsamen Schlaf/Schlafstörungen“. Die Leitlinie wird derzeit überarbeitet; der Phytotherapie wird breiter Raum eingeräumt. Die Baldrianwurzel gehört zu den gut untersuchten Pflanzenextrakten – sowohl bezüglich der Inhaltsstoffe wie auch der therapeutischen Anwendung. Es kommt zu einer Abnahme der Hyperaktivität und damit Verbesserung der Schlafqualität mit verminderten Durchschlafstörungen, eine bessere Tagesbefindlichkeit mit der Folge erhöhter Konzentrations- und Leistungsfähigkeit. Baldrian beeinflusst nicht die REM- und Tiefschlafphasen.
Baldrianextrakt enthaltende Monopräparate werden abends ca. ½ Stunde vor dem Zubettgehen eingenommen, bedarfsweise kann eine zweite Dosis beim Zubettgehen eingenommen werden. Die klinische Datenlage zu Baldrianextrakt zeigt weitergehende Anwendungsmöglichkeiten auf, die für die hausärztliche Versorgung relevant sind. Dies spiegelt eine retrospektive Kohortenanalyse wider, in der Baldrian bei postoperativen Schlafstörungen eingesetzt wird; dokumentiert sind urologische, gynäkologische und allgemeinchirurgische Patienten der Uni Freiburg.
Auch liegt eine Studie zur Behandlung der Menopausal-bedingten Schlafstörungen vor, wonach sich die Schlafqualität unter der Einnahme von Baldrianextrakt signifikant bessert. In diesen Kontext passt auch das Ergebnis einer weiteren Studie zur Behandlung von Spannungskopfschmerz, der durch Schlafstörungen und Stress getriggert wird. Demnach kommt es durch die Einnahme von Baldrianextrakt (zweimal 530 mg/die) zu einer signifikanten Schmerzreduktion bei verbesserter Leistungsfähigkeit. Demgegenüber wird in der eingangs zitierten S3-Leitlinie die Studienlage von Baldrian als inhomogen bezeichnet, was mit zwei Meta-Analysen zu belegen versucht wird: „die Meta-Analysen zeigen keine, bzw. allenfalls eine sehr geringe Überlegenheit von Baldrian gegenüber Placebo.“ Diese Aussage wirft mehr Fragen auf als sie beantworten kann: Was ist ein „Baldrian­präparat“?

Qualität pflanzlicher Arzneimittel

Bei einer solchen Aussage zeigt sich einmal mehr ein häufiges Missverständnis bei der Beurteilung pflanzlicher Arzneimittel. Die Frage nach der Standardisierung und damit Konzentration der eingesetzten Baldrianextrakt-Präparate bleibt dabei unberücksichtigt. Denn in aller Regel sind es unterschiedliche Herstellungsverfahren, sodass ein direkter Vergleich der untersuchten Präparate zwangsläufig nicht möglich ist.
Für die Bewertung der pharmazeutischen Qualität und konsekutiven Wirksamkeit eines pflanzlichen Arzneimittels ist das sogenannte Drogen-Extrakt-Verhältnis (DEV) ein wesentliches Kriterium. Es beschreibt die Extraktausbeute, die bei einem definierten Herstellungsverfahren erzielt wird. Zur Qualitätssicherung gehört neben dem DEV auch die Angabe von Art und Konzentration des Extraktionsmittels. Dadurch enthält der so deklarierte Spezialextrakt Inhaltsstoffe mit nachgewiesener therapeutischer Aktivität.

Pflanzliche Sedativa

Wenngleich Baldrianpräparate aufgrund ihrer Bekanntheit zumal bei Patienten eine hohe Akzeptanz finden, rückt in der ärztlichen Verordnung zunehmend auch die Passionsblume als Phytosedativum in den Mittelpunkt. Dies ist bedingt durch die Datenlage, wonach standardisierte Extrakte der Passionsblume anxiolytische, leicht sedierende und motilitätshemmende Wirkungen zeigen und deshalb bei angstbesetzten Unruhezuständen und Schlafstörungen eingesetzt werden.
Die Passionsblume ist häufig Bestandteil von pflanzlichen Kombinationspräparaten, was bei diesem Indikationsgebiet auf traditionelle Erfahrung zurückgeht und durch aktuelle Daten verifiziert ist.
Beispiele sind:

  • Passionsblumenkraut, Baldrianwurzel, Johanniskraut
  • Passionsblumenkraut, Baldrianwurzel, Melissenblättern
  • Passionsblumenkraut, Baldrianwurzel, Hopfenzapfen

Weitere Kombinationen sedierend und damit schlaffördernd wirkender Phytokombinationen sind:

  • Baldrianwurzel, Melissenblätter
  • Baldrianwurzel, Melissenblätter, Hopfenzapfen
  • Baldrianwurzel, Hopfenzapfen

Aus therapeutischer Sicht ist darauf hinzuweisen, dass es keine vergleichenden Untersuchungen zu den genannten Pflanzenkombinationen gibt, zumal auch im Hinblick auf die spezifischen Herstellungsprozesse. Um eigene Erfahrungen für die gezielte Verordnung zu generieren, empfiehlt es sich, die Präparateauswahl zu begrenzen.
Eine weitere Arzneipflanze ist der Lavendel, dessen Wirksamkeit bei Ein- und Durchschlafstörungen, Unruhezuständen und Angststörungen mit dem standardisierten Lavendelöl-Spezialextrakt belegt ist (vgl. Der Allgemeinarzt 1/2025).

Traditionelle Anwendung: warmes Fußbad

Kalte Füße sind ein häufig unterschätzter Trigger bei Ein- und Durchschlafstörungen. Aus der Balneotherapie bekannt und in der Kneipp’schen Therapie etabliert sind abendliche Fußbäder, denen einige Tropfen Lavendel oder Melisse zugesetzt werden. Die schlafanstoßende Wirkung kann in Form von temperaturansteigenden Fußbädern intensiviert werden:
Die Füße werden bis zu den Knöcheln in ca. 28°C warmem Wasser gebadet, um mittels Handbrause die Wassertemperatur allmählich auf ca. 37°C ansteigen zu lassen, Dauer ca. 15–20 Minuten, um sich unmittelbar danach schlafen zu legen.
Ein nachhaltiger Effekt wird erst durch eine konsequente Durchführung erzielt, worauf der Patient hingewiesen werden sollte.
Trotz der vermeintlich harmlos klingenden Prozedur besteht eine Kontraindikation bei ausgeprägter Varicosis, Ulcus cruris und Herzinsuffizienz (NYHA III) sowie bei Periodenblutung.

Fazit

Einmal mehr zeigt sich, wie eine pragmatische Vorgehensweise auch und gerade in der primärärztlichen Versorgung gefordert ist. Insbesondere Patienten mit psychischer Problematik und Co-Morbiditäten können unter Einbeziehung der Phytotherapie zielführend begleitet und behandelt werden. Deren Akzeptanz unter ärztlicher Führung ist ein wesentlicher Aspekt der Adhärenz im Sinne der notwendigen Behandlung. Der multimodale Therapieansatz spricht für eine intensivierte Implementierung in hausärztliches Handeln.

Autor: Dr. med. 
Markus Wiesenauer

Quelle: Der Allgemeinarzt

Bildquelle:© Kerstin-Jung – stock.adobe.com

Weitere Beiträge zu diesem Thema

Medizinische Fachangestellte fuehrt telefonische Beratung in der Arztpraxis als Symbol fuer das BSG Urteil zur GOP 01435 und das Primaerarztsystem

BSG-Urteil zur GOP 01435: Primärarztsystem in Gefahr?

Fachartikel

Ein BSG-Urteil zur GOP 01435 sorgt für Unruhe: Das Gericht bestätigte einen Regress gegen eine hausärztliche BAG wegen überproportionaler Abrechnung telefonischer/mittelbarer Kontakte. Kritiker sehen darin eine Fehlinterpretation der „Bereitschaftspauschale“ – mit möglichen Folgen für Praxisorganisation, Honorarkürzungen nach Durchschnittswerten und die geplante Primärversorgung samt Primärarztsystem.

Allgemeinmedizin

Sonstiges

Beitrag lesen
© Miroslav Beneda – stock.adobe.com

Asthma bronchiale bei Kindern und Jugendlichen – Teil 2

Fachartikel

Wie wird Asthma bei Kindern und Jugendlichen wirksam behandelt? Teil 2 der Fachserie rückt die Therapie in den Fokus: individuelle Therapiesteuerung, klare Therapieziele und regelmäßige Asthmakontrolle. Ein Schwerpunkt liegt auf Shared Decision Making mit Familien – denn nur wer die Erkrankung versteht, kann die Langzeittherapie konsequent umsetzen. Ein Ausblick kündigt moderne Optionen und Notfallmanagement in Teil 3 an.

Allgemeinmedizin

Atemwege

Beitrag lesen
Arzt legt beruhigend die Hand auf die Hand eines Patienten als Symbol fuer empathische Fehlerkommunikation im Arzt Patient Gespraech

Fehlerkommunikation mit Patienten: Anders als erwartet

Fachartikel

Wenn Behandlungsergebnisse „anders als erwartet“ ausfallen, entscheidet Kommunikation über Vertrauen – oder Konflikt. Der Beitrag zeigt praxistaugliche Strategien zur professionellen Fehlerkommunikation: transparent, schnell und verständlich, mit Empathie, klarer Verantwortungsübernahme und strukturierten Follow-ups. So lassen sich Patientensicherheit stärken, Beziehungsabbrüche vermeiden und rechtliche Eskalationen reduzieren.

Allgemeinmedizin

Sonstiges

Beitrag lesen