Die Debatte um die Zuckersteuer polarisiert: Befürworter versprechen sich positive Effekte auf die Vermeidung Adipositas-assoziierter Erkrankungen. Gegner kritisieren die mangelnde Datenlage als Basis für eine Besteuerung. Dieser Artikel beleuchtet beide Seiten der Diskussion und analysiert die wissenschaftliche Evidenz hinter der Forderung nach einer Zuckersteuer in Deutschland.
Zur Diskussion steht nicht die Frage, ob durch eine Fehlernährung Erkrankungen ausgelöst werden können, Adipositas zu einem drückenden Problem unserer Gesellschaft wurde, oder ob die Politik die Verantwortung für die Einführung einer Zuckersteuer übernehmen sollte. Für uns Ärzte und die Öffentlichkeit ist eine andere Frage vorrangig: Welche Qualität der Datenlage muss vorliegen, bevor unsere Vertreter (z.B. Ärztekammer und Fachverbände) eine Empfehlung zur Einführung der Besteuerung potenziell Adipositas fördernder Nahrungsmittel geben.
Die Ausgangslage: Zwei Perspektiven
Die Diskussion um die Zuckersteuer bewegt sich in einem Spannungsfeld:
- Einerseits gibt es Menschen, die an Adipositas und ihren Folgen erkranken
- Andererseits können die meisten Menschen – wie man an der hohen Lebenserwartung sieht – mit potenziell krankmachenden Nahrungsmitteln gut umgehen
- Einerseits erwartet die Politik Hinweise aus der Wissenschaft
- Andererseits ist die Datenlage nicht so eindeutig, wie wünschenswert
Unter Verweis auf Übersichtsarbeiten mit ausführlicheren Literaturzitaten werden im Folgenden die wesentlichen Argumente und die Belastbarkeit der Aussagen gegenübergestellt.
PRO: Argumente für eine Zuckersteuer
1. Adipositas als Volkskrankheit
Jugendliche Adipositas wurde zu einer „Volkskrankheit”, die mit dem Konsum gesüßter Getränke korreliert und psychosozial benachteiligte häufiger als privilegierte Menschen betrifft. Diese soziale Ungleichheit verstärkt die Forderung nach politischen Maßnahmen.
2. Simulationsstudien zeigen Potenzial
Simulationsstudien, die auf Daten aus Beobachtungsstudien beruhen, ergeben eine erhebliche Reduktion der Adipositas, des Typ-2-Diabetes und seiner Komplikationen sowie eine im Milliardenbereich liegende Kostenersparnis, würde eine Zuckersteuer eingeführt.
3. Erfolge aus anderen Ländern
Berichtet werden Erfolge aus anderen Ländern mit einer Zuckersteuer, insbesondere die Verringerung des Anstiegs der Adipositas bei 11–13-jährigen Mädchen in England.
Fazit der Befürworter
Für die Besteuerung sehr zuckerhaltiger Nahrungsmittel spricht die Steigerung der Beweiskräftigkeit:
- Beobachtungsstudien, die Korrelationen beschreiben
- Simulationsdaten aus Beobachtungsstudien gewonnen
- Interventionen auf Populationsebene – die beweiskräftigste Datenlage
Aufgrund dieser Datenlage drängen Fachverbände und der Bundesärztekammer-Präsident Dr. K. Reinhardt auf die Einführung einer Besteuerung, ergänzt durch einen verbindlichen Gesundheitsunterricht an Schulen und weitere Verbote (Handys, TikTok, WhatsApp und Co). Politiker mehrerer Parteien springen auf den Zug auf.
Ist die Datenlage so erdrückend, dass man nach Umerziehung und Benachteiligung auch derer rufen darf, die mit den potenziell gefährlichen Nahrungsmitteln klug umgehen?
CONTRA: Argumente gegen eine Zuckersteuer
1. Beobachtungsstudien beweisen keine Kausalität
Beobachtungsstudien können nur Korrelationen beschreiben, aber weder Kausalität noch den Nutzen der Bekämpfung eines Risikofaktors beweisen. Wenn psychosoziale Faktoren ein entscheidender Treiber der Adipositas sind, dann wird eine Steuer die Ursache der Adipositas nicht beseitigen und nur die Mehrheit derer treffen, die mit den potenziellen Risiken klug umgehen. Also benötigt man Interventionsstudien.
2. Simulationen widersprechen Interventionsstudien
Auf Beobachtungsstudien beruhende Simulationen können nur Annahmen treffen, nichts beweisen. Die vorliegenden Simulationsstudien negieren die Daten aus den zwei großen Diabetespräventionsstudien, die Daten aus den Beobachtungsstudien widersprechen. Diese zeigten:
- Man kann zwar das Auftreten eines Diabetes Typ 2 reduzieren
- Aber nicht das Auftreten schwerer Diabetes-assoziierter Komplikationen
Hätte man diese beweiskräftigeren Daten aus Interventionsstudien in die Simulierungen eingerechnet, würde das Ergebnis anders lauten.
3. Randomisierte Studien zeigen minimale Effekte
Im Gegensatz zur Annahme aus Beobachtungsstudien belegen beweiskräftigere randomisierte Interventionsstudien, dass unter optimalen Studienbedingungen:
- Die Gruppe ohne gesüßte Getränke nur gering abnimmt (klinisch nicht relevant)
- Nach kurzer Zeit parallel zur Kontrollgruppe wieder zunimmt
- Nur eine Subgruppe gering abnimmt
4. Die England-Studie: Methodische Mängel
Das schwerwiegendste Gegenargument ist die für den Erfolg in England zitierte Studie von Rogers et al. In der öffentlichen Diskussion wird verschwiegen:
- Nur die 11–13-jährigen Mädchen profitieren
- Nicht alle anderen Altersgruppen der Mädchen und Knaben
- Der Effekt ist gering
Außerdem stimmt die Aussage des Nutzens für 11–13-jährige Mädchen nicht: Da in ganz England die Zuckersteuer eingeführt wurde, gibt es keine eigentliche Kontrollgruppe, sondern nur eine Extrapolation des bisherigen Verlaufs der Adipositas. Nur im Vergleich dazu stagnierte der Anstieg der Adipositas.
5. Deutschland als bessere Kontrollgruppe
Korrekt wäre es, die Forscher hätten die Kontrollgruppe aus einem Land ohne Zuckersteuer genommen, z.B. Deutschland. Dort sank (im Gegensatz zu England) der Anteil der 11–13-jährigen adipösen Mädchen in der KiGGS Basiserhebung:
- 2003–2006: 8,3 %
- 2014–2017: 6,5 %
Mit der korrekten Kontrolle lautete das Ergebnis: Länder ohne Zuckersteuer erreichen eine leichte Senkung der Adipositas in dieser Altersgruppe, England mit Zuckersteuer dagegen nicht.
Nicht alle Länder berichten Erfolge
Es wird von den Befürwortern einer Zuckersteuer verschwiegen, dass keineswegs alle Länder mit Zuckersteuer einen klinisch relevanten Effekt auf die Adipositas und ihre Folgen berichten.
Zusammenfassung der Gegner
Aus den in der Beweiskraft höherwertigen Interventionsstudien und den bisherigen Ergebnissen aus Ländern nach Einführung einer Zuckersteuer gibt es – auch in Anbetracht der falschen Kontrollgruppe der Studie von Rogers et al. – keinen Beweis, dass eine Zuckersteuer überhaupt auf Populationsebene etwas nutzt oder benachteiligten Menschen hilft, ihre Benachteiligung auszugleichen.
Ähnlich schwach sind die Daten, berechnet man die Effektstärke in den Studien zu dem Nutzen erzieherischer Maßnahmen (u.a., weil sich vor allem diejenigen an die Maßgaben halten, die diese nicht benötigen).
Diskussion grundsätzlicher Fragen
Das Thema Zuckersteuer eignet sich gut zur Diskussion über grundsätzliche Fragen:
Wissenschaftliche Sorgfalt
- Wie tief sollten unsere Vertreter in die Materie einsteigen und wie viele unterschiedliche Meinungen einholen, ehe sie eine Empfehlung an die Öffentlichkeit weitergeben?
- Wie gut sind unsere Vertreter im Lesen und Interpretieren von Studien geschult und wie gut wir selber?
- Kennen wir uns im Unterschied zwischen Signifikanz und Relevanz (Effektstärke) aus?
- Schauen wir ausreichend oft in die Originalliteratur oder schwimmen wir lieber im Mainstream mit?
Verantwortung und Gerechtigkeit
- Wo beginnt die Verantwortung für diejenigen mit Krankheitsrisiken und wo die für nicht gefährdete Menschen, die von einer erzieherischen Maßnahme unnötig betroffen wären?
- Untergraben wir den Grundpfeiler unseres Berufes, das „primum non nocere”, wenn wir mit wissenschaftlichen Daten zu oberflächlich argumentieren?
Fazit: Eine differenzierte Betrachtung ist notwendig
Die Debatte um die Zuckersteuer zeigt exemplarisch, wie wichtig eine sorgfältige Bewertung wissenschaftlicher Evidenz ist. Während Beobachtungsstudien und Simulationen auf mögliche Vorteile hinweisen, liefern randomisierte Interventionsstudien und internationale Vergleiche ein deutlich differenzierteres Bild.
Die Forderung nach einer Zuckersteuer sollte auf solider wissenschaftlicher Grundlage basieren – nicht auf selektiv interpretierten Daten oder politischem Aktionismus. Eine ausgewogene Diskussion muss sowohl die potenziellen Vorteile für Risikogruppen als auch die Belastung der Allgemeinbevölkerung berücksichtigen.
Autoren: Prof. Dr. Dr. H.c. Peter Nawroth, Dr. med. Thomas Hausen



