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Von der Arzt-Patienten-Kommunikation zur „Beziehung ums Eck“

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mgo medizin Redaktion

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Wo einst nur Ärzt:in und Patient:in gemeinsam im Behandlungszimmer waren, sind heute oft gleich zwei KIs mit an Bord.

Eine als digitale Assistenz im weißen Kittel, die Diagnostik, Dokumentation und Terminmanagement unterstützt – und eine auf dem Smartphone der Patient:innen, etwa als Chatbot oder Gesundheits-App. Diese neue Dreicks- oder sogar Vierecks-Konstellation verändert die Dynamik grundlegend: Ärztliche Teams müssen die Empfehlungen der KI nicht nur einordnen und erklären können, sondern auch die digitalen Vorrecherchen ihrer Patient:innen verstehen und in die Behandlung einbinden. Wie gelingt es, in diesem „Zusammenspiel aus Mensch und Maschine“ Vertrauen, Transparenz und Empathie zu bewahren?

Als Digital Health-Expertin und ehemalige CEO von Magnosco (KI-basierte Hautkrebsdiagnostik) weiß ich aus erster Hand, wie sehr technologische Innovationen die Praxis verändern – und wie wichtig es ist, sie verantwortungsvoll und transparent zu integrieren. KI ist kein reines Technologiethema: Sie prägt, wie wir als Menschen leben, entscheiden und miteinander in Beziehung treten. Und das hat revolutionäre Auswirkungen auf die Arzt-Patienten-Beziehung.

Patient:innen als Daten-Pionier:innen

Früher genügte eine mündliche Symptomschilderung. Heute betritt man die Praxis mit hochauflösenden Smartphone-Fotos, Chatbot-Protokollen und Analysen aus GesundheitsApps – eine Art „Vorrecherche“, die Patient:innen selbst durchführen.

Der Umgang damit ist vielschichtig: Manche Patien:innen erwähnen ihre Vorrecherche gar nicht, andere aber erwarten, dass dieses digitale Vorwissen nicht nur zur Kenntnis genommen, sondern aktiv in Diagnostik und Therapieplanung eingebunden wird.

Aus dem klassischen Dialog (und manchmal vielleicht sogar Monolog) wird ein ko-kreativer Trialog oder Quadrolog – und es ist nicht immer transparent, wie viele Beteiligte mitreden.

Die KI im weißen Kittel?

Ärztliche KI-Systeme agieren als „stille Assistenten“ im Hintergrund: Sie durchforsten Fachliteratur in Echtzeit, erstellen strukturierte Dokumentation und werten klinische Bilddaten aus – insbesondere in der Dermatologie. Das schafft wertvolle Freiräume für das persönliche Gespräch. Ein weiterer Faktor kommt hinzu: die sogenannte „Schatten-KI“ – nicht für medizinische Anwendung zugelassen, aber dennoch genutzt. TikTok ist voll von Videos, in denen Patienten Ärzte filmen, wie sie in der Notaufnahme ChatGPT zu Rate ziehen. Doch egal, welche Algorithmen einbezogen werden: Die letztendliche Diagnose und Therapieentscheidung bleibt unantastbar in menschlicher Hand – dennoch ist es denkbar, dass in wenigen Jahren schon die Einbeziehung einer KI verpflichtend werden könnte.

„Die KI wird das Menschliche nicht ersetzen“ – diese These hat sich nicht bewahrheitet. Nicht nur in der Medizin, auch im Alltag avanciert KI zum Gesprächspartner. Chatbots wie ChatGPT liefern keine starren Fakten, sondern Gegenfragen, spiegeln Gefühle und regen zur Selbstreflexion an – ein Coaching auf Abruf. Studien zeigen, dass 91,7 % dieser Antworten als emotional passend empfunden werden. Mittlerweile sind „Therapie und Companionship“ die Nummer 1 Anwendungsbereiche von generativer KI. Die heutige Generation von Kindern, die früh mit Tablets und KI-Apps aufwachsen, haben mit einer KI einen ersten „digitalen Freund“, der geduldig zuhört. Gleichzeitig präferiert jede vierte Person der Generation Z anonyme digitale Beratung bei mentalen Problemen – so die pronovaBKKStudie 2023. Diese Entwicklung verändert, wem wir vertrauen – und hat direkte Auswirkungen auf die Arzt-Patienten-Beziehung.

Chancen und Risiken

1. Zwei KI-Instanzen, ärztliche KI und Patient:innen-KI, liefern Datenmengen, die präzisere Diagnosen und passgenaue Therapien ermöglichen. Ohne Transparenz jedoch droht Informationschaos, wenn unklar bleibt, welche KI welche Empfehlung erzeugt.

2. Hierin sehen 81 % der Deutschen in KI eine „riesige Chance“ für die Medizin, und 70 % wünschen sich KI-Unterstützung für Ärzt:innen – zugleich empfinden 23 % den Einsatz von KI im Gesundheitswesen als beängstigend, und rund neun von zehn Befragten fordern eine strenge Regulierung. Diese Ambivalenz macht deutlich: Mehr als technische Exzellenz braucht es klare Kommunikation über Einsatzbereiche und Grenzen der KI.

3. Einfühlsame Chatbots können Halt geben – doch allzu starke Bindung birgt Risiken. Dokumentierte Fälle zeigen, dass emotionales „Zuneigen“ zur Maschine tragische Folgen haben kann, wenn Grenzen fehlen.

Vier Leitprinzipien für den digitalen Dialog

1. Steuerung: Klare Prozesse im Praxisteam: Wer setzt welche KI-Tools ein, und wie werden deren Ergebnisse validiert?

2. Transparenz durch Offenlegung aller KI-Systeme: Ob Terminmanagement,Dokumentenerstellungoder Bildauswertung – Patient:innensollten wissen, wann welcherAlgorithmus hilft. Aktives Nachfragenstärkt das gemeinsame Verständnis.

3. Validierung: Jede KI-Empfehlung von der verantwortlichen Ärzt:in sorgfältig geprüft. Nutzen und Risiko werden im individuellen Kontext abgewogen.

4. Empathie: Trotz allem bleibt menschliche Nähe unverzichtbar. Die echte Verbindung entsteht durch Unvollkommenheit, Verletzlichkeit und das Bewusstsein, dass auf der anderen Seite ein Mensch steht. Und spätestens, wenn es sich um eine ernsthafte Erkrankung handelt – dann braucht es einen Menschen auf der anderen Seite.

Ausblick

Die neue Beziehung zwischen Menschen und Maschine eröffnet große Chancen: Wird KI gezielt als Assistenzpartner eingesetzt, lassen sich Informationslücken schließen und Therapieprozesse wirkungsvoll unterstützen.

Die zentrale Rolle als Entscheider, Empath und Gestalter bleibt jedoch (vorerst?) beim Menschen. Vertrauen entsteht erst im Zusammenspiel aus technischer Präzision und menschlicher Verbindung – das ist die Grundlage für echte Heilung.

Voraussetzung dafür jedoch ist aus meiner Sicht eine aktive Auseinandersetzung mit dem Thema KI: Ärzt:innen und medizinisches Fachpersonal sollten auch aus eigenem Interesse nicht nur die eigenen digitalen Werkzeuge verstehen, sondern auch wissen, welche Anwendungen ihre Patient:innen nutzen. KI darf kein blinder Fleck bleiben, sondern sollte fester Bestandteil des gemeinsamen Gesprächs werden.

Inga Bergen


Visionäre Gesundheit Zukunftsstrategien für das Gesundheitswesen

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Aktuelle Projekte

Future Health Academy: Online Kurs „KI im Gesundheitswesen“,

Podcast: visionaere-gesundheit.de

Buch: Wie die Generation Z das Gesundheitswesen verändert, Springer Nature

Literatur

[1] Bitkom e. V. Health: Sieben von zehn Deutschen wünschen sich KI-Unterstützung in Klinik und Praxis. Repräsentative Befragung unter 1.138 Personen, 21. September 2023. Bitkom Research. Umfrage: Jeder Dritte würde einem KI-Doktor vertrauen. Evangelische Zeitung, 21. September 2023.

[2] Liu X et al. A comparison of deep learning performance against health care professionals in detecting diseases from medical imaging. Lancet Digital Health. 2023;5(6): e203–e211. DOI: https://doi.org/10.1016/S2589-7500(23)00040-7pronovaBKK. Studie Generation Z. 2023.

Bildquelle: © Kunut – Adobe Stock

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