Forschende des UKE haben einen Mechanismus entschlüsselt, wie das Gehirn während der Schwangerschaft das Immunsystem aktiv überwacht und Multiple-Sklerose-(MS-)Schübe unterdrückt. Nervenzellen im Hirnstamm nehmen den Botenstoff GDF-15 wahr und aktivieren das sympathische Nervensystem. Dadurch wird die Einwanderung von Entzündungszellen ins zentrale Nervensystem verhindert. Der neu identifizierte Signalweg eröffnet vielversprechende Ansätze für neue Therapieverfahren der MS.
Gehirn überwacht das Immunsystem aktiv
Unser Ziel war es zu verstehen, wie die Schwangerschaft die erhöhte Entzündungsaktivität der MS reguliert. Dabei konnten wir erstmalig zeigen, dass das Gehirn den Zustand des Immunsystems aktiv überwacht und regulierend eingreifen kann. Der neu identifizierte Signalweg eröffnet vielversprechende Ansätze für neue Therapieverfahren der MS.
Prof. Dr. Manuel Friese, Direktor des Instituts für Neuroimmunologie und Multiple Sklerose des UKE und Leiter der Studie
Bei der MS wandern fehlgeleitete Immunzellen aus dem Blut in das Gehirn und Rückenmark ein. Dort lösen sie Entzündungen aus und schädigen Nervenzellen. Die Folge sind langfristige neurologische Einschränkungen. Dass sich diese Entzündungsaktivität während der Schwangerschaft deutlich reduziert, war bereits bekannt. Um das ungeborene Kind zu schützen, wird das Immunsystem der Schwangeren gedämpft. Eine zentrale Rolle spielt dabei der immunsuppressive Botenstoff GDF-15, der vom Fötus freigesetzt wird.
GDF-15 aktiviert Nervenzellen im Hirnstamm
Auch bei der MS-Erkrankung ist dieser immunsuppressive Botenstoff erhöht. Dies deutet darauf hin, dass der Körper die Entzündung selbst zu begrenzen versucht. Überrascht hat die Forschenden jedoch, dass der Rezeptor für GDF-15 nicht auf Immunzellen vorkommt. Er findet sich nur auf Nervenzellen im Hirnstamm. Das internationale Forschungsteam fand heraus, dass spezielle GDF-15-sensitive Nervenzellen im Hirnstamm mit dem sympathischen Nervensystem verbunden sind. Wird dieser Signalweg aktiviert, setzen Immunorgane wie die Milz vermehrt den Neurotransmitter Noradrenalin frei. Dadurch wird die Aktivierung von entzündungsfördernden Immunzellen gehemmt.
Obwohl diese Nervenzellen nur in geringer Zahl vorhanden sind, können sie die Immunantwort so stark unterdrücken, dass keine Entzündungszellen mehr ins Gehirn und Rückenmark eindringen.
Dr. Jana Sonner, Institut für Neuroimmunologie und Multiple Sklerose des UKE, Erstautorin der Studie
Vielversprechende Ansätze für neue Therapien
Da diese Nervenzellen außerhalb der Blut-Hirn-Schranke liegen, ist der Signalweg besonders gut für therapeutische Anwendungen zugänglich. In einem präklinischen Maus-Modell gelang es dem Team, diesen Schutzmechanismus gezielt zu verstärken. Dies erfolgte sowohl durch Gentherapie als auch durch die Gabe von rekombinantem GDF-15. In beiden Fällen konnte die Krankheitsaktivität deutlich reduziert oder sogar verhindert werden.
An der Studie beteiligt waren neben dem UKE auch das Universitätsklinikum Würzburg, die Charité Universitätsmedizin Berlin, die Universität Michigan sowie NovoNordisk.
Quellen:
1. Pressemitteilung des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf vom 15.01.2026 : Schwangerschaft schützt vor MS-Schüben: Gehirn-Immun-Achse unterdrückt Entzündungen
2. Sonner JK, Kahn A, Binkle-Ladisch L et al. A GDF-15–GFRAL axis controls autoimmune T cell responses during neuroinflammation. Nat Immunol (2026).



