Lea Hermann erkrankte mit Anfang 20 an einer Enzephalitis, einer schweren Gehirnentzündung. Ihre Erfahrungen, insbesondere in der Reha-Klinik, dienten ihr später als Material für ihren ersten Roman „Hirnweh“, erschienen 2022 im Morisken Verlag. Der Roman erzählt davon, wie es ist, als junger Mensch durch Krankheit aus dem Leben gerissen zu werden. In unterhaltsam sarkastischer Sprache offenbart er viele Feinheiten über das deutsche Reha-System und die Tücken der Arzt-Patient-Kommunikation.
Dieses Gespräch ist als Podcast bei mgo medizin erschienen. Hören Sie hier die Folge auf spotify:
Liebe Lea, wie kamst du darauf, über deine Krankheit einen Roman zu schreiben?
Lea Hermann: Während ich in der Reha war, das war Ende 2013, hatte ich einen Blog. Der war gar nicht für die Öffentlichkeit gedacht, sondern einfach für meine Freundinnen, damit sie mitlesen konnten, was mir passiert. Gleichzeitig war es für mich eine Art Tagebuch und auch eine Aufgabe, ein bisschen zur Ablenkung. Ich wusste immer, dass ich aus der Geschichte eines Tages mehr machen würde, nur der Zeitpunkt war noch unklar. Schließlich habe ich während der Corona-Pandemie angefangen, „Hirnweh“ zu schreiben, und meinen Blog von damals als Quelle benutzt. Das war super, denn an viele Details kann man sich nach einiger Zeit auch nicht mehr so gut erinnern.
Die selbst erlebte Grundlage erkennt man in den vielschichtigen und präzisen Beobachtungen des Romans. Würdest du uns einen Einblick in deinen Schreibprozess geben?
Lea Hermann: Ich habe einfach drauflosgeschrieben, und auch nicht in chronologischer Reihenfolge. Was mir einfiel, habe ich aufgeschrieben. Meine persönlichen Erinnerungen habe ich natürlich verfremdet und ausgebaut. Ich habe zum Beispiel noch einen Ex-Freund eingebaut und es ein bisschen spannender gemacht. Erst am Ende habe ich alles in eine richtige Reihenfolge gebracht und Übergangskapitel geschrieben, damit es logisch wird und ein roter Faden entsteht.
Wie hast du die Figuren entwickelt? Teilweise treten sie sehr archetypisch auf, aber es gibt auch viele interessante Patientinnen mit ihren eigenen Eigenheiten in der Klinik. Wie kamst du zum Beispiel auf Sergej, den mysteriösen Mitpatienten, den wir eher aus der Ferne kennenlernen?
Lea Hermann: Als ich in der Reha war, war dort auch ein jüngerer Mann. Ich hatte nichts mit ihm zu tun, aber er trug immer ein graues Jogginghosen-Set: graue Jogginghose, grauer Hoodie. Und er ist immer Enten füttern gegangen. Das fand ich so skurril: Da war ein junger Typ, der wie ein Gangster wirkte, und dann ging er immer an die Isar und fütterte Enten. Dieses Bild war noch so präsent in meinem Kopf, dass ich aus dieser Erinnerung einen kompletten Charakter gebaut habe.
Was würdest du selbst sagen, welche Fragen und Themen verhandelt dein Buch?
Lea Hermann: Ich glaube, es geht viel um Akzeptanz. Darum, zu akzeptieren: Okay, man ist gerade krank, man ist in einer Phase, in der das Leben nicht so läuft, wie man es will. Und man muss diese Pause, die man gerade hat, akzeptieren. Es geht auch um Zuversicht. Eine Krankheit ist nicht das Ende der Welt. Es geht dann doch immer irgendwie weiter.
War deine Zielgruppe dabei ein ganz konkreter Gedanke beim Schreiben? Hast du dir gedacht: Das werden andere junge Menschen lesen, die krank sind, die es schwer haben, die sich vielleicht isoliert fühlen – und das kann die Botschaft sein?
Lea Hermann: Ich kam mir wirklich wie eine Aussätzige vor, als ich in der Reha war. Ich habe auch viel gejammert und dachte: Nur mir passiert so etwas. Deshalb finde ich es schön, wenn es Bücher gibt, in denen man sieht: Ich bin nicht die Einzige in so einer blöden Situation. Auch andere Menschen werden krank und dann wieder gesund. Auch wenn man jung ist, kann so etwas passieren. Ich wollte anderen Leuten mit dem Buch Mut machen und Zuversicht schenken.
Im Folgenden wollen wir uns mehr mit der Reha als besonderem Ort beschäftigen. Sie ist oft ein sehr isolierter Ort, ein Randort abseits der Gesellschaft, an dem andere Normalitäten und andere Regeln gelten. Die Protagonistin Hannah ist über ihre Umgebung oft frustriert, aber im Kern auch immer wieder amüsiert. Sie bemerkt viele absurde Besonderheiten, die sie ironisch und flapsig kommentiert. Worin liegt für dich das Comedy-Potenzial der Reha?
Lea Hermann: Reha ist super skurril. Eine Szene ist mir wirklich passiert: Hannah sitzt im grünen Sessel, bevor das Abendessen losgeht, und die ganzen älteren Leute scharren schon mit den Hufen, weil sie in den Speisesaal wollen. Aber der ist noch zugesperrt. Sie klopfen an und akzeptieren nicht, dass sie noch fünf Minuten warten müssen, bis geöffnet wird. Da habe ich mir gedacht: Wo bin ich denn hier gelandet? Gleichzeitig sind alle Gesellschaftsschichten und Altersgruppen zusammengewürfelt. Auch die Kommunikation war wahnsinnig schlecht. Mir wurde vorher gesagt, ich solle unbedingt einen Bademantel mitbringen, weil ich Einheiten im Schwimmbecken haben würde. Dann habe ich mir extra einen teuren Bademantel gekauft. Als ich ankam, hieß es: Nein, Sie dürfen nicht ins Wasser. Sie hatten epileptische Anfälle, und weil sich das Licht im Wasser spiegelt, könnten Sie dadurch einen Anfall bekommen.
Diese Dichotomie kommt im Roman gut heraus: Es gibt farbenfrohe, lustige, augenzwinkernde und humorvolle Aspekte. Aber darin platzierst du auch Kritik. Siehst du praxisnahe Stellschrauben in der Kommunikation, die Ärztinnen und Ärzte sofort umsetzen können, um es den Kranken leichter zu machen, sich in diese Welt einzufinden?
Lea Hermann: Was ich gut fände, wäre wahrscheinlich finanziell und zeitlich schwer umzusetzen: Wenn man vorab mit den Leuten spricht. Was können Sie? Was brauchen Sie? Was sollten Sie mitnehmen? Das gab es bei mir alles nicht. Ansonsten ist ganz wichtig: erklären, erklären, erklären. Was ist genau los? Wozu dient diese Blutabnahme? Man ist als Patientin völlig fremdbestimmt und weiß oft gar nicht, was gerade an einem untersucht wird, und erlebt Hilflosigkeit und manchmal sogar Todesangst. Ich hatte ein krasses Beispiel im Krankenhaus. Ich lag auf der Akutüberwachungsstation, und der Oberarzt kam mit den Assistenzärzten herein. Dann sagte er: „Frau Hermann, es sieht jetzt nicht so gut aus bei Ihnen.“ Er wollte vielleicht lustig sein, aber bei mir kam es überhaupt nicht lustig an. Ich dachte: Jetzt muss ich sterben. Deshalb wieder: erklären, erklären, erklären. Was ist mit meinem Körper passiert? Warum ist das so? Warum machen wir das? Es muss ja kein langes Gespräch sein. Aber eine kurze Einordnung hilft: Das ist passiert, weil dies und das war. Man hat in so einer Situation große Angst. Ich war wirklich ständig auf Adrenalin und hatte auch Angst vor der Visite.
Leider wenden sich im Krankheitsfall oft sogar noch private Kontakte, zum Beispiel Freunde, von den Patientinnen und Patienten ab. Warum isoliert das Thema Krankheit deiner Erfahrung nach so sehr?
Lea Hermann: Aus Patientinnensicht ist es viel Scham. Mir war es peinlich, dass ich so krank bin und in die Reha muss. Ich habe es auch nicht allen gesagt. Einem Bekannten habe ich erzählt: „Ich bin ein bisschen krank.“ Er wusste das volle Ausmaß nicht. Auf der anderen Seite wissen Freundinnen oft nicht, wie sie damit umgehen sollen. Eine Freundin hat zum Beispiel zu mir gesagt – der Satz kommt auch im Buch vor: „Sieh es doch als Wellnessurlaub.“ Aber man kann die schönen Sachen nicht so richtig genießen, weil man weiß: Mit meinem Körper stimmt etwas nicht.
Das Ganze ist jetzt über zehn Jahre her. Du hast dich als Autorin etabliert, mit „Hirnweh“ Preise gewonnen und sehr vielen Menschen ein Buch geschenkt, in dem sie sich wiederfinden. Was steht als Nächstes an? Darfst du schon über dein nächstes Buchprojekt sprechen?
Lea Hermann: Den Namen verrate ich noch nicht, aber es ist etwas komplett anderes. Viele Leute hatten gehofft, dass ich eine Fortsetzung schreibe, weil sie wissen wollten, wie es mit Hannah weitergeht. Das ist es nicht. Es geht um Freundschaft, um eine Clique. Und ich musste natürlich wieder ein hartes Thema nehmen: Einer aus der Clique ist vor zehn Jahren gestorben. Nach zehn Jahren treffen sich die anderen wieder und entdecken, dass die verstorbene Person etwas vor ihnen verborgen gehalten hat. Dann versuchen zwei Protagonisten herauszufinden, was damals los war. Es geht um Trauer, um die Frage, ob jemand einmal ein guter Freund oder eine gute Freundin war, und auch ein bisschen um Schuld. Es ist eine Freundschaftsgeschichte, würde ich sagen. In „Hirnweh“ ist Freundschaft ja auch ein wichtiger Aspekt, und ich glaube, mir liegen solche Freundschaftsgeschichten. Ich mag das wahnsinnig gern. Und ich glaube, der Humor ist auch wieder da. Anders kann ich, glaube ich, nicht schreiben.
Danke, dass du deine Geschichte und deine Erfahrungen mit uns geteilt hast.
Lea Hermann: Vielen Dank, mir hat es sehr viel Spaß gemacht.
Das Interview führte Julina Pletziger.



