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Kongress für klinische Neurowissenschaften: Epilepsie und Technologie im Fokus

Ein Mann hält vor einem medizinischen Publikum einen Vortrag.

Quelle: © Olga-Ko - stock.adobe.com

Kongress für klinische Neurowissenschaften: Epilepsie und Technologie im Fokus

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Epilepsie

mgo medizin Redaktion

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7 MIN

Erschienen in: neuro aktuell

Vom 25.–27. Februar 2026 fand in Augsburg der Kongress für klinische Neurowissenschaften mit Fortbildungsakademie der Deutschen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und Funktionelle Bildgebung (DGKN) mit ca. 1.000 Teilnehmenden vor Ort statt. Der interdisziplinäre Kongress für Klinische Neurowissenschaften richtet sich an Medizinerinnen und Mediziner aus Neurologie, Neurochirurgie und Psychiatrie sowie an Fachleute aus Psychologie, Medizintechnik, IT und Ingenieurwissenschaften.

Unter dem Motto „Neuronale Funktion verstehen, erhalten und modulieren“ fanden unter anderem 33 wissenschaftlichen Symposien, 3 Keynote Lectures und 4 Spotlight Lectures beispielsweise zu den Themen Neurophysiologie des Schlafs, Alzheimerdiagnostik durch Künstliche Intelligenz (KI) sowie Prävention und Frühintervention von neurologischen Erkrankungen statt. Ein Fokus lag auf dem Einsatz von KI und weiterer innovativer Technologien in der Medizin.

Das Präsidentensymposium am 26. Februar hatte den Schwerpunkt Epilepsie. Unter anderem wurden die Effekte der Neurostimulation bei Epilepsie, der Einfluss von Epilepsie auf die Struktur und Funktion des Gehirns und die Chancen und Grenzen von KI in der EEG-Analyse in der Epilepsiebehandlung besprochen. Prof. Dr. Jan Rémi, stellvertretender Direktor der Neurologischen Klinik und Poliklinik und Leiter des Epilepsie-Zentrums am LMU Klinikum München, sprach als ehemaliger Präsident der DGKN und Kongresspräsident 2026 darüber, wie die Epilepsieforschung zur Entschlüsselung grundlegender neurophysiologischer Mechanismen des menschlichen Gehirns beiträgt.

Ein weiteres Highlight der Vorträge: Dr. Nicolai Franzheimer, München, ging auf den Zusammenhang zwischen der Alzheimererkrankung und Epilepsie ein. In der Entwicklung der Alzheimererkrankung sind die Amyloidablagerungen der erste Schritt. An der Stelle, wo sie sich anlagern, wird neuronale Erregbarkeit gesteigert, das heißt dort können leichter epileptische Anfälle auftreten.

Kongress schlägt Brücke zwischen Theorie und Praxis

Prof. Rémi betonte, dass der Kongress für klinische Neurowissenschaften eine Brücke für viele Disziplinen und zwischen Klinik und Wissenschaft schlage. Es wird nicht nur die Theorie behandelt, sondern die Frage beantwortet: „Wie wende ich das dann auch wirklich am Patienten an?“

Neuer Präsident der DGKN

Prof. Rainer Surges, Direktor der Klinik und Poliklinik für Epileptologie am Universitätsklinikum Bonn, übernahm nach Abschluss des Kongresses die Präsidentschaft der DGKN. Als Ziele der Fachgesellschaft nannte er die Entwicklung und den Einsatz innovativer Gesundheitstechnologien mitzugestalten und damit für eine bessere Versorgung von neurologisch Erkrankten zu sorgen. Der Kongress der DGKN im März 2027 soll dementsprechend unter dem Motto „Smarte Technologien machen mobil“ stattfinden und seinen Fokus noch mehr auf KI-Methoden, Sensortechnologien und die Nutzbarkeit von medizinischen Daten (Big Data) legen. Technologien machen echte Unterschiede für die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten. Das Potential hinter Big Data sollte genutzt werden.

Epilepsie 24/7: Wearables und Sensoren

Prof. Surges sprach über die Potenziale von Wearables und Sensoren für das Epilepsiemonitoring. Wearables können kontinuierlich verschiedene physikalische Signale objektiv messen. Bei Epilepsie können sie so Anfälle, die sonst unbemerkt geblieben wären, erkennen und in Notfallsituationen Hilfspersonen alarmieren.

Unter Epilepsie werden diejenigen Erkrankungen des Gehirns zusammengefasst, die mit andauernder Neigung zur Erzeugung epileptischer Anfälle einhergehen. Nervenzellverbände feuern im Gleichtakt wodurch Wahrnehmung und Verhalten gestört wird und es zu Bewusstseinsstörungen kommen kann. Epilepsie ist keine seltene Erkrankung: 1–2 von 200 Menschen haben Epilepsie, in Deutschland sind das circa 650.000 Betroffene und circa 28.000 Neuerkrankungen pro Jahr.

Eine der großen Herausforderungen in der Versorgung bei Epilepsie ist es, dass viele Anfälle unbemerkt bleiben oder vom Patienten selbst inkorrekt dokumentiert werden. 55 % der Anfälle werden gar nicht und 65 % inkorrekt dokumentiert [1]. Anhand dieser fehlerhaften Dokumentation werden Patientinnen und Patienten dann behandelt. So erhöht sich das Risiko für anfallsbedingte Unfälle und Verletzungen oder SUDEP (Sudden Unexpected Death in Epilepsy). Die Patientinnen und Patienten wünschen sich eine Technologie, die das Anfallsrisiko vorhersagt, das ist aber bisher nicht möglich. In Bezug auf Wearables sind insbesondere solche gewünscht, die nicht stigmatisieren, heißt am besten nicht auffallen und abnehmbar sind, wie beispielsweise Armbänder.

Was messen Sensoren im Zusammenhang mit Epilepsie?

Verfügbare mobile Technologien sind Wearables in Form von Armbändern, die mit Licht-, Haut, Rotations- und Beschleunigungssensoren funktionieren, sowie die Temperatur messen und Lautstärke wahrnehmen können. In-Ohr Sensoren sind mit Licht-, Rotations- und Beschleunigungssensoren ausgestattet und messen ebenfalls die Körpertemperatur. EEG-Elektroden und Miniaturkameras sind weitere neuere Technologien zur Anfallserkennung.

Wearables wie Klebeelektroden z. B. hinter dem Ohr, In-Ohr-Elektroden, subkutane Elektroden oder intrakranielle Elektroden messen die Elektrische Hirnaktivität. Durch Elektromyographien, Akzellerometrie/Rotation (Armband) und hochauflösende Videokameras können Bewegungen und die elektrische Muskelaktivität gemessen werden. Durch Elektrokardiographie (Patch, Gurt) und Photopletysmograpie (Puls) und hochauflösende Kameras kann die Herzaktivität überwacht werden. Durch Photopletysomographie (Armband und In-Ohr-Sensoren) und hochauflösende Videokameras kann die Atmung überwacht werden. Durch die Messung der elektrischen Hautleitfähigkeit können Armbänder die Sympathikus-Aktivität ermitteln [2].

Durch die Bestimmung des Pulses kann ein Anstieg der Herzrate, wie er selbst bei kleinen Anfällen vorkommt, festgestellt werden. Außerdem können rhythmische Zuckungen, wie sie bei tonisch klonischen Anfällen vorkommen, detektiert werden. Verstärktes Schwitzen ist ebenfalls ein Anzeichen eines Anfalls, das unter anderem durch die Armbänder und Patches festgestellt werden kann.

Zu den geprüften Medizinprodukten zur Erkennung von tonisch-klonischen Anfällen gehören: Embrace2, Epi-Care free, Epi-Care mobile, Nightwatch, Epi-Care 3000, Emfit MM und UnEEG, was im Gegensatz zu den anderen auch kleine fokale Anfälle erkennt, dieses kann man jedoch nicht verordnen.

Es gibt mehr als 20 Apps und Produkte für Epilepsiepatientinnen und -patienten, die auch unter anderem Warnungen vor Epilepsieauslösern geben können. Diese sind jedoch teilweise medizinisch nicht hochwertig geprüft, es gibt also keine Gewährleistung, wie gut sie tatsächlich sind.

Auch kommerziell erhältliche Smartwatches können aktuellen Studien zufolge prinzipiell Anfälle zuverlässig und mit minimaler Falschalarmrate erkennen, wenn moderne Algorithmen eingesetzt werden [3, 4]. „Oft fehlen jedoch belastbare klinische Validierungen, zudem bestehen ungelöste Datenschutzfragen für die hochsensiblen Gesundheitsdaten“, betonte Prof. Surges.

Wie verändern Wearables und Sensoren die Therapie?

Es gibt noch nicht ausreichend Daten, um sagen zu können, ob Wearables im medizinischen Alltag und in der Therapie der Epilepsie einen großen Unterschied machen. Die Hoffnung ist aber groß, dass durch korrekteres Anfallsmonitoring eine bessere Anfalls-
kontrolle ermöglicht werden kann. Dadurch könnte ggf. das Risiko für anfallsbedingte Unfälle und auch SUDEP gesenkt werden.

Auch eine verbesserte Medikamentenverträglichkeit beispielsweise durch eine Chronotherapie wäre möglich: heißt, man analysiert, ob Medikamente zu bestimmten Tageszeiten verabreicht werden sollten, z. B. abends vor dem Einschlafen oder ob man zu einer bestimmten Jahreszeit weniger geben kann und so die Dosis ggf. reduziert werden könnte. Die Wearables könnten dadurch mehr Autonomie und Sicherheit gewährleisten, was langfristig zu einer erhöhten Lebensqualität führt.

Ein weiterer wichtiger Punkt: „Wearables und KI liefern nicht nur Messwerte, sondern Erkenntnisse – und werden damit zum Herzstück einer personalisierten Versorgung“, so Prof Surges.

Michelle Flammersberger

Themen rund um Epilepsieforschung und Leben mit Epilepsie auch hier:

Scharfe Welle – der Bonner Epilepsie-Podcast Folge 37: Wearables und digitale Hilfsmittel bei Epilepsie – wann sind sie sinnvoll?

Referenzen

1. Hoppe et al. Arch Neurol 2007; 64: 1595–9

2. Surges Klein Neurophysiol 2021; 52: 29–38

3.  Vakilna YS et al. Reliable detection of generalized convulsive seizures using an off-the-shelf digital watch: A multisite phase 2 study. Epilepsia 2024; 65(7): 2054–68

4. Spahr A et al. Deep learning-based detection of generalized convulsive seizures using a wrist-worn accel-erometer. Epilepsia 2025;66(Suppl 3): 53–63

Quelle: Online Pressekonferenz anlässlich des Kongresses der DGKN am 23.02.26

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