E-Paper

Neurologie und Psychiatrie » Neurophysiologie

»

Fluorid könnte einen negativen Effekt auf die kindliche Gehirnentwicklung haben

Fluorid könnte einen negativen Effekt auf die kindliche Gehirnentwicklung haben

News

Neurologie und Psychiatrie

Neurophysiologie

4 MIN

Erschienen in: neuro aktuell

Hinweise aus Studien häufen sich, dass Fluorid einen negativen Effekt auf die Gehirnentwicklung und den IQ haben könnte. Fluorid wird hauptsächlich aus Wasser, Nahrung und Getränken auf Wasserbasis aufgenommen. Kyla W. Taylor et al. untersuchten daher in einer systematischen Übersichtsarbeit und Metaanalyse, ob die Fluoridexposition mit IQ-Werten von Kindern assoziiert ist.

Fluorid ist natürlicherweise im Trinkwasser vorhanden. In einem Bericht des National Research Council von 2006 wurde festgehalten, dass hohe Konzentrationen von natürlich vorkommendem Fluorid im Trinkwasser neurotoxische Effekte haben können. Studien zufolge beeinflusst Fluorid die Gehirnentwicklung. In den USA und in einigen weiteren Ländern erfolgt die Fluoridierung von Trinkwasser oder auch Speisesalz zur Kariesprävention. Das U.S. Public Health Service empfiehlt eine Fluoridkonzentration von 0,7 mg/l im Trinkwasser, der Richtwert der WHO für Fluorid ist mit 1,5 mg/l festgelegt. Zusätzliche Quellen für die Aufnahme sind Lebensmittel, zahnmedizinische Produkte, Industrieemissionen und Arzneimittel. In einer systematischen Übersichtsarbeit und Metaanalyse, erschienen in JAMA Pediatrics 2025, gehen Kyla W. Taylor et al. daher der Frage nach, ob eine Assoziation zwischen Fluoridexposition und IQ-Werten bei Kindern besteht.

Inverse Assoziation zwischen Fluoridexposition und IQ
Insgesamt wurden 74 Studien (64 Querschnittsstudien und 10 prospektive Kohortenstudien) miteinbezogen, von denen 45 in China durchgeführt worden waren. Weitere Studien stammen aus Kanada (n=3), Dänemark (n=1), Indien (n=12), Iran (n=4), Mexiko (n=4), Neuseeland (n=1), Pakistan (n=2), Spanien (n=1) und Taiwan (n=1). 52 Studien wurden mit einem hohen und 22 Studien mit einem niedrigen Verzerrungspotenzial eingestuft. Die Bewertung der Studienqualität erfolgte mittels des OHAT-Risk-of-Bias-Tools. Gepoolte standardisierte Mittelwertdifferenzen (SMDs) und Regressionskoeffizienten wurden mit Random-Effects-Modellen geschätzt.
64 Studien berichteten über eine inverse Assoziation zwischen Fluoridexposition und dem IQ. Die Analyse von 59 Studien auf der Gruppenebene zeigte bei den Messgrößen der Fluoridexposition wie Fluorid in Trinkwasser oder Zahnfluorose (47 Studien mit hohem Verzerrungspotenzial, 12 mit niedrigem Verzerrungspotenzial; n = 20.932 Kinder) eine inverse Assoziation (gepoolte SMD, -0,45; 95 %-KI, -0,57 bis -0,33; p <0,001). Bei 31 Studien, in denen die Trinkwasserkonzentration von Fluorid gemessen wurde, wurde eine Dosis-Wirkungs-Assoziation bei Exponierten gefunden, verglichen mit der Referenzgruppe (SMD, -0,15; 95 %-KI, -0,20 bis -0,11; p <0,001). Die inverse Assoziation war auch nachweisbar für exponierte Gruppen bei <4 mg/l und <2 mg/l, jedoch nicht bei <1,5 mg/l.
In 20 Studien wurde die Fluoridexposition im Urin bestimmt. Hier ergab die Analyse eine inverse Dosis-Wirkungs-Beziehung (SMD, -0,15; 95 %-KI, -0,23 bis -0,07; p <0,001). Eine inverse Assoziation fand sich auch für exponierte Gruppen bei <4 mg/l, <2 mg/l und <1,5 mg/l Fluorid im Urin.
Die Forschungsgruppe ermittelte aus 13 Studien eine Abnahme des IQs um 1,63 Punkte (95 %-KI, -2,33 bis -0,93; p <0,001) für einen Anstieg von Fluorid im Urin um 1 mg/l. Wurden nur Low-Risk-of-Bias-Studien berücksichtigt, ergab sich eine IQ-Senkung um 1,14 Punkte (95 %-KI, -1,68 bis -0,61; p <0,001).
Lt. Kyla W. Taylor et al. waren Einschränkungen ihrer Forschungsarbeit, dass hauptsächlich Querschnittstudien und als »high-risk-of-bias« klassifizierte Studien miteingeschlossen wurden. Jedoch heben sie hervor, dass die inverse Assoziation zwischen Fluoridexposition und IQ auch in Analysen von Studien mit niedrigem Verzerrungspotenzial und in Subgruppenanalysen sowie trotz Anwendung unterschiedlicher Studiendesigns gezeigt werden konnte.
Die Autorinnen und Autoren heben hervor, dass ihrer Analyse zufolge für einen Fluoridanstieg von 1 mg/l im Urin zwar die Abnahme des IQs gering ist (Senkung um 1,63 Punkte), dies könne jedoch, auf die Gesamtheit bezogen, Auswirkungen haben. Beispielsweise führt eine Senkung des IQs um 5 Punkte in der Bevölkerung zu einer Verdoppelung an Personen, die als geistig behindert klassifiziert werden. Bis auf Fluoridkonzentrationen niedriger als 1,5 mg/l, gemessen im Trinkwasser, war die inverse Assoziation signifikant. Hier merken Kyla W. Taylor et al. an, dass eine Messung der Fluoridkonzentrationen im Wasser wahrscheinlich die Gesamtfluoridexposition unterschätzen und Urinkonzentrationen diese besser repräsentieren würden. Fluorid im Urin wurde in den ausgewählten Studien mittels Einzelproben, Spot-Urin und Mehrfachproben bestimmt. Kyla W. Taylor et al. führen einerseits an, dass diese Verfahren fehleranfälliger seien als eine 24-Stunden-Urin-Messung. Andererseits verweisen sie auf Forschungsliteratur, welche eine Korrelation von Urinkonzentrationen zwischen Spot-Urin und 24-Stunden-Urin bei Verdünnungs-adjustierten Messungen beschreibt.

Fazit
Kyla W. Taylor et al. konnten in ihrer Metaanalyse, welche Studien mehrerer Länder miteinschloss, eine inverse Assoziation und eine inverse Dosis-Wirkungs-Assoziation zwischen Fluoridkonzentrationen sowohl im Urin als auch im Trinkwasser und dem IQ bei Kindern feststellen. Die Forschungsgruppe merkt an, dass bei Konzentrationen von unter 1,5 mg/l für eine Fluoridexposition ausschließlich im Trinkwasser aufgrund der mangelnden Datenlage keine sichere Dosis-Wirkungs-Assoziation angegeben werden konnte. Lt. den Autorinnen und Autoren könnte ihre Studie zu künftigen Risiko-Nutzen-Bewertungen der Fluoridexposition für die Mundgesundheit von Kindern und die öffentliche Gesundheit beitragen.

Autorin: Dr. med. Charlotte Gröschel, PhD
Zur Originalpublikation kommen Sie hier.

Bilderquelle: © jivanshreela

Weitere Beiträge zu diesem Thema

Erschoepfte Person sitzt auf dem Sofa und haelt sich die Stirn, Symbolbild fuer Kopfschmerzen nach Covid-19-Erkrankung und Impfung

Kopfschmerzen nach COVID-19-Erkrankung und -Impfung

Fachartikel

Kopfschmerzen zählen zu den häufigsten und am längsten anhaltenden Symptomen nach einer SARS‑CoV‑2-Infektion. Der Artikel erklärt, wie sich akute COVID-assoziierte Kopfschmerzen von persistierenden Post-/Long‑COVID-Kopfschmerzen unterscheiden, welche Risikofaktoren eine Rolle spielen (z. B. Migräne, Entzündungsaktivität) und welche Therapieansätze symptomatisch infrage kommen. Auch der Einfluss von Impfungen wird eingeordnet.

Neurologie und Psychiatrie

Kopfschmerzerkrankungen

Beitrag lesen
Person sitzt im Gespraech auf einem Sofa und wirkt zuhoerend und nachdenklich, Symbolbild fuer Behandlung mit Risperidon ISM in Akut- und Depottherapie

RESHAPE-Studie mit Risperidon ISM®: „Akut und Depot sind kein Widerspruch”

Fachartikel

Die RESHAPE-Studie liefert erstmals Real-World-Daten zum Einsatz von Risperidon ISM® (Okedi®) bei akut exazerbierter Schizophrenie im stationären Setting. Bei 275 Patient*innen zeigte sich eine schnelle Symptomverbesserung ab Tag 8 sowie mehr Funktionsfähigkeit und Zufriedenheit. Viele konnten im Median nach 8 Tagen entlassen werden; die Verträglichkeit war überwiegend gut, eine orale Begleittherapie brachte keinen Zusatznutzen.

Neurologie und Psychiatrie

Psychische Erkrankungen

Schizophrenie

Beitrag lesen
Frau mit Schmerzen, Neuropathiesymptom

Small Fiber Neuropathie und Fibromyalgie Syndrom – Abgrenzung und Therapie

Fachartikel

Small Fiber Neuropathie (SFN) und das Fibromyalgie-Syndrom (FMS) sind zwei chronische Schmerzsyndrome mit teilweise überlappender Symptomatik, jedoch unterschiedlicher pathophysiologischer Grundlage.

Neurologie und Psychiatrie

Demyelinisierende Erkrankungen

Polyneuropathie

Beitrag lesen