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Kokain-Konsum verfünffacht das Schlaganfallrisiko

Kokain-Konsum verfünffacht das Schlaganfallrisiko

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Erschienen in: neuro aktuell

Der Kokain-Konsum ist in Deutschland deutlich angestiegen. Die Risiken dieser Droge sind kaum bekannt, aber sie sind gerade im Hinblick auf die Gesundheit von Gehirn und Nervensystem dramatisch: Kokain erhöht das Schlaganfallrisiko um das Fünffache, ein regelmäßiger Konsum lässt das Gehirn schneller altern. Der scheinbare „Hirn-Enhancer“ führt langfristig nicht selten zur geistigen Umnachtung. 

Drogen „manipulieren“ das Gehirn. Sie setzen Botenstoffe frei, die zunächst Wohlbefinden auslösen und so zur Sucht führen. Verschiedene Mechanismen im Gehirn sorgen dafür, dass das Verlangen immer größer wird, gleichzeitig die Bedeutung anderer Dinge wie Partnerschaft, Freundschaften, Hobbies oder Beruf abnimmt. Drogen ebnen nicht nur im Gehirn den Weg in die Abhängigkeit, sie richten dort auch viele andere Schäden an – Halluzinationen, Agitiertheit, Psychosen und Paranoia sind bekannte Begleit- und Folgeerscheinungen. Weitgehend unbekannt ist jedoch, dass der Konsum von Kokain langfristig auch schwere neurologische Krankheiten nach sich ziehen kann, worauf die Deutsche Hirnstiftung und die Deutsche Gesellschaft für Neurologie zum Weltdrogentag eindringlich hinweisen, zumal sich der Kokainkonsum in Deutschland deutlich erhöht hat.

Kokain verfünffacht das Risiko für Schlaganfälle und Hirnblutungen

Vor zwei Jahren zeigte eine systematische Metaanalyse von 36 Studien, dass der Konsum von Kokain das Risiko für Hirnblutungen und ischämischen Schlaganfällen verfünffacht [1]. „Ein Schlaganfall tritt meistens erst in der zweiten Lebenshälfte auf. In aktuellen epidemiologischen Studien [2] sehen wir aber, dass gerade die Schlaganfallrate von jüngeren Menschen unter 50 Jahren angestiegen ist, möglicherweise hängt das auch damit zusammen, dass deutlich mehr Kokain in Deutschland konsumiert wird“, erklärt Prof. Dr. Peter Berlit, DGN-Generalsekretär. Eine weitere Erkenntnis der Metaanalyse: Die Kokainkonsum-bedingen Schlaganfälle enden öfter tödlich (OR: 1,77) und gehen häufiger mit Komplikationen wie Gefäßspasmen (OR: 2,25) und epileptischen Anfällen (OR: 1,61) einher.

Von Bedeutung sind dabei Kokain-induzierte Gefäßveränderungen, denn die Droge beeinträchtigt die vaskuläre Funktion, führt zur Verengung und Entzündung der Blutgefäße (Vasokonstriktion und Vaskulitis). Das verursacht nicht nur die suchttypischen Kopfschmerzen, sondern scheint auch ein Grund für die erhöhte Schlaganfallrate von Kokain-Abhängigen zu sein [3].

So katalysiert Kokain die Hirnalterung

Eine weitere Folge des regelmäßigen Kokainkonsums ist besonders weitreichend: Kokain beschleunigt den Alterungsprozess des Gehirns, indem es die Hirnstruktur verändert. Eine 2023 publizierte Studie [4] verglich das Hirngewebe von Kokain-Abhängigen und Nicht-Konsumenten. Festgestellt wurde bei den Suchtkranken eine ausgedehnte Atrophie der grauen Substanz in den Bereichen Temporallappen, Frontallappen, Insula und limbischer Lappen. Dieser Schwund an Nervenzellen ist ein typisches Zeichen für sogenannte neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson – und führte auch bei Kokain-Abhängigen zu einem höheren „Gehirnalter“.

Schon 2012 war eine Arbeitsgruppe der Frage nachgegangen, warum Langzeit-Kokain-Abhängige Einschränkungen in Bezug auf Gedächtnisleistung, Aufmerksamkeit und Reaktionszeit aufweisen und führte eine Bildgebungsstudie [6] durch. Auch hier zeigte sich eine schnellere Abnahme der grauen Substanz, der Schwund ging doppelt so schnell vonstatten wie bei gesunden Menschen. Die Hirnscans von 30- und 40-jährigen Kokain-Konsumenten zeigen die gleichen pathologischen Veränderungen wie die von über 60-Jährigen ohne Drogenproblem.

„Das Perfide ist, dass Kokain oft von Menschen geschnupft wird, die ihre kognitive Leistungsfähigkeit steigern wollen. Die Droge hat hier zwar tatsächlich einen kurzfristigen Effekt, doch den zahlt man langfristig doppelt und dreifach in der gleichen Währung zurück. Sogar gelegentlicher Kokain-Konsum könnte einer Erhebung [5] zufolge bereits mit kognitiven Defiziten verbunden sein. Dieses Risiko kennen jedoch die wenigsten Konsumenten, hier gilt es aufzuklären“, betont Erbguth.

Quelle: Pressemeldung Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN), 18.6.25

Pressekontakt Pressestelle der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN)
Pressesprecher: Prof. Dr. Peter Berlit
Leiterin der DGN-Pressestelle: Dr. Bettina Albers
Tel.: +49 (0)174 2165629
E-Mail: presse@dgn.org

Referenzen

[1] Rendon LF, Malta S, Leung J, Badenes R, Nozari A, Bilotta F. Cocaine and Ischemic or Hemorrhagic Stroke: A Systematic Review and Meta-Analysis of Clinical Evidence. J Clin Med. 2023 Aug 10;12(16):5207. doi: 10.3390/jcm12165207. PMID: 37629248; PMCID: PMC10455873.

[2] GBD 2021 Stroke Risk Factor Collaborators. Global, regional, and national burden of stroke and its risk factors, 1990-2021: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2021. Lancet Neurol. 2024 Oct;23(10):973-1003. doi: 10.1016/S1474-4422(24)00369-7. PMID: 39304265.

[3] Farooque U, Okorie N, Kataria S, Shah SF, Bollampally VC. Cocaine-Induced Headache: A Review of Pathogenesis, Presentation, Diagnosis, and Management. Cureus. 2020 Aug 30;12(8):e10128. doi: 10.7759/cureus.10128. PMID: 33005542; PMCID: PMC7524019.

[4] Beheshti I. Cocaine Destroys Gray Matter Brain Cells and Accelerates Brain Aging. Biology (Basel). 2023 May 21;12(5):752. doi: 10.3390/biology12050752. PMID: 37237564; PMCID: PMC10215125.

[5] Ersche KD, Jones PS, Williams GB, Robbins TW, Bullmore ET. Cocaine dependence: a fast-track for brain ageing? Mol Psychiatry. 2013 Feb;18(2):134-5. doi: 10.1038/mp.2012.31. Epub 2012 Apr 24. PMID: 22525488; PMCID: PMC3664785.

[6] Soar K, Mason C, Potton A, Dawkins L. Neuropsychological effects associated with recreational cocaine use. Psychopharmacology (Berl). 2012 Aug;222(4):633-43. doi: 10.1007/s00213-012-2666-4. Epub 2012 Feb 29. PMID: 22374254.


Bildquelle: © andranik123 – stock.adobe.com

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