Dr. Annette Gomolla, Psychologin und Gründerin des Instituts für Pferdegestützte Therapie (IPTH), begleitet auf ihrem Therapiehof Hegau am Bodensee u.a. Kinder im Autismus-Spektrum. Der Umgang mit den Pferden, der strukturierte Ablauf des Stalllebens und das Reiten sind dabei wichtige Erfahrungen, die Autisten zu mehr konzentriertem Fokus und Flexibilität verhelfen können. Im Interview mit Julina Pletziger von der neuro aktuell berichtet sie von ihrem Therapieansatz sowie dem Training ihrer Therapiepferde.
Dieses Interview ist auch als Podcast erschienen. Hören Sie hier die Folge auf spotify:
Zum Therapiehof: https://therapiehof-hegau.de/
Zum Institut IPTh: https://www.ipth.de/
neuro aktuell: Hallo Annette, stelle uns doch deinen Hof einmal vor.
A. Gomolla: Mein Therapiehof liegt in der Nähe vom Bodensee. Er war mal ein Milchviehbetrieb und einer der vielen kleinen Betriebe in Baden-Württemberg, die dann aufgeben mussten und den Hof zur Pacht ausgeschrieben haben, sodass ich mit den Pferden, Eseln und Ziegen einziehen konnte. Von einem Leben mit so vielen Tieren habe ich schon als Kind geträumt. Ich bin zwar städtisch aufgewachsen, aber habe Tiere immer sehr geliebt. Nach dem Studium habe ich viel in der Forschung gearbeitet und bin durch Praktika, auch im Bereich Autismus, wieder zur tiergestützten Arbeit gekommen.
neuro aktuell: Welche Aufgabe kommt dabei den Pferden im Speziellen zu?
A. Gomolla: Das kommt immer darauf an, mit welchem Ziel die Tiere eingesetzt werden. Manchmal ist es eher aufgabenorientiert, weil man rund um Pferde sehr viel zu tun hat: Man muss sie putzen, bevor man sie reitet etc., da sind sehr viel strukturierte Aufgaben drumherum, mit denen man in der Therapie zB. Handlungsabläufe üben kann. Auf der anderen Seite reagieren Pferde sehr stark auf Emotionen. Das liegt daran, dass sie als Herden- und Fluchttiere eine sehr feine Wahrnehmung haben und auch sehr stark in die Interaktion gehen. Außerdem haben diese großen, aber sehr feinfühligen Tiere eine gewisse Öffnungsfunktion und stoßen Emotionen beim Menschen an.
neuro aktuell: Inwiefern reagieren Pferde auf menschliche Reaktionen? Wie kann man sich das vorstellen?
A. Gomolla: Landläufig spricht man von einer Spiegelfunktion: Das Pferd spiegelt den Menschen, d.h. wenn ich aufgeregt bin, dann ist das Pferd auch aufgeregt, und wenn ich mich beruhigen kann, dann wird es neben mir auch wieder ruhig. Das hat einfach mit dem Fluchttier zu tun, das sehr schnell merkt, wenn in der Herde jemand angespannt ist und flüchten müsste, oder umgekehrt, wenn sich die Situation wieder entspannt. Und wenn die Pferde so stark mit dem Menschen sozialisiert sind und in einer sicheren Umgebung leben, lassen sie sich auch auf menschliche Emotionen ein. Das zeigen sie zum Beispiel durch Nähe: Wenn jemand traurig ist, stellen sie sich häufig nah an diese Person ran. Sie halten ihren Kopf neben den Kopf des Menschen und atmen mit ihm. Das nennen wir dann nicht mehr Spiegeln, sondern affektives Mitschwingen. Die Pferde spüren den Affekt, also den körperlichen Anteil einer Emotion, und reagieren in ihrer artspezifischen Weise.
neuro aktuell: Für viele der autistischen Kinder, die zu dir auf den Hof kommen, ist es grundsätzlich erst mal schwierig, sich auf fremde Dinge einzulassen und soziale Cues werden häufig nicht sofort verstanden. Wie führst du diese Kinder ans Pferd heran?
A. Gomolla: Wir haben lange Heranführungsphasen, in denen die Kinder erst einmal den Hof kennenlernen, bis sie sich hier sicherfühlen, und dann ganz langsam dem Pferd begegnen; lernen, was Pferde für Geräusche oder Bewegungen machen etc. Das Spannende ist, dass die Kinder das schon auch interessant finden. Im tiergestützten Bereich sagen wir, dass Tiere beim Menschen viel Aufmerksamkeitslenkung bewirken: Unser Gehirn ist darauf ausgerichtet, ein Tier anzuschauen, weil das überlebenswichtig ist. Und das funktioniert auch bei Menschen mit Einschränkungen oder Autismus-Spektrum. Die Kinder nehmen die Pferde schnell wahr, und haben ein gewisses Interesse an ihnen. Und da setzen wir an. Wir laufen an den Pferden vorbei, gewöhnen uns an die Geräusche und Bewegungen und kommen dem Pferd mit der Zeit näher. Und wenn wir dann irgendwann so weit sind, dass sich die Kinder angstfrei auf das Pferd draufsetzen, dann wollen sie das häufig auch einfach ständig tun, so wie viele andere Kinder auch.
neuro aktuell: Wie lange dauert es vom Kennenlernmoment bis zum Reiten?
A. Gomolla: Da lassen wir sehr viel Zeit, weil wir möchten, dass die Kinder das selbst mitsteuern. Mit den Kindern, die in ihrer Sprache eingeschränkt sind, üben wir erst mal zu kommunizieren. Wir bringen ihnen bei, wenn sie das nicht schon können, dass sie uns über Bildkarten oder über ein Tablet zeigen können, was sie machen möchten. Dabei starten natürlich erst mal mit Dingen, die sie kennen. Wir haben ein Bällebad und Schaukeln, wir haben Spielmaterialien, die autistische Kinder gerne mögen, und spielen also zunächst nur mit vertrauten Dingen. Dann bauen wir ein, dass wir auch mal was Neues machen, zum Beispiel die Aufstiegstreppe angucken oder auf den Sandplatz gehen. Und dann zeigen wir ihnen – dadurch, dass eine Praktikantin zum Beispiel mal aufs Pferd aufsteigt, oder, was immer eine echt gute Hilfsmöglichkeit ist, die Mutter oder der Vater – dass man auf einem Pferd sitzen kann. Autistische Kinder haben zwar ein verringertes Nachahmungsverhalten, aber das finden sie dann doch sehr spannend und machen es auch nach. Bis es so weit ist, kann es bei uns bis zu zehn Einheiten dauern. Manchmal geht es schneller, wenn die Kinder zum Beispiel schon mal Ponyreiten waren.
neuro aktuell: Woher weißt du, welches Pferd zu welchem Kind passen könnte?
A. Gomolla: Wir machen immer eine Erstkennenlernstunde und gehen mit den Eltern und den Kindern durch den Stall. Dann merkt man manchmal schon, welches Pferd sie länger anschauen oder wo sie so körperlich so ein bisschen hintendieren. Manchmal testen wir auch durch und schauen, welche Reaktion wir bei welchem Pferd finden.
neuro aktuell: Wie reagiert denn das Pferd auf so einen ersten Kennenlernmoment, insbesondere bei Kindern, die auch Stimulationsspielzeuge mitbringen, die z.B. laute Geräusche machen?
A. Gomolla: Ja, das ist schon ein langer Gewöhnungs- und Trainingsprozess für die Pferde, bis sie so sicher sind, dass wir sie unangebunden frei stehen lassen können, während die Kinder eigenständig hinlaufen. Wir haben gerne Stuten im Einsatz, die schon Fohlen hatten und entsprechend viel Bewegung um sich herum kennen.
neuro aktuell: Wie trainiert ihr die Pferde?
A. Gomolla: Das fängt damit an, dass sie da, dass sie hier in Sicherheit sind, dass sie viel Auslauf haben, dass sie viel in der Herde sind, dass sie sich darauf verlassen können, bei uns nie Gewalt zu erleben. Im täglichen Handling sind wir sehr achtsam und achten auf Ruhe. Das hat auch mit der Fütterung zu tun, wir füttern zum Beispiel kein Kraftfutter oder Hafer. Und dann bekommen die Pferde 1-2 Jahre lang ein Training, bei dem sie alle möglichen Dinge kennenlernen. Wir schmeißen Gegenstände um sie herum, generieren Geräusche, alles, bis wir sagen können: Die Schreckreaktion ist auf ein Minimum reduziert. Der Fluchtreflex ist gemindert, die Pferde rennen nicht weg, sondern bleiben stehen. Dieser Mechanismus wird auch durch die Auswahl der Pferderasse beeinflusst. Das Islandpferd bleibt zum Beispiel von Natur aus stehen, wenn es sich erschreckt, und schaut, ob es sich lohnt, über Geröll zu flüchten.
neuro aktuell: Dann werfen wir einen Blick direkt in eine Therapiestunde. Wie könnte diese ablaufen?
A. Gomolla: Ganz klassisch wäre jetzt: Wir begrüßen das Pferd, wir machen es zum Reiten fertig, d.h. wir putzen es, wir fassen es an. Wir fühlen mal, wo harte und weiche Stellen sind, und lernen, was einem Pferd gefällt. Dann käme eine Reitsequenz. Gerade im Autismus-Spektrum wollen wir die Kinder mindestens 20 bis 30 Minuten auf dem Pferd zu haben, damit die Bewegungsimpulse der Schritt- und Trabbewegung auch psychisch wirken können. Und dann haben wir eben noch eine Verabschiedungssequenz, bei der wir das Pferd wieder in den Stall bringen und in die Herde verabschieden.
neuro aktuell: Was sind die psychischen Effekte durch Bewegungsimpulse beim Reiten?
A. Gomolla: Aus der Hippotherapie wissen wir, dass das Reiten die Extremitäten lockert und den Rumpf stabilisiert. Dieser Effekt wirkt sich auch psychisch aus: Menschen werden lockerer und entspannter. Wenn die Kinder traben, fangen sie oft an zu lachen – das ist bei fast allen Menschen so, wenn sie das zum ersten Mal erleben. Nonverbale Kinder beginnen oft zu lautieren, wenn sie Spaß haben beim Reiten. Häufig sind sie danach offener für Kommunikationsversuche und Spiele.
neuro aktuell: Bedeutet das auch, dass die Schaukelbewegung auf dem Pferd die ansonsten vielleicht durch Spielzeug herbeigeführte Grundstimulation ersetzen kann?
A. Gomolla: Genau das versuchen wir. In den ersten Stunden nehmen die Kinder ihre Stimulationsspielzeuge mit aufs Pferd. Wir sind schon geritten mit Duschköpfen, mit irgendwelchen Puddingbechern oder natürlich auch Tablets, die Musik machen etc. Das versuchen wir nach und nach zu reduzieren. Für uns ist es dann ein Highlight, wenn ein Kind irgendwann ruhig, entspannt, ohne Eigenstimulation, glücklich auf dem Pferd sitzt und die Landschaft anschaut. Wenn das gelingt, kommen wir auch nochmal in eine produktivere Kommunikation.
neuro aktuell: Gibt es auch langfristige Effekte der Therapie?
A. Gomolla: Neue Orte und Erlebnisse können für Autisten oft überfordernd sein. Sie zeigen dann diese stereotypen Verhaltensweisen, ziehen sich zurück, oder verletzten sich sogar selbst. Hier am Hof üben wir Schritt für Schritt, neue Situationen auszuhalten, und dadurch scheint sich die Überforderung zu reduzieren. In unseren Evaluationen mit den Eltern der Kinder haben wir immer sehr gute Ergebnisse. Es gab dazu auch Forschung, doch leider hat sich der Schwerpunkt in den letzten Jahren verlagert. Es wird jetzt in der pferdegestützten Therapie mehr zu Depressionen und Trauma geforscht als zu Autismus, obwohl ich denke, dass das Thema noch nicht fertig bearbeitet ist.
neuro aktuell: Wie wird die Therapie finanziert?
A. Gomolla: Die können die Familien oft im Rahmen der Eingliederungshilfe finanzieren lassen, ihnen steht ein persönliches Budget zu. Ansonsten lebt der Hof auch von Spendern und Sponsoren. Und es gibt auch ein paar Familien, die die Therapie selbst zahlen, wenn das mit der Eingliederungshilfe z.B. nicht funktioniert hat.
neuro aktuell: Zum Abschied möchten wir dich fragen, was für dich die schönsten Momente deiner Arbeit sein.
A. Gomolla: Wir haben im Moment sehr viel lustige Momente und lachen sehr viel mit Klienten und auch wir im Team über unsere Hühner. Also die geben uns sehr viel Freude im Moment, weil die dürfen bei uns frei rumlaufen. Wir haben nur fünf, die sind aber überall und die laufen uns ständig in die Stunden rein und da müssen wir doch immer sehr lachen, was die dann so tun, wenn die halt mit über den Reitplatz laufen oder plötzlich in unserer Schubkarre sitzen. Und ansonsten beim Autismus-Spektrum auch im Speziellen sind es die Momente, wo so eine Innigkeit zwischen dem Tier und dem Kind entsteht. Das ist meistens vom Boden, wenn sie so sehr nah am Kopf der Pferde stehen und die Pferde auch ganz ruhig werden und ganz still. Und das wie so eine Bubble um die herum entsteht. Und die Momente, die feiern wir, wie man das heutzutage so schön sagt, immer sehr und freuen uns immer unglaublich, wenn das entsteht, dass so innige Momente zwischen Tier und Kind da sind. Und das ist das, was auch glaube ich uns immer so trägt, dann diese Arbeit rund ums Pferd und auch die Ausbildung von denen zu machen, weil das ganz tolle Momente sind, die wir eben sehr, sehr, sehr lieben.
neuro aktuell: Ja, ist auch schon beim Zuhören total berührend. Vielen, vielen Dank, dass du uns heute den Einblick in den Hof und in deine Arbeit gewährt hast.
Das Interview führte Julina Pletziger für neuro aktuell.



