Onkologie » Hämatoonkologie » Multiples Myelom

»

Antikörper Teclistamab drängt Knochenmarkkrebs weit zurück

Zwei Mitglieder des Studienteams der Teclistamab-Studie bei Multiplem Myelom in einem Kongressfoyer

Quelle: © Carsten Müller-Tidow

Antikörper Teclistamab drängt Knochenmarkkrebs weit zurück

News

Onkologie

Hämatoonkologie

Multiples Myelom

mgo medizin Redaktion

Verlag

6 MIN

Erschienen in: onkologie heute

Eine multizentrische Studie der Unikliniken Heidelberg und Würzburg zeigt, dass der bispezifische Antikörper Teclistamab Immun- mit Tumorzellen koppelt und so eine zielgerichtete Reaktion gegen das Multiple Myelom auslöst. Bei allen Studienteilnehmenden waren nach sechs Monaten keine Tumorzellen mehr nachweisbar – ein Ergebnis, das Hoffnung auf langfristige Krankheitskontrolle macht.

Dank intensiver Forschung haben sich in den letzten Jahren die Behandlungsergebnisse bei einem neu diagnostiziertem Multiplem Myelom deutlich verbessert. Dennoch erreichen viele Patientinnen und Patienten keine vollständige und dauerhafte Krankheitskontrolle, eine sogenannte tiefe Remission, und erleiden einen Rückfall. Eine neue Immuntherapie könnte dazu beitragen, die tiefe Remission schneller und effektiver zu erreichen: In der multizentrischen Deutschen Myelomstudie der Universitätskliniken Heidelberg (UKHD) und Würzburg (UKW) untersuchten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beider Standorte den Einsatz des bispezifischen Antikörpers Teclistamab in Kombination mit der Standardtherapie. Teclistamab bringt Immunzellen in engen Kontakt mit Myelomzellen, indem er gleichzeitig an Oberflächenstrukturen von Krebszellen und T-Zellen des Immunsystems bindet. Das aktiviert die T-Zellen und sie zerstören die Myelomzellen.

Insgesamt nahmen 49 Patientinnen und Patienten aus Heidelberg, Würzburg und neun weiteren deutschen Myelomzentren an der Phase-II-Studie teil. Alle Teilnehmenden kamen für eine Stammzelltransplantation infrage. Der primäre Endpunkt, also das wichtigste Studienziel, war die Sicherheit: Wie verträglich ist Teclistamab in Kombination mit den anderen Wirkstoffen? Darüber hinaus wurde die Wirksamkeit untersucht: Wie sprechen die Patientinnen und Patienten auf die Behandlung an?

Bispezifischer Antikörper Teclistamab ergänzt Standardtherapie

Die Patientinnen und Patienten erhielten Teclistamab in Kombination mit Daratumumab, Lenalidomid und teilweise Bortezomib. Alle drei Medikamente sind Bestandteil der gängigen Standardtherapie bei neu diagnostiziertem Multiplem Myelom. Der Antikörper Daratumumab markiert die Krebszellen für das Immunsystem, das Krebsmedikament Bortezomib stört lebenswichtige Abbauprozesse in den Tumorzellen, Lenalidomid aktiviert das Immunsystem und hemmt das Tumorwachstum. Auf mehrere Zyklen dieser Kombinationstherapie folgt in der Regel nach einer hochdosierten Chemotherapie die Transplantation zuvor entnommener, patienteneigener Blutstammzellen.

Alle Patientinnen und Patienten sprachen auf die Behandlung an. In sämtlichen Knochenmarksproben, die das Team nach sechs Monaten untersuchte, waren unter einer Million Knochenmarkzellen keine Tumorzellen mehr zu finden. Die sogenannte Minimale Resterkrankung (Minimal Residual Disease, MRD), die an der Anzahl der verbliebenen Myelomzellen pro einer Million Knochenmarkzellen gemessen wird, fiel damit negativ aus – was auf Basis zahlreicher internationaler Studien als ein starker Prädiktor für den Behandlungserfolg gewertet wird: Patientinnen und Patienten, die diesen Zustand erreichen, haben in der Regel längere krankheitsfreie Phasen und überleben länger als Betroffene ohne MRD-Negativität.

„Bei einer sehr geringen Resterkrankung nach der derzeitigen Standardtherapie geht man aktuell von mehreren Jahren ohne Fortschreiten der Erkrankung bei der Mehrzahl der Patientinnen und Patienten aus. Bei einer MRD-Negativität ist die Hoffnung auf eine längere Krankheitskontrolle berechtigt“, sagt Studienleiter Professor Dr. Marc-Steffen Raab, Medizinische Fakultät Heidelberg der Universität Heidelberg, Leiter des Myelomzentrums am UKHD und Erstautor der Publikation. „Bislang konnte ein negativer MRD-Befund nur bei etwa 65 Prozent der Patientinnen und Patienten erreicht werden – und das auch erst nach monatelanger oder jahrelanger Therapie. In unserer Studie haben wir diese tiefe Remission jedoch bereits bei der ersten Testung nach drei Monaten beobachtet und mit genetischen Verfahren nach sechs Monaten bestätigt.“

Balkendiagramm zur Teclistamab-Studie bei Multiplem Myelom mit 100 Prozent MRD-Negativitaet in allen Studienarmen
Der Anteil der Patientinnen und Patienten mit MRD-Negativität lag in der Studie bei 100 Prozent. Das heißt: Mit hochsensitiven Untersuchungsmethoden waren bei allen Studienteilnehmenden in der MRD-auswertbaren Analysepopulation keine verbliebenen Myelomzellen mehr nachweisbar, was auf ein tiefes Ansprechen auf die Therapie mit Teclistamab hinweist. Die Studienteilnehmenden in Arm A und Arm A1 erhielten Teclistamab in Kombination mit Daratumumab und Lenalidomid; die Patienten in Arm B erhielten Teclistamab zusammen mit Daratumumab, Lenalidomid und Bortezomib. Abbildung aus Raab, M.S. et al.

Vom unheilbaren zum kontrollierbaren Krebs?

„Da nicht von allen unserer 49 Probandinnen und Probanden zu allen Zeitpunkten eine Knochenmarkprobe vorlag, können wir nur von einer MRD-Negativität von über 90 Prozent sprechen. Gemessen an den analysierten Knochenmarkproben sind jedoch 100 Prozent MRD-negativ,“ so Professor Dr. Leo Rasche, Oberarzt in der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums Würzburg (UKW) und Letztautor der Studie. Zwar entwickelten fast alle Patientinnen und Patienten die bei der Standardtherapie erwartbaren Nebenwirkungen unter anderem mit Fieber, Infektionen und Veränderungen im Blutbild. Diese waren jedoch gut beherrschbar.

Das Ergebnis muss nun in einer randomisierten Phase-III-Studien bestätigt werden, die ab Juli 2026 an 60 Standorten in Deutschland in erneuter Zusammenarbeit der beiden Studiengruppen durchgeführt werden wird. „Darüber hinaus ist es sehr sinnvoll zu klären, ob einzelne Wirkstoffe der Kombinationstherapie verzichtbar sind oder die Therapie verkürzt werden kann, wenn die Patientinnen und Patienten bereits nach drei Monaten so gut auf den bispezifischen Antikörper ansprechen. Das wäre mit Blick auf die Lebensqualität eine große Entlastung für die Betroffenen“, sagt Leo Rasche.

„Diese Studienergebnisse könnten maßgeblich dazu beitragen, aus dem Multiplen Myelom mithilfe moderner Immuntherapien endlich eine langfristig kontrollierbare Erkrankung zu machen. Zukünftig könnten wir bei unseren Patientinnen und Patienten ähnlich wie beim Hodgkin-Lymphom oder der chronischen myeloischen Leukämie eine extrem tiefe Remission erreichen – das wäre ein enormer Schritt nach vorne“, ergänzt Privatdozent Dr. Niels Weinhold, Medizinische Fakultät Heidelberg der Universität Heidelberg und Arbeitsgruppenleiter am Myelomzentrum Heidelberg.

Die Studie ist der erste Report einer Deutschen Myelomstudie, in der das UKHD und das UKW ihre beiden Studiengruppen zum Multiplen Myelom zusammengeführt haben: die von Würzburg aus geleitete Deutsche Studiengruppe Multiples Myelom (DSMM) und die von Heidelberg aus geleitete German-Speaking Myeloma Multicenter Group (GMMG). „Zusammen sind wir einfach stärker“, sagt Leo Rasche, der die Studie in Würzburg gemeinsam mit Prof. Dr. Hermann Einsele (Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik II und Leiter der DSMM) sowie Prof. Dr. Martin Kortüm (Leiter der Translationalen Myelomforschung) vorangetrieben hat.

Orignialpublikation: Raab MS, Weinhold N, Kortüm KM et al. on behalf of the GMMG-HD10/DSMM-XX (MajesTEC-5) investigators. Teclistamab-based induction treatment in transplant-eligible, newly diagnosed multiple myeloma: a phase 2 trial. Nat Med. 2026

Quelle: Pressemitteilung Universitätsklinikum Würzburg

Bildunterschrift: Studienleiter Prof Dr. Marc-Steffen Raab, Leiter des Myelomzentrums am UKHD und
Erstautor der Publikation (rechts) mit Prof. Dr. Leo Rasche, Oberarzt in der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des UKW und Letztautor der Studie.

Weitere Beiträge zu diesem Thema

Illustration der Prostata mit Metastasen, Fokus auf moderne Therapieansätze beim metastasierten kastrationsresistenten Prostatakarzinom

Einsatz des [¹⁸F]PSMA-1007 PET/CT beim Hochrisko-Prostatakarzinom

Fachartikel

Prospektive, multizentrische Studie zur Beurteilung der diagnostischen Leistungsfähigkeit der [18F]PSMA-1007 PET/CT-Bildgebung bei Patienten mit neu diagnostiziertem Hochrisiko-Prostatakarzinom oder Prostatakarzinom mit sehr hohem Risiko (EAGLE-i).

Onkologie

Urogenitale Tumoren

Prostatakarzinom

Beitrag lesen
Zwei Personen, ein Mann in Sportkleidung und eine Frau in heller Bluse, im Zusammenhang mit einer Studie zu Intervalltraining bei fortgeschrittenem Krebs

Intervalltraining mobilisiert Immunzellen auch bei Krebs

News

Schon eine einzige HIIT-Einheit lässt natürliche Killerzellen im Blut signifikant ansteigen, auch bei Menschen mit fortgeschrittenem Krebs unter aktiver Chemotherapie, zeigt eine Essener Studie.

Onkologie

Sonstiges

Beitrag lesen
3D-Illustration der menschlichen Anatomie mit dem Verdauungstrakt in roter Färbung hervorgehoben.

Neuroendokrine ­Tumoren des gastroenteropankreatischen Systems

Fachartikel

Neuroendokrine Tumoren (NET) des gastroenteropankreatischen Systems sind seltene Malignome. Für die Diagnosestellung braucht es eine exakte pathologische Klassifikation mit einer suffizienten Bildgebung inklusive nuklearmedizinischer Verfahren. Die Behandlung ist komplex und umfasst ein breites Spektrum an Fachdisziplinen.

Onkologie

Gastrointestinale Tumoren

Beitrag lesen