Es gibt Momente, in denen Medizin auf ihre ursprünglichste Bedeutung zurückgeworfen wird: Ein Mensch hilft einem anderen Menschen. Dr. Heiko Philippin, Augenarzt an der Klinik für Augenheilkunde des Universitätsklinikums Freiburg, kennt diese Momente gut. Seit rund zwanzig Jahren engagiert er sich aktiv in der ophthalmologischen Entwicklungsarbeit. Sein Schwerpunkt liegt auf der Ausbildung von Fachpersonal und der Eindämmung von Erblindungen durch das Glaukom in Afrika, auch in enger Zusammenarbeit mit der Christoffel-Blindenmission (CBM), die beim Austausch zwischen den medizinischen Welten hilft.
In Deutschland ist das Glaukom eine Erkrankung, die – wenn das Versorgungssystem funktioniert – frühzeitig erkannt und behandelt wird. Regelmäßige augenärztliche Untersuchungen, Tonometrie, Gesichtsfeldkontrollen, OCT der Papille: Das Instrumentarium ist bekannt, die Leitlinien sind klar. Den Patienten kann geholfen werden. Doch in Afrika ist das alles anders. Wenn hier ein Mensch schleichend seine Sehkraft durch das Glaukom verliert, ist sein Weg von Anfang an schwierig.
„In vielen Regionen Afrikas kommen die meisten Patienten mit Glaukom erst dann zum Augenarzt, wenn der Sehverlust bereits weit fortgeschritten ist”, erklärt Philippin.
„Das ist die logische Konsequenz eines Systems, in dem aktuell kaum Vorsorge noch das Bewusstsein um die Erkrankung existieren. Da Glaukom schleichend und schmerzlos verläuft und für die Patienten meist kein niedrigschwelliger Zugang zu Vorsorgeuntersuchungen und Diagnostik besteht, suchen sie erst dann aktiv einen Arzt auf, wenn sie die Erkrankung selbst bemerkt haben. Zu diesem Zeitpunkt ist ihr Gesichtsfeld meist massiv und unwiederbringlich eingeschränkt – ein Stadium, das ein Augenarzt in Deutschland bei der Erstvorstellung selten zu Gesicht bekommt.“
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Die therapeutischen Konsequenzen sind entsprechend andere. Wo in Deutschland die medikamentöse Drucksenkung etwa mit Prostaglandinanaloga, Betablockern, Carboanhydrasehemmern oder SLT-Laser und eine regelmäßige Verlaufskontrolle im Vordergrund stehen, ist in Tansania gerade die medikamentöse Behandlung oft herausfordernd. Die Gründe liegen auf der Hand: Augentropfen erfordern Adhärenz – regelmäßige langjährige Applikation und möglichst heimatnahe Verfügbarkeit, teilweise Kühlung, und langfristig beträchtliche Kosten. All das ist unter den gegebenen Umständen oft schwer umsetzbar. Hinzu kommen die geografischen Distanzen: Für viele bedeutet ein Arzttermin eine Tagesreise, die zusätzlich viel Geld kostet oder aus anderen Gründen nicht machbar ist. Behandlungen müssten am besten länger anhalten und nachhaltig sein. Deshalb werden je nach individueller Situation der Patienten operative Verfahren wie die Trabekulektomie auch in früheren Krankheitsstadien häufiger eingesetzt. Ebenso spielt der SLT-Laser eine zunehmend wichtige Rolle.
Vier Augenärzte auf eine Million Menschen
Eine Zahl, die alles erklärt: In Deutschland kommen schätzungsweise 80 bis 100 Augenärzte auf eine Million Einwohner. In weiten Teilen Afrikas sind es nur vier. Das ist keine Versorgungslücke – das ist ein nahezu vollständiges Fehlen von Fachkräften auf der Fläche. Genau hier setzt die Entwicklungsarbeit an, als systematischer Aufbau von nachhaltigen Strukturen.
Nachhaltige Versorgung durch Ausbildung
Wie auch in Deutschland kann man an immer mehr Universitätskliniken in Afrika nach dem Medizinstudium eine mehrjährige Facharztweiterbildung zum Augenarzt absolvieren. Dabei müssen die Assistenzärzte jedoch fast durchweg für ihre Ausbildung bezahlen und bekommen kein Assistenten-Gehalt wie beispielsweise in Deutschland. Deshalb spielt das Thema Stipendien auch eine wichtige Rolle. In Tansania und anderen afrikanischen Ländern gibt es zusätzlich noch weitere Fachkräfteausbildungen, z.B. eine ein- bis zweijährige Aus- oder Weiterbildung zum „Assistant Medical Officer Ophthalmology“ mit einem Fokus auf die Behandlung der häufigsten Erblindungsursachen wie der Katarakt.
Mit Task Shifting die Grundversorgung herstellen
Weil vier Augenärzte pro Million Einwohner viel zu wenige sind, setzt die ophthalmologische Entwicklungsarbeit in Afrika auf mehr Aufgabenteilung. Beim sogenannten „Task Shifting“ werden bestimmte diagnostische und therapeutische Aufgaben an speziell geschulte Gesundheitsfachkräfte delegiert. Ihre Berufe heißen Ophthalmic Clinical Officer, Eye Nurse, Community Eye Health Worker oder Augenoptiker – und sie übernehmen teilweise Aufgaben wie Screening und Refraktion. Und oft machen sie auch aktiv Aufklärungsarbeit in Schulen und Gemeinden, wie zum Beispiel über das Krankheitsbild und den Verlauf des Glaukoms – um Bewusstsein bei den Menschen zu schaffen. Auf diese Weise wird Kompetenz flächendeckend weiterverteilt, auch in Regionen, die kein Facharzt je bereist.
Wertvolle Internationale Zusammenarbeit
In all dem spielt auch die internationale Zusammenarbeit eine wichtige Rolle. Die Christoffel-Blindenmission (CBM) spielt in Philippins Arbeit eine zentrale Rolle – als Brückenbauer zwischen wissenschaftlicher Expertise aus Europa und den Gesundheitssystemen vor Ort, als Förderer von Projekten und als Organisation, die seit Jahrzehnten Erfahrung mit der nachhaltigen Prävention von Erblindung hat. Jahrelang war er für die Entwicklungsorganisation am Kilimanjaro Christian Medical Centre im tansanischen Moshi in Tansania tätig. Auch die Klinik für Augenheilkunde des Universitätsklinikums Freiburg kooperiert schon seit vielen Jahren mit der tansanischen Institution mit Projektplanungen und wissenschaftlicher Begleitung. Dazu gehört der persönliche Einsatz von Ärztinnen und Ärzten, die zwischen Freiburg und Tansania pendeln. So wird die Ausbildung und wissenschaftliche Aufarbeitung und Lösung lokalspezifischer Herausforderungen von afrikanischen Ärzten und Fachpersonal in jenen Kliniken und Zentren gefördert. Dies kann auch überregional durch Veröffentlichungen oder Erfahrungsaustausch eine Strahlkraft entwickeln. „Im Laufe der Jahre wurden durch den internationalen Austausch Strukturen geschaffen, die immer autarker funktionieren. Die Erfolgsnachrichten aus Afrika werden häufiger“ sagt Philippin.
Was zählt ist: Einfach machen
Was nimmt man mit, nach fast zwei Jahrzehnten zwischen Freiburg und Tansania? „Es macht mir insgesamt sehr viel Freude, dass ich gemeinsam im Team einen Beitrag zur Unterstützung von Menschen mit Sehbehinderungen dort leisten kann“, sagt Heiko Philippin. Auch wenn die Aufgaben manchmal gigantisch anmuten mögen. „Letztlich beginnt alles beim einzelnen Patienten, der mit seinem Augenproblem vor einem sitzt. Und auch bei der Unterstützung einer nachhaltigen Versorgung durch Ausbildung, Entwicklung neuer Ideen und Methoden. Am Ende steht wieder der einzelne Mensch im Mittelpunkt, der davon profitiert“.
Mehr Infos unter: www.cbm.de
Bild: SLT-Behandlung im Kilimanjaro Christian Medical Centre im tansanischen Moshi durch Dr. Einoti Matayan. Erst seit wenigen Jahren besitzt die Klinik das Gerät, mit dem jährlich mehrere hundert Glaukompatienten behandelt werden.
Foto: CBM/argum/Einberger
Text von Rosemarie Frühauf. Erscheint in Concept Ophthalmologie 4_2026.



