Die Photobiomodulation (PBM) wird als mögliche Zusatztherapie bei trockener altersabhängiger Makuladegeneration (AMD) diskutiert. Experten der Retinologischen Gesellschaft beleuchteten in „RG nachgefragt” die wissenschaftliche Evidenz, klinische Anwendung und offene Fragen dieser nicht-invasiven Lichttherapie. Dieser Beitrag fasst die wichtigsten Erkenntnisse zusammen.
Expertenrunde zur Photobiomodulation bei AMD
Was ist dran an der Photobiomodulation? Diese Frage nahm die Retinologische Gesellschaft in ihrem Online-Format „RG nachgefragt” unter die Lupe. Unter der Leitung von Prof. Dr. Nicolas Feltgen als Gastgeber diskutierten Prof. Dr. Thomas Ach von der Universitätsaugenklinik Bonn und Prof. Dr. Salvatore Grisanti von der Klinik für Augenheilkunde des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, Campus Lübeck. Es ging um Chancen und Grenzen der Photobiomodulation (PBM) am Auge – speziell im Kontext der trockenen altersabhängigen Makuladegeneration (AMD).
Was Photobiomodulation auf zellulärer Ebene bewirkt
Wie bereits der Name das grundlegende Wirkungsprinzip der Photobiomodulation beschreibt, erklärte zu Beginn Prof. Ach. Der Begriff setzt sich aus drei Teilen zusammen:
- „Photon” für das Licht
- „Bio” für das biologische Gewebe
- „Modulation” für die Veränderung oder Steuerung eines zellulären Prozesses
Die Mitochondrien stehen dabei im Mittelpunkt. Sie sind die Kraftwerke der Netzhautzellen – und genau auf ihrer Ebene greifen die photonischen (Licht-)Impulse an. Insbesondere das Enzym Cytochrom-c-Oxidase in der mitochondrialen Membran absorbiert Licht bestimmter Wellenlängen – in der Regel im Bereich von etwa 600 bis 900 Nanometern, also vom gelben bis ins rötliche und nah-infrarote Lichtspektrum.
Diese Lichtaufnahme führt zu einer Veränderung des Elektronenhaushaltes und regt den Zellstoffwechsel an. Am Ende dieses Mechanismen-Netzwerks steht eine vermehrte Freisetzung von ATP, der universellen Energiewährung der Zelle. Dadurch werden wiederum nachgeschaltete Prozesse – wie etwa die Kalziumfreisetzung – getriggert, was auf vielfältige enzymatische und transkriptionelle Abläufe Einfluss nimmt.
Wie sieht die klinische Anwendung aus?
Derzeit wird die PBM in Deutschland speziell für die Behandlung der trockenen, nicht-exsudativen Makuladegeneration angeboten – und das vor allem in frühen oder intermediären Stadien. Bei anderen Erkrankungen des Auges oder des Körpers findet der Einsatz bislang experimentell statt, meist im Rahmen von Studien.
Die eigentliche Behandlung ist technisch unkompliziert und nicht-invasiv: Die Patienten sitzen vor einem Gerät, das Licht im genannten Wellenlängenbereich abgibt (gelb, rot, nahinfrarot). Dies dauert nur wenige Minuten pro Auge und erfolgt bei offenem oder geschlossenem Augenlid. Je nach Gerät und Protokoll kann das Licht gepulst oder kontinuierlich angeboten werden.
Typischer Behandlungsablauf:
- Ein Zyklus umfasst neun Sitzungen
- Durchführung innerhalb von zwei bis drei Wochen
- Kontrolle der Therapieeffekte einige Monate später
- Verlaufsbeurteilung basierend auf Sehschärfe, Kontrastsehen, subjektiven Eindrücken und OCT-basierter Drusenanalysen
- Gegebenenfalls Empfehlung eines weiteren Behandlungszyklus
Risiken und Nebenwirkungen
Ausschlusskriterien für eine Behandlung sind laut Prof. Ach bislang nicht bekannt, solange die Anwendung sich auf die dafür vorgesehenen Patientengruppen beschränkt. Nebenwirkungen sind selten; in einzelnen Studien wurde eine leicht erhöhte Rate exsudativer Prozesse berichtet. Ob PBM einen Einfluss darauf hat, dass eine trockene AMD in eine feuchte Form umschlägt, ist derzeit nicht gesichert – die Studiengruppen sind schlicht zu klein für belastbare Aussagen.
Kostspielige Zusatztherapie
Eine zentrale Hürde bleibt der Preis: Ein Zyklus (neun Sitzungen) kostet rund 1.000 Euro pro Auge. Wiederholungen sind möglich und erhöhen die Ausgaben. Gesetzliche Krankenkassen erstatten die Behandlung nicht; in der Regel handelt es sich um Selbstzahler-Leistungen.
Problem: Wissenschaftliche Lücken
Prof. Grisanti, der sich in Lübeck sowohl wissenschaftlich als auch klinisch intensiv mit PBM beschäftigt, brachte eine kritische Sichtweise in die Runde. Er betonte, dass PBM als Verfahren keineswegs eine neue Idee ist: Seit den 1960er Jahren ist die Nutzung therapeutischen Lichts bekannt und wird vielfach erforscht. Trotz vieler experimentell erwiesener Effekte ist die klinische Wirksamkeit beim Menschen heterogen und indikationsabhängig. Während für einige Anwendungsgebiete z. B. bestimmte muskuloskelettale Schmerzen, Wundheilung, orale Mukositis moderate Evidenz vorliegt, zeigen andere Studien inkonsistente oder widersprüchliche Ergebnisse. Meta-Analysen weisen häufig auf kleine Effektstärken, hohe methodische Variabilität (Wellenlänge, Dosis, Behandlungsdauer) und ein erhöhtes Bias-Risiko hin, meinte er. Im Folgenden führte er aus, warum er PBM bislang nicht mit gutem Gewissen empfehlen könne, obwohl er wissenschaftlich sehr interessiert an dem Verfahren sei.
Sehvermögen verbessert sich nur marginal
Klinische Studien, einschließlich der LIGHTSITE-I bis III-Studien, berichten kurzfristige funktionelle Verbesserungen der Sehschärfe, gemessen in ETDRS-Buchstaben. In systematischen Reviews und Meta-Analysen, die randomisierte kontrollierte Studien zusammenfassen, zeigt sich aber, dass statistisch signifikante Effekte auf Sehschärfe und Drusenvolumen, nicht die Schwelle minimal klinisch wichtiger Unterschiede erreichen und daher fraglich in ihrer Relevanz für patientenzentrierte Endpunkte sind. Auch wird die Evidenzqualität insgesamt als niedrig bis moderat eingeschätzt. Editorials und Letters betonen Diskrepanzen zwischen statistischer Signifikanz und klinischer Relevanz sowie potenzielle Interessenkonflikte.
Eine ethische Frage: Patienten vor falschen Versprechungen schützen
Angesichts der Evidenzmängel sieht Prof. Grisanti ein ethisches Problem: Hilfesuchende AMD-Patienten stoßen im Internet auf Werbeversprechen und Aussagen, die wissenschaftlich nicht haltbar seien. Hier mahnt er Transparenz an: „Wichtig ist, dass wenn die Therapie angeboten wird, dem Patienten transparent und kritisch dargestellt wird, was man tatsächlich bisher darüber weiß.” Von betroffenen Patienten, weiß er, dass dem leider nicht so ist. Es sei ethisch problematisch, teure PBM-Anwendungen ohne soliden Nutzennachweis anzubieten – gerade bei einer Erkrankung wie AMD. „Wir dürfen diese Behandlungsform nicht ablehnen. Aber wir schauen kritisch hin, weil hier Patienten teuer zur Kasse gebeten werden für eine Behandlungsform, für die eine solide Evidenzbasis fehlt.”
Beide Experten waren sich einig: Vulnerable Patientengruppen sollten umfassend aufgeklärt werden. Die Behandlung sollte bevorzugt im Rahmen von Studien erfolgen.
Für wen ist PBM geeignet?
Zur Patientenauswahl wurde gesagt: PBM kann, wenn überhaupt, nur Nutzen entfalten, solange noch funktionsfähiges Gewebe und ein gewisser Erhalt der Sehleistung (Visus) bestehen. Prof. Ach konkretisierte: Kandidaten sind Patienten mit intermediärer AMD oder beginnender geografischer Atrophie im parafovealen Bereich, aber mit noch vorhandener Fovea. „Sobald die Fovea betroffen ist, die Sehleistung doch deutlich reduziert ist, würde ich eher davon abraten, weil das bereits abgestorbene atrophe Gewebe dadurch nicht wiederbelebt werden wird”, führte er aus. Auch Prof. Grisanti wies darauf hin, dass in den aktuellen Studien Visus zwischen 0,3 und 0,8 gefordert sind und zentrale Atrophien ausgeschlossen werden.
Kein Vergleich mit anderen Therapien
PBM ist nicht mit medikamentöser AREDS-Supplementation oder Injektionstherapien bei der feuchten AMD zu vergleichen. Zwar gibt es theoretische Gemeinsamkeiten – wie etwa antioxidative und antiinflammatorische Wirkungen – doch die Zielstrukturen, Mechanismen und Beleglagen sind grundverschieden.
Welche Fragen noch offen sind
Zur BPM gibt es derzeit noch viel Ungeklärtes: Wie wirkt sich die Therapie langfristig aus? Gibt es vielleicht doch Risiken – beispielsweise durch Überstimulation der alternden Mitochondrien? Prof. Grisanti brachte es wie folgt auf den Punkt: „Was passiert, wenn wir die Zellen oder einen Motor, einen alten Motor, ständig auf erhöhter Drehzahl laufen lassen?” Könnte es sein, dass vulnerable Zellzonen durch die PBM eher Schaden nehmen als profitieren? Um solche Punkte zu klären, bräuchte es spezielle Studien.
Messung des Therapieerfolges und technische Aspekte
Die Erfolgsmessung bleibt schwierig: Neben der bisherigen Sehleistung werden aktuell Kontrastsehen, Bildgebung (hochauflösende OCT), aber auch neue Ansätze wie Fluoreszenz-Lebensdauer-Messungen eingesetzt, um Effekte von PBM sichtbar zu machen. Veränderungen in der Reflektivität der Mitochondrien lassen sich inzwischen nachweisen – jedoch ist noch nicht klar, ob diese immer positiv oder auch negativ zu deuten sind. Auch Lichtdurchlässigkeit und Linsenstatus (Phake/Pseudophake) wurden thematisiert, spielen aber laut Prof. Ach in dem verwendeten Wellenlängenbereich nur eine untergeordnete Rolle.
Fazit: Mehr Studien nötig
Abschließend konstatieren beide Experten: Die Photobiomodulation beruht auf nachvollziehbaren biologischen Prinzipien und ist methodisch wie technisch attraktiv – aber der belegte Nutzen bleibt im klinischen Alltag bislang beschränkt. Große, methodisch saubere Studien seien dringend notwendig. Klarheit könnte in Zukunft durch industrieunabhängige Studien mit klaren Endpunkten und Nutzung moderner Bildgebung und funktioneller Tests geschaffen werden. Bis dahin bleibt PBM lediglich eine experimentelle Option. Ein reflektierter und zurückhaltender Umgang ist angeraten, besonders bei der Kommunikation mit Patienten, um keine falschen Hoffnungen zu wecken.
Aktuelle Studienlage zur PBM
Wichtige Fakten zur wissenschaftlichen Evidenz:
- Die meisten kontrollierten Studien stammen aus dem von LumiThera initiierten LIGHTSITE-Programm (LIGHTSITE II & III) mit dem Valeda-System
- Die bislang umfassendste Metaanalyse zeigte zwar statistisch signifikante, aber klinisch eher geringe Verbesserungen bei Visus und Drusen, ohne klaren Einfluss auf das Fortschreiten der geografischen Atrophie
- Von allen identifizierten Geräten besitzt nur das Valeda-System sowohl eine FDA-De Novo-Zulassung als auch eine CE-Kennzeichnung; andere Systeme sind entweder nur in Europa zugelassen oder befinden sich noch im Studienstadium
- Langzeitdaten über 24 Monate liegen bisher nur in Form von Kongressbeiträgen vor; peer-reviewte Publikationen mit mehrjähriger Nachbeobachtung fehlen weiterhin
- Insgesamt umfasst die aktuelle Evidenz nur drei vollständig publizierte randomisierte kontrollierte Studien sowie mehrere kleinere Pilot- und Beobachtungsstudien
- Die Metaanalyse basiert auf lediglich 247 untersuchten Augen, was den deutlichen Bedarf an größeren, unabhängigen und langfristigen Studien hervorhebt
Die Experten und ihre Forschung
Prof. Dr. med Salvatore Grisanti leitet derzeit eine Studie zur Bewertung der Sicherheit und des klinischen Nutzens des MACULIGHT Medizinprodukts für die PBM-Heimtherapie. Während der multizentrischen, prospektiven, randomisierten, maskierten Studie wenden Patienten, die in beiden Augen eine trockene AMD aufweisen, das MACULIGHT Gerät über 12 Monate zu Hause auf den geschlossenen Augenlidern an. Das primäre Ziel ist die Bestimmung der Sicherheit der PBM sowie deren klinischer Nutzen. Sekundäres Ziel ist die Gewinnung von Erkenntnissen über wichtige Veränderungen des Sehvermögens, wie z.B. Veränderungen der Sehschärfe und des Kontrastsehens, der Krankheitsfortschritt und die Rate des Übergangs in eine feuchte AMD.
Prof. Dr. med Thomas Ach erforscht seit mehr als 15 Jahren die Veränderungen der Netzhaut bei AMD. Ein Fokus liegt hier insbesondere auf dem Retinalen Pigmentepithel und den Fotorezeptoren, den wichtigen Zellsystemen in der äußeren Netzhaut, die vor allem bei der AMD schwer betroffen sind. Neben histologischen Grundlagenstudien zur Entstehung und Ausbreitung der AMD interessiert Prof. Ach vor allem die Translation dieser Ergebnisse in die Klinik – insbesondere mittels neuartiger Bildgebungsmöglichkeiten, mit denen sich heute bereits AMD-Veränderungen auf zellulärer und subzellulärer Ebene auch in vivo darstellen lassen.
Erschienen in Concept Ophthalmologie 2-2026
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