Urologie » Blasenfunktionsstörungen

»

Molekularpathologie: Personalisierte Therapie in der Uroonkologie im Fokus

Wissenschaftler analysiert 3D-Tumorzelle mit DNA-Strang im Labor – Molekularpathologie fuer personalisierte Therapie in der Uroonkologie

Quelle: © Crystal – stock.adobe.com

Molekularpathologie: Personalisierte Therapie in der Uroonkologie im Fokus

Fachartikel

Urologie

Blasenfunktionsstörungen

mgo medizin Redaktion

Verlag

7 MIN

Erschienen in: UroForum

Die molekularpathologische Tumoranalyse revolutioniert die Behandlung uroonkologischer Tumoren. Diese innovative Diagnostik ermöglicht die Identifikation therapierelevanter molekularer Zielstrukturen und bildet die Grundlage für individualisierte, personalisierte Therapieempfehlungen.

Warum ist die molekularpathologische Tumoranalyse wichtig?

Die molekularpathologische Tumoranalyse gewinnt in der uroonkologischen Praxis zunehmend an Bedeutung. Aktuelle Daten belegen beeindruckende Erfolgsquoten:

Erfolgsraten der molekularen Diagnostik:

  • Über zwei Drittel der Patienten mit metastasiertem Urothelkarzinom zeigen therapierelevante Veränderungen
  • Etwa 15-20% der Patienten mit metastasiertem Prostatakarzinom profitieren von molekularpathologischen Befunden
  • Mehrere zugelassene Medikamente basieren auf spezifischen molekularpathologischen Veränderungen

Etablierte Therapieoptionen durch molekulare Diagnostik

Zum aktuellen Zeitpunkt sind in der Uroonkologie bereits mehrere Medikamente zugelassen, deren Einsatz auf der Identifikation spezifischer molekularpathologischer Veränderungen basiert:

PARP-Inhibitoren beim Prostatakarzinom:

  • Einsatz bei Nachweis von Defekten in der homologen Rekombination (HRR)
  • Besonders wirksam bei BRCA1/2-Mutationen
  • Etablierte Therapieoption beim metastasierten Prostatakarzinom

FGFR3-Inhibitoren beim Urothelkarzinom:

  • Anwendung bei pathogenen FGFR3-Alterationen
  • Gezielte Therapie beim metastasierten Urothelkarzinom
  • Nachweisbare Verbesserung der Behandlungsergebnisse

Welche Patienten sollten getestet werden?

Die Entscheidung für eine molekularpathologische Tumoranalyse hängt von verschiedenen Faktoren ab. Nicht jeder Patient benötigt diese aufwendige Diagnostik, doch für bestimmte Patientengruppen ist sie besonders wertvoll.

Patienten mit Prostatakarzinom

Patienten mit metastasiertem Prostatakarzinom sollten spätestens ab Erreichen des kastrationsresistenten Stadiums (mCRPC) molekularpathologisch untersucht werden. Bei Nachweis einer BRCA1/2-Mutation besteht eine klare Indikation für eine Therapie mit Olaparib.

Patienten mit Urothelkarzinom

Beim metastasierten Urothelkarzinom sollte eine molekularpathologische Tumoranalyse insbesondere bei Progress nach leitliniengerechter Erstlinientherapie erfolgen. Bei Nachweis einer FGFR3-Alteration kommt der Einsatz eines FGFR-Inhibitors in Betracht.

Weitere uroonkologische Tumorentitäten

Auch wenn in der klinischen Routine vor allem Patienten mit Prostata- und Urothelkarzinom molekulargenetisch untersucht werden, sollte eine molekularpathologische Tumoranalyse bei folgenden Tumorentitäten erwogen werden:

Geeignete Tumorentitäten:

  • Nierenzellkarzinom
  • Hodentumoren
  • Peniskarzinome
  • Insbesondere nach Ausschöpfen leitliniengerechter Therapieoptionen

Wichtige Entscheidungsfaktoren

In die Entscheidung zur Testung sollten stets folgende Aspekte einbezogen werden:

Bewertungskriterien:

  • Klinischer Allgemeinzustand
  • Therapiefähigkeit
  • Bisheriger Behandlungsverlauf
  • Wahrscheinlichkeit relevanter molekularer Befunde

Netzwerke und Tumorboards

Aufgrund der großen Anzahl uroonkologischer Tumorpatientinnen und -patienten ist die Etablierung adäquater Netzwerke aus ambulant und stationär tätigen Uroonkologen sowie Pathologen notwendig, um diese Diagnostik möglichst vielen Betroffenen zugänglich zu machen.

Rolle des spezialisierten Tumorboards

Vor Beginn einer molekularpathologischen Analyse ist in der Regel eine Falldiskussion im Rahmen eines molekularpathologisch spezialisierten Tumorboards sinnvoll, um zu evaluieren, ob eine molekularpathologische Tumoranalyse im individuellen Patientenfall eine sinnvolle Option darstellt.

In diese Diskussion sollten einbezogen werden:

  • Klinischer Allgemeinzustand
  • Therapiefähigkeit
  • Bisheriger Behandlungsverlauf
  • Zu erwartende molekularpathologische Ergebnisse

Verteilung molekular getesteter Tumorentitäten

Am TUM Universitätsklinikum Rechts der Isar München wurden im Zeitraum 2021-2025 folgende uroonkologische Tumorentitäten molekular getestet (n=427):

Teststatistik:

  • Prostatakarzinom: 71% (n=304)
  • Urothelkarzinom: 18% (n=79)
  • Nierenzellkarzinom: 6% (n=24)
  • Hodenkarzinom: 4% (n=15)
  • Peniskarzinom: 1% (n=5)

Ideale Kandidaten für molekularpathologische Tumoranalyse

Bei fortgeschrittener Erkrankung ist eine molekularpathologische Tumoranalyse immer möglich. Patienten mit folgenden Merkmalen stellen in der Regel die geeignetsten Kandidaten dar:

Auswahlkriterien:

  • Ungewöhnlicher Krankheitsverlauf
  • Junges Erkrankungsalter
  • Familiäre Tumorbelastung
  • Lebenserwartung von mehr als drei Monaten
  • Potenziell verfügbare molekularpathologisch stratifizierte Therapieoptionen

Erstattung durch Krankenkassen

Nichtsdestotrotz ist gemäß aktuellen Richtlinien eine molekularpathologische Aufarbeitung von Tumorgewebe grundsätzlich bei allen Patienten mit fortgeschrittener, metastasierter Tumorerkrankung möglich und wird durch die Krankenkasse erstattet.

Welches Tumorgewebe eignet sich?

Neben der grundsätzlichen Indikationsstellung einer molekularpathologischen Analyse ist zu prüfen, ob adäquates Tumorgewebe vorliegt oder ob die Gewinnung neuen Tumormaterials sinnvoll und möglich ist.

Anforderungen an das Tumormaterial

Qualitätskriterien:

  • Bevorzugt möglichst aktuelles Tumorgewebe
  • Idealerweise nicht älter als zwei Jahre
  • Aktuelle Abbildung des derzeitigen molekularen Profils

Wann ist eine neue Biopsie notwendig?

Bei Tumorprogress oder neu aufgetretenen Metastasen sollte eine erneute Biopsie erwogen werden.

Gewebepräferenzen:

  • Weichteilgewebe wird aufgrund besserer Analysierbarkeit bevorzugt
  • Knochengewebe ist prinzipiell geeignet, aber weniger optimal

Identifikation entsprechender Zielstrukturen

Nach Gewinnung neuen Tumorgewebes oder Aufbereitung bereits vorhandenen Materials können unterschiedliche Untersuchungsverfahren zur weiteren molekularpathologischen Charakterisierung des Tumors eingesetzt werden.

Prüfung der DNA-Qualität

Primär ist es entscheidend zu prüfen, ob die aus dem Gewebe extrahierte DNA überwiegend tumorspezifisch ist oder einen hohen Anteil gesunder Zellen enthält. In der Regel ist ab einem Tumorzellanteil von über 25% eine adäquate molekularpathologische Analyse möglich.

Immunhistochemische Verfahren

Ergänzend können immunhistochemische Verfahren zur Identifikation therapeutisch relevanter Zielstrukturen eingesetzt werden:

Identifizierbare Zielstrukturen:

  • Immun-Checkpoint-Rezeptoren (PD-1)
  • Zelladhäsionsproteine (z.B. Nectin-4)
  • Transmembranproteine (z.B. HER2)

Insbesondere im Kontext der zunehmenden Verfügbarkeit von Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten ist die Identifikation der entsprechenden Zielstrukturen von hoher therapeutischer Relevanz.

Molekulargenetische Analyseverfahren

Darüber hinaus erfolgt eine weiterführende molekulargenetische Analyse des Tumorgewebes. Hierbei kommen unterschiedliche Verfahren zum Einsatz, die sich hinsichtlich Komplexität und Aussagekraft unterscheiden.

Analysemethoden:

  • Gezielte Analyse auf Mutationen, Deletionen oder Translokationen
  • Globale Beurteilung der DNA hinsichtlich gestörter DNA-Reparatur
  • Tests auf Mikrosatelliteninstabilität (MSI)
  • Bestimmung der Tumormutationslast (TMB)

Multigene Tumorpanels

Zur Detektion pathologischer Genalterationen kommen meist multigene Tumorpanels zum Einsatz, wobei das TSO-500-Panel mit insgesamt 523 Genen eines der am häufigsten verwendeten Panels darstellt.

Sequenzierungsverfahren

Verfügbare Methoden:

  • TSO-500-Panel mit 523 Genen (am häufigsten verwendet)
  • Whole-Exome-Sequencing (Sequenzierung aller Exome)
  • Whole-Genome-Sequencing (Sequenzierung des gesamten Genoms)

Die hierbei gewonnenen Ergebnisse werden mit etablierten Datenbanken abgeglichen, in denen bekannte Allelvarianzen hinterlegt sind. Auf diese Weise können Mutationen identifiziert werden, die von der Norm abweichen und potenziell Einfluss auf die Tumorgenese haben.

Bewertung genetischer Alterationen

Im Anschluss erfolgt die Bewertung der biologischen und klinischen Relevanz der nachgewiesenen Genalterationen. Nicht jede genetische Veränderung führt zwangsläufig zu einer funktionellen Proteinveränderung oder besitzt therapeutische Bedeutung.

Pathogen relevante Alterationen

Pathogen relevant sind insbesondere Alterationen, die funktionell entscheidende Proteinbereiche betreffen:

Funktionell entscheidende Veränderungen:

  • Nonsense-Mutation (Einführung eines vorzeitigen Stoppcodons)
  • Frameshift-Mutation (Leserastersverschiebung)
  • Aktivierende Veränderungen in Protoonkogenen

FGFR-Alterationen beim Urothelkarzinom

Darüber hinaus sind aktivierende Veränderungen in Protoonkogenen von Bedeutung, da sie zu einer unkontrollierten Enzymaktivität und damit zugesteigerter Zellproliferation führen können. Ein Beispiel hierfür sind FGFR-Alterationen beim Urothelkarzinom, die zu einer vermehrten Aktivierung des FGFR-Signalweges führen.

Klassifizierung der Pathogenität

Die potenzielle pathogene Relevanz von Mutationen wird anhand definierter Kriterien auf einer Skala von 1 bis 5 bewertet:

Bewertungsskala:

  • Klasse 1-3: Nicht als therapeutische Zielstrukturen geeignet
  • Klasse 4: Wahrscheinlich pathogen
  • Klasse 5: Pathogen
  • Nur Alterationen der Klassen 4 und 5 kommen als potenzielle therapeutische Zielstrukturen infrage

Das molekulare Tumorboard (MTB)

Werden solche relevanten Genalterationen identifiziert, erfolgt eine strukturierte interdisziplinäre Aufarbeitung der Befunde im molekularen Tumorboard (MTB).

Zusammensetzung des MTB

Im MTB prüfen speziell geschulte Experten die therapeutischen Optionen:

Beteiligte Fachrichtungen:

  • Uroonkologen
  • Onkologen
  • Pathologen
  • Molekularpathologen
  • Humangenetiker
  • Bioinformatiker

Aufgaben des molekularen Tumorboards

Das MTB prüft, ob die identifizierten Genalterationen folgende Möglichkeiten eröffnen:

Therapieoptionen:

  • Leitliniengerechte Therapie (z. B. BRCA1/2-Mutation beim mCRPC)
  • Alternative, gegebenenfalls tumorentitätsübergreifende Therapieansätze
  • Geeignete klinische Studien

Parallel erfolgt die systematische Suche nach geeigneten klinischen Studien.

Individuelle Empfehlungen

Ein weiterer zentraler Aspekt ist die Bewertung der humangenetischen Relevanz der Befunde.

Hinweise auf hereditäre Tumorsyndrome

Insbesondere folgende Mutationen können Hinweise auf ein hereditäres Tumorsyndrom geben:

Relevante Genmutationen:

  • Tumorsuppressorgene: TP53, BRCA1/2
  • Mismatch-Repair-Gene: MLH1, MSH2, MSH6, PMS2
  • Aktivierende Keimbahnmutationen in Protoonkogenen wie RET

Bei entsprechendem molekularem Befund und passender klinischer Konstellation wird daher eine humangenetische Beratung mit gegebenenfalls anschließender Keimbahnmutationstestung empfohlen.

Patientenberatung nach MTB-Beschluss

Nach Besprechung im molekularen Tumorboard erfolgt in der Regel eine individuelle Beratung der Patienten zu möglichen neuen Therapieoptionen sowie zu relevanten Aspekten des weiteren Therapieverlaufs.

Entscheidungsgrundlagen:

  • Aktuelle Therapiesituation
  • Individuelle Lebenssituation
  • Persönliche Präferenzen der Betroffenen

Dabei ist es essenziell, die Empfehlungen des molekularen Tumorboards stets im Kontext der aktuellen Therapie, der individuellen Lebenssituation und der persönlichen Präferenzen der Betroffenen zu berücksichtigen.

Matthias Jahnen, Janina Juliette Werner

Weitere Beiträge zu diesem Thema

Dr. Michael Stephan-Odenthal freut sich gemeinsam mit Kongresspräsidentin Dr. Eva Hellmis (M.) und einer Vertreterin der Industrie (l.) über den Richard-Berges-Preis. (Quelle: Franz-Günter Runkel)

Dr. Michael Stephan-Odenthal erhielt den Richard-Berges-Preis 2026

News

Beim 71. NRWGU-Jahreskongress in Essen wurde erstmals der Richard-Berges-Preis verliehen – eine neue Auszeichnung für herausragende ambulant tätige Urologinnen und Urologen. Erster Preisträger ist Dr. Michael Stephan-Odenthal aus Leverkusen, der mit wissenschaftlichem und berufspolitischem Engagement überzeugte. Der Preis erinnert an den 2017 verstorbenen Urologen Dr. Richard Berges.

Urologie

Sonstiges

Beitrag lesen
Medizinische Fachperson haelt einen Vortrag auf einem Kongress vor großem Publikum

JAKU 2026 – Kinderurologie-Jahrestagung in Mainz begeistert Fachpublikum

Fachartikel

Die JAKU 2026 in Mainz begeisterte rund 280 Fachärzte aus dem DACH-Raum mit einem vielfältigen Programm zu robotischer Chirurgie, Blasenfunktion und Andrologie. Erstmals wurde ein kostenfreier Einsteigerkurs für den Nachwuchs angeboten – mit überwältigendem Zuspruch. Ein Kongressbericht voller Highlights und wegweisender wissenschaftlicher Impulse.

Urologie

Sonstiges

Beitrag lesen
Medizinische Fachkraft bedient MRT Geraet mit digitaler Darstellung eines Skeletts als Symbol fuer die Prokomb Studie zur Diagnose von Prostatakrebs ohne Biopsie

MRT bei Prostatakrebs: PROKOMB-Studie zeigt sichere Diagnose ohne Biopsie

Fachartikel

Muss nach einem erhöhten PSA-Wert immer eine Biopsie folgen? Die PROKOMB-Studie zeigt: Ein hochwertiges MRT kann aggressiven Prostatakrebs mit 96 %iger Sicherheit ausschließen – und 41 % der Männer blieb eine Biopsie erspart. Dr. Charlie Hamm von der Charité Berlin erklärt die Studienergebnisse und deren Eingang in die aktuelle S3-Leitlinie.

Urologie

Urogenitale Tumoren

Prostatakarzinom

Beitrag lesen