Die richtige Ernährung bei Krebs spielt sowohl in der Prävention als auch während der Behandlung eine zentrale Rolle. Eine überwiegend pflanzenbasierte Ernährung kann das Risiko für urologische Tumoren signifikant senken. Bei aktiver Tumorerkrankung verändert sich der Nährstoffbedarf deutlich. Dr. Verena Ohse erklärt, worauf es ankommt.
Ernährung in der Krebsprävention – Pflanzenbetonte Kost als Basis
In der Prävention urologischer Tumorerkrankungen spielen modifizierbare Lebensstilfaktoren, insbesondere Ernährung und körperliche Aktivität, eine zentrale Rolle. Nachweislich hat eine überwiegend pflanzenbasierte Ernährung, vorwiegend in Form der mediterranen Ernährungsweise, nicht nur eine gewichtsstabilisierende, sondern auch die am besten untersuchte anti-inflammatorische Wirkung.
In Kombination mit regelmäßiger körperlicher Aktivität, die den Erhalt der Muskelmasse und der körperlichen Leistungsfähigkeit fördert, kann sie chronisch-entzündliche Prozesse weiter reduzieren. Dadurch sinkt das Risiko für chronisch-entzündliche Erkrankungen, einschließlich urologischer Tumoren, signifikant.
Grundlagen einer krebspräventiven Ernährung:
- Ballaststoffreiche Lebensmittel wie Obst, Gemüse und Vollkornprodukte
- Hochwertige Fettquellen wie pflanzliche Öle und Nüsse
- Proteinquellen von hoher Qualität wie Hülsenfrüchte, fettarme Milchprodukte, Fisch oder Geflügel
- Begrenzter Konsum von rotem Fleisch und Alkohol
Ballaststoffe und Darmgesundheit
Ballaststoffe tragen wesentlich zur Darmgesundheit bei, da sie eine ausgewogene Darmmikrobiota fördern, die unter anderem entzündungshemmend wirken kann. Zudem verkürzen Ballaststoffe die Darmpassagezeit und verringern dadurch den Kontakt der Darmschleimhaut mit potenziell karzinogenen Substanzen.
Proteine für die Muskelmasse relevant
Ergänzend sollten hochwertige Fettquellen wie pflanzliche Öle und Nüsse in den Speiseplan integriert werden, da sie Polyphenole und Omega-3-Fettsäuren enthalten. Diese können potenziell entzündungshemmende und protektive Wirkungen entfalten. Besonders positiv wirkt sich Olivenöl aus, da es zahlreiche Polyphenole enthält, die antioxidative und zellschützende Eigenschaften besitzen.
Besonders relevant sind ebenfalls Proteinquellen von hoher Qualität, wie Hülsenfrüchte, fettarme Milchprodukte, Fisch oder Geflügel. Proteine sind dabei besonders für den Erhalt der Muskelmasse relevant, was wiederum das Krebsrisiko beeinflussen kann. So korreliert eine reduzierte Muskelmasse mit einem erhöhten Risiko für Krebs, da ein geringerer Muskelanteil häufig mit Entzündungsprozessen, Insulinresistenz und einer schlechteren Immunfunktion einhergeht.
Adipositas vermeiden – Körpergewicht im Blick behalten
Ebenso bedeutsam sind die Vermeidung von Adipositas, der begrenzte Konsum von Alkohol sowie ein maßvoller Umgang mit rotem Fleisch. Insbesondere verarbeitetes Fleisch sollte möglichst vollständig gemieden werden, da der Verzehr mit einem erhöhten Risiko für verschiedene Tumorarten in Verbindung gebracht wird. Auch körperliche Aktivität kann das Krebsrisiko beeinflussen. So gibt es Hinweise, dass eine regelmäßige sportliche Freizeitaktivität mit einem geringeren Gesamtkrebsrisiko verbunden ist.
Ernährungsbezogene Zusammenhänge bei urologischen Tumoren
Für urologische Tumoren lassen sich verschiedene ernährungsbezogene Zusammenhänge nachweisen, die überwiegend über anti-oxidative, anti-inflammatorische und zellprotektive Mechanismen wirken.
Bioaktive Pflanzenstoffe mit protektivem Potenzial:
- Carotinoide (z. B. Lycopin aus Tomaten) bei Prostatakarzinom
- Isoflavone (z. B. aus Sojaprodukten) bei Prostatakarzinom
- Isothiocyanate aus Kreuzblütlern (Brokkoli, Blumenkohl, Rucola) bei Harnblasenkarzinom
- Reduzierter Natriumkonsum bei Nierenzellkarzinom
Auch für das Nierenzellkarzinom sind ernährungsabhängige Risikofaktoren beschrieben. Ein hoher Natriumkonsum, insbesondere bei gleichzeitig unzureichender Flüssigkeitszufuhr, ist mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko assoziiert. Diese Beobachtung gewinnt vor dem Hintergrund des zunehmenden Konsums stark verarbeiteter Lebensmittel an Bedeutung, da diese häufig große Mengen Salz sowie weitere gesundheitlich nachteilige Zusatzstoffe enthalten.
Gesamtheit der Ernährung entscheide
nd
Entscheidend ist jedoch nicht der isolierte Verzehr einzelner Nahrungsmittel, sondern die Gesamtheit des Ernährungsmusters. Eine pflanzenbetonte, abwechslungsreiche Kost mit frischen, regionalen und wenig verarbeiteten Lebensmitteln liefert ein breites Spektrum schützender Mikronährstoffe und sekundärer Pflanzenstoffe. Deren synergistische Wirkung kann nicht durch Supplemente ersetzt werden.
Im Gegenteil deuten mehrere Studien darauf hin, dass eine übermäßige Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln mit einem erhöhten Risiko und einer ungünstigeren Prognose für unter anderem Prostatakrebs verbunden ist.
Risikofaktor: Sedentary Situation
Neben einer ausgewogenen Ernährung spielt körperliche Aktivität eine zentrale Rolle in der Prävention urologischer Tumoren. Übergewicht und Adipositas werden mit einem erhöhten Risiko insbesondere für Nierenzellkarzinome sowie aggressivere Verlaufsformen des Prostatakarzinoms in Verbindung gebracht.
Zunehmend zeigt sich, dass die weit verbreitete „sedentary situation”, die lang andauernde sitzende Tätigkeiten und Bewegungsmangel beschreibt, ein eigenständiger Risikofaktor ist. Dieses Zusammenspiel trägt wesentlich zur Zunahme von Übergewicht und Adipositas in der Bevölkerung bei und erhöht dadurch das Risiko für chronische Erkrankungen.
Regelmäßige körperliche Aktivität kann dem entgegenwirken und das Risiko für urologische Tumoren senken, die körperliche Leistungsfähigkeit verbessern und die Lebensqualität erhöhen. Die schützenden Effekte der Bewegung beruhen vor allem auf der Reduktion von Körperfett, der Verbesserung der Insulinsensitivität sowie auf einer günstigen Modulation hormoneller und entzündlicher Prozesse.
Insgesamt verdeutlichen diese Erkenntnisse, dass eine pflanzenbetonte Ernährung in Kombination mit einem aktiven und ausgewogenen Lebensstil einen wichtigen Beitrag zur Prävention urologischer Tumorerkrankungen leisten kann.
Ernährung bei aktiver Tumorerkrankung – Katabolen Stoffwechsel stabilisieren
Bei einer aktiven Tumorerkrankung verändern sich die ernährungsphysiologischen Anforderungen deutlich. Tumorassoziierte Stoffwechselveränderungen und Entzündungsprozesse führen häufig zu einem erhöhten Energie- und insbesondere Eiweißbedarf.
Durch die entzündungsbedingte Stoffwechselaktivierung gerät der Körper in einen katabolen Zustand, der als Tumorkachexie bezeichnet wird. Durch diese systemische Entzündung werden vor allem Muskelproteine abgebaut, um Energie und Nährstoffe für die Tumorzellen bereitzustellen. Dieser Muskelabbau ist klinisch hochrelevant. Nachweislich verschlechtert ein Verlust an Muskelmasse den Krankheitsverlauf, erhöht das Risiko für therapiebedingte Nebenwirkungen und reduziert die Überlebenswahrscheinlichkeit.
Operative Eingriffe und/oder tumorspezifische Therapien können den katabolen Zustand und somit den Energie- und Proteinbedarf weiter steigern.
Tumorkachexie vorbeugen – Ausreichend Eiweiß zuführen
Eine ausreichende Eiweißzufuhr ist entscheidend, um dem Verlust von Muskelmasse und Körpergewicht vorzubeugen und damit einer Tumorkachexie entgegenzuwirken.
Eiweißbedarf bei Tumorpatienten:
- Gesunde Erwachsene: ca. 0,8 g pro kg Körpergewicht täglich
- Tumorpatienten: 1,2 bis 1,5 g pro kg Körpergewicht
- Besonders ausgeprägte katabole Zustände (z. B. Pankreaskarzinom): bis zu 2 g pro kg Körpergewicht
Für den Erhalt und den gezielten Aufbau von Muskelmasse ist eine ausreichende Zufuhr an anabolen Proteinen entscheidend. Gemäß den wissenschaftlichen Daten weisen tierische Lebensmittel eine hohe biologische Wertigkeit auf und stellen essenzielle Aminosäuren in einem optimalen Verhältnis bereit.
Geeignete Eiweißquellen bei Krebs:
- Milchprodukte
- Eier
- Fisch
- Mageres Fleisch
- Ergänzend: Hülsenfrüchte oder Sojaprodukte
Pflanzliche Eiweißquellen können die Eiweißzufuhr zusätzlich steigern. Die alleinige Deckung des Proteinbedarfs über pflanzliche Quellen ist jedoch insbesondere während einer aktiven Tumorerkrankung oft schwierig, da deren Aminosäurenprofil und Verfügbarkeit für den Muskelaufbau weniger günstig sind.
Besondere Aufmerksamkeit erfordert die Ernährung bei Patientinnen und Patienten mit Nierenzellkarzinom, insbesondere bei eingeschränkter Nierenfunktion. In diesen Fällen sollte die Eiweißzufuhr individuell angepasst werden, um eine zusätzliche Belastung der Nieren zu vermeiden, ohne das Risiko einer Mangelversorgung zu erhöhen.
Low-Carb-Diät nicht empfehlenswert
Einzelne Nahrungsbestandteile wie Isoflavone, Granatapfel-Extrakte, Leinsamen oder Epigallocatechingallat (EGCG aus grünem Tee) werden häufig als unterstützende Mittel diskutiert. Ihre Wirksamkeit ist jedoch bislang nicht eindeutig belegt. Die S3-Leitlinie für Komplementärmedizin bietet hierzu eine evidenzbasierte Übersicht und sollte grundsätzlich vor dem Einsatz solcher Präparate konsultiert werden.
Besonders bei Prostatakrebs existieren zahlreiche Empfehlungen, die auf potenziell protektive Effekte einzelner Substanzen verweisen. Nach aktueller Datenlage gibt es jedoch keine ausreichenden Belege dafür, dass die isolierte Einnahme von Supplementen dieser Art den Krankheitsverlauf positiv beeinflusst oder Nebenwirkungen wie die Androgendeprivation verringert.
Auch spezielle Diäten wie eine kohlenhydratreduzierte Ernährung („Low-Carb-Diät”) können derzeit nicht zur Verzögerung des Tumorwachstums empfohlen werden.
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen isolierten Extrakten und natürlichen Lebensmitteln. Die negativen Einflüsse auf die Gesundheit und den Krankheitsverlauf beziehen sich ausschließlich auf konzentrierte oder supplementierte Substanzen, nicht jedoch auf den Verzehr von Lebensmitteln, die diese Inhaltsstoffe in natürlicher Form enthalten. Eine ausgewogene, pflanzenbetonte Ernährung bleibt somit die sinnvollste und sicherste Strategie zur Unterstützung der allgemeinen Stoffwechsel- und Therapietoleranz.
Mikronährstoffdefizite erkennen und behandeln
Während einer Krebserkrankung treten häufig Mikronährstoffdefizite auf. Besonders relevant können Mängel an Vitamin D, Eisen, Zink und Vitamin B12 sein, da diese Substanzen eine zentrale Rolle in der Immunfunktion, Blutbildung, Muskelfunktion sowie beim Erhalt der körperlichen Leistungsfähigkeit spielen.
Ursachen solcher Defizite können Appetitlosigkeit, veränderte Resorptionsbedingungen, Nebenwirkungen der Therapie oder eine einseitige Ernährung sein. Insbesondere bei eingeschränkter Nierenfunktion sollte der Vitamin-D-Spiegel regelmäßig kontrolliert werden, da bei dieser Gruppe eine erhöhte Prävalenz von Vitamin-D-Mangel besteht.
Supplementierung nur bei nachgewiesenem Mangel
Eine gezielte Supplementierung kann bei einem nachgewiesenen Mangel sinnvoll sein, sollte jedoch stets auf einer labordiagnostisch gesicherten Mangelkonstellation basieren und in enger Abstimmung mit dem behandelnden Arzt oder der Ernährungsfachkraft erfolgen.
Von einer eigenständigen Einnahme hochdosierter Präparate ist ausdrücklich, wie in der S3-Leitlinie zu Ernährung und Ernährungsmedizin in der Onkologie, abzuraten, da Überdosierungen unerwünschte Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit onkologischen Therapien verursachen können.
Fazit für die Praxis
Zusammenfassend ist eine individuell angepasste Ernährungstherapie während einer aktiven Tumorerkrankung entscheidend, um den Stoffwechsel zu stabilisieren, Muskelabbau zu verhindern und die körperliche Leistungsfähigkeit zu erhalten. Eine ausreichende Eiweißzufuhr und die gezielte Korrektur von Mikronährstoffdefiziten sind dabei zentral.
Supplemente sollten nur bei nachgewiesenem Mangel und in Abstimmung mit dem ärztlichen und ernährungstherapeutischen Team eingesetzt werden. Eine regelmäßige ernährungsmedizinische Betreuung unterstützt den Therapieerfolg und verbessert die Lebensqualität nachhaltig.
Autorin:
Dr. rer. nat. Verena Ohse
Ernährungswissenschaftlerin
Hector-Center für Ernährung, Bewegung und Spor
Medizinische Klinik 1 – Gastroenterologie, Pneumologie und Endokrinologie
Universitätsklinikum Erlangen



