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Phytotherapie bei Atemwegserkrankungen: Mehr als nur Hustensaft

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Phytotherapie bei Atemwegserkrankungen: Mehr als nur Hustensaft

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Atemwege

mgo medizin Redaktion

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9 MIN

Erschienen in: Der Allgemeinarzt

Pflanzliche Arzneimittel bei Atemwegserkrankungen sind nicht nur traditionell bewährt, sondern auch evidenzbasiert wirksam. Von akutem Husten über Bronchitis bis hin zu chronischen Erkrankungen wie Asthma und COPD bietet die Phytotherapie wertvolle Behandlungsoptionen. Erfahren Sie, welche Arzneipflanzen bei welchen Symptomen helfen, wie sie wirken und warum sie als Add-on-Therapie bei chronischen Atemwegserkrankungen einen höheren Stellenwert haben als vielfach bekannt.

Atemwegserkrankungen: Phytotherapeutische Optionen in der Praxis

Die Anwendung pflanzlicher Arzneimittel bei unterschiedlichen Atemwegserkrankungen ist nicht nur traditionell verankert, sondern folgt zugleich Kriterien einer evidenzbasierten Vorgehensweise. Dies lässt sich einerseits am Stellenwert und damit der allgemeinen Akzeptanz bei Patienten erkennen – die häufige Empfehlung von Hustentherapeutika auf pflanzlicher Basis in der Selbstmedikation spricht für sich. Zumal für die hausärztliche Praxis zur Behandlung von Atemwegserkrankungen unterschiedlichste pflanzliche Arzneistoffe zur Verfügung stehen, die eine an der Symptomatik orientierte und damit spezifische Therapie ermöglichen.

Das Thema eignet sich auch – im übergeordneten Sinn – pflanzliche Behandlungsoptionen praxisorientiert zu vermitteln, wobei dem Add-on-Ansatz bei chronischen Atemwegserkrankungen durchaus ein höherer Stellenwert zugesprochen werden kann, als vielfach bekannt. Dies tangiert im Übrigen eine originäre Aufgabe der Allgemeinmedizin, wie es gerade der jüngeren Kollegenschaft vermittelt werden sollte.

Akuter Husten als Symptom: Leitliniengerechte Behandlung

Der hustende Patient in der Sprechstunde lässt sich auf Basis von zwei Eingangsfragen orientierend einordnen: nach der Dauer des Hustens und der Frage, ob Auswurf besteht oder nicht. Bei einem akuten Husten, der bis zu drei Wochen andauern kann, „soll keine antibiotische Therapie verordnet werden”, wird in der Leitlinie „Fachärztliche Diagnostik und Therapie von erwachsenen Patienten mit Husten” der DGP (Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin) formuliert.

Differenzialdiagnostik bei tiefen Atemwegsinfektionen

Demgegenüber soll – zunächst im differenzialdiagnostischen Sinne – auf einen praxisrelevanten Aspekt hingewiesen werden: „Die Herausforderung besteht in der Differenzierung von Patienten mit tiefen Atemwegsinfektionen, die keine antimikrobielle Therapie benötigen, von solchen, die so rasch wie möglich antimikrobiell behandelt werden sollten”, lautet eine zentrale Aussage in der Leitlinie „Behandlung von Erwachsenen mit ambulant erworbener Pneumonie” der DGP, bei deren Erstellung die DEGAM mitbeteiligt ist.

Leitlinie und Praxis: Was sagen die Fachgesellschaften?

Die Behandlung von Atemwegserkrankungen wird in verschiedenen, für die Hausarztpraxis relevanten Leitlinien abgebildet. Dabei wird auch die Phytotherapie thematisiert.

S3-Leitlinie der DEGAM zu akutem und chronischem Husten

In der S3-Leitlinie „akuter und chronischer Husten” der DEGAM wird festgestellt, dass „für bestimmte Phytopharmaka, für die die verfügbare Evidenz eine Wirksamkeit nahelegt, zur moderaten Symptomlinderung bzw. -verkürzung bei akutem Husten im Rahmen eines Atemwegsinfektes zu erwägen” ist.

S2k-Leitlinie der DGP zu Husten

In der S2k-Leitlinie „Fachärztliche Diagnostik und Therapie von erwachsenen Patienten mit Husten” der DGP wird summarisch festgestellt, „mehrere Phytopharmaka weisen Evidenz für ihre Wirksamkeit hinsichtlich Verkürzung der Beschwerdedauer sowie Linderung der Symptome auf”.

Kritische Anmerkung zu den Leitlinien:

Für beide Leitlinien ist kritisch anzumerken, wonach ausschließlich auf kontrollierte Studien und Metaanalysen rekurriert wird. Einmal mehr ist auf die multi-modale Wirkung standardisierter Pflanzenextrakte hinzuweisen, die sich in ihrer therapeutischen Bandbreite letztlich in Real-world-Daten abbilden lassen.

Wirksamkeitsbestimmende Inhaltsstoffe pflanzlicher Arzneimittel

Arzneipflanzen und die daraus gewonnenen Extrakte enthalten per se ein Vielgemisch an Wirkstoffen. Zur Standardisierung und damit gleichbleibender Wirksamkeit werden sogenannte Leitsubstanzen analysiert. Diese wirksamkeitsbestimmenden Inhaltsstoffe, die im Gesamtextrakt standardisiert enthalten sind, begründen den Indikationsanspruch des pflanzlichen Arzneimittels.

Wichtige Wirkstoffgruppen bei Atemwegserkrankungen

Ätherisch Öl-haltige Arzneipflanzen:

  • Wirken antiinflammatorisch, antibakteriell und virustatisch
  • Bronchospasmolytische und expektorierende Wirkung
  • Bekannte Vertreter: Anis, Eukalyptus, Fenchel, Fichten- und Kiefernadeln, Salbei und Thymian
  • Cineol als Bestandteil ätherischer Öle, beispielsweise aus Eukalyptusöl
  • Diese Pflanzengruppe liefert häufig auch die Bestandteile zur perkutanen bzw. inhalativen Anwendung

Polyphenol-haltige Arzneipflanzen:

  • Zu dieser Gruppe gehört Pelargonium sidoides
  • Besitzen antivirale, antibakterielle und sekretomotorische Wirkungen

Flavonoid- und Gerbstoff-haltige Arzneipflanzen:

  • Weißer Andorn zählt zu dieser Gruppe
  • Enthält auch Bitterstoffe, die insbesondere auf das Darmmikrobiom wirkende Eigenschaften besitzen

Schleimstoff-haltige Arzneipflanzen:

  • Eine bei Atemwegserkrankungen relevante Gruppe
  • Vertreter: Eibisch, Malve, Isländisch Moos und Spitzwegerich
  • Zeichnen sich aus durch antitussive, einen Schleimfilm bildenden (mucilaginösen) Effekt sowie antiphlogistische Wirkungen

Flavonoid- und Saponin-haltige Arzneipflanzen:

  • Bekannte Vertreter: Efeu, Primel und Süßholz
  • Belegte Wirkungen: antitussiv, antiphlogistisch und antiinflammatorisch sowie sekretomotorisch und bakteriostatisch

Phytotherapie in der Praxis: Multi-modale Wirkung nutzen

Die einzelne Arzneipflanze enthält häufig mehrere der genannten wirksamkeitsbestimmenden Inhaltsstoffe, was ihre multi-modale Wirkung nachvollziehbar macht. Konsekutiv resultiert daraus ein breiteres Indikationsspektrum, das eine Anwendung im Off-label-Use als Add-on-Therapie grundsätzlich ermöglicht. Dazu zählen Erkrankungen wie Asthma bronchiale und COPD, was auch die korrespondierenden Leitlinien widerspiegeln. In praxi lässt sich beobachten, dass akute Exazerbationen oft seltener auftreten und weniger schwer verlaufen. Für einzelne Pflanzenextrakte liegen dazu studienbasierte Daten vor.

Weitere pflanzliche Wirkstoffe

Auf Basis empirischer Erkenntnisse und korrespondierender Arzneipflanzenforschung gibt es im Bereich der atemwegsrelevanten Arzneipflanzen eine Vielzahl weiterer pflanzlicher Wirkstoffe, die jedoch nicht als standardisierte Arzneimittel zur Verfügung stehen und deshalb nur in Form von Tees eingesetzt werden. Zunehmend werden sie auch als pflanzliche Nahrungsergänzungsmittel – sogenannte NEM – von den Herstellern angeboten, wobei für diese Produkte kein Indikationsanspruch formuliert werden darf.

Phytotherapie: Begleit- und Nachbehandlung bei Pneumonie

Ein in der Hausarztmedizin immer wieder herausforderndes Beispiel ist die ambulant erworbene Pneumonie. Die dazu eingangs zitierte Leitlinie der DGP stellt zusammenfassend fest: „Die Diagnose der ambulant erworbenen Pneumonie im ambulanten Bereich bzw. ihre Abgrenzung zu akuter Bronchitis und akuter Exazerbation der COPD bleibt aus mehreren Gründen herausfordernd.”

Eine typische Kasuistik aus der Praxis

Patientenvorstellung:

Die 79-jährige Patientin – sie kommt in Begleitung ihrer Tochter – war am Vortag aus stationärer Behandlung entlassen worden. Die Aufnahme erfolgte aufgrund einer zunehmenden Symptomatik eines bronchialen Infekts bei reduziertem Allgemeinbefinden. Die in der Klinik diagnostizierte Pneumonie wird mit einer i.v. Antibiose innerhalb von fünf Tagen beherrscht. Bei der am gestrigen Entlassungstag noch durchgeführten Bronchoskopie werden keine Pathologien festgestellt.

Befund:

Die mir bis dato nicht bekannte Patientin zeigt einen deutlich reduzierten AZ. Beim Sprechen treten immer wieder Hustenattacken auf mit Auswurf von hellem Sputum; keine Ruhedyspnoe. Bei der Perkussion der Lunge ist keine Dämpfung hörbar, bei der Auskultation sind – auch im Seitenvergleich – vereinzelt grobblasige RGs zu hören, die nach Aufforderung zum Husten nicht mehr feststellbar sind.

Weitere Befunde:

  • Rachenraum leicht gerötet mit Schleimstraße an der Rachenhinterwand
  • Halslymphknoten nicht tastbar vergrößert
  • RR 115/55, Puls 62/min (2. Messung)
  • Sauerstoffsättigung 98%, Temperatur 37,1° C
  • Keine Knöchelödeme

Der Entlass-Medikationsplan umfasst Candesartan 8mg, 1–0–0, ASS 100mg, abends; auf Nachfrage wird eine weitere Medikation verneint.

Therapie und Verlauf:

Im Hinblick auf die persistierende Verschleimung und den subjektiv belastenden Husten wird der Patientin ein pflanzliches Arzneimittel verordnet. Es enthält einen standardisierten Wurzel-Extrakt von Pelargonium sidoides; die Dosierung lautet auf 3-mal tägl. 1 Tabl. mit etwas Flüssigkeit einnehmen.

Bei der erneuten Vorstellung zehn Tage später berichtet die Patientin von einem spürbaren Nachlassen der Hustensymptomatik und einem auch sichtbar stabileren Allgemeinzustand. Die erneute Perkussion und Auskultation der Lunge ergibt keine Pathologien; die Fortsetzung der Medikation für eine Woche wird empfohlen.

Epikritische Betrachtung

Epikritisch lässt sich feststellen, wonach die alleinige Antibiose zur eigentlichen Ausheilung der Pneumonie bei der Patientin allein vom klinischen Bild nicht ausreichend war. Auch zeigt sich in der Praxis, dass durch den Einsatz eines pflanzlichen Arzneimittels ein postinfektiöses Syndrom weitestgehend vermieden oder zumindest reduziert werden kann.

Diagnostische Herausforderungen bei Pneumonie

Denn „klinische Zeichen der Pneumonie sind unspezifisch; die klinische Untersuchung erzielt lediglich eine hohe negative Prädiktionskraft (Ausschluss einer Pneumonie)”. Und weiter: „eine thorakale Bildgebung ist für eine sichere Diagnose noch immer unverzichtbar.” Gleichzeitig wird in der Leitlinie konstatiert; wonach „die diagnostische Aussagekraft der Röntgen-Thoraxaufnahme gerade bei leichtgradigen Pneumonien deutlich eingeschränkt ist”.

Sinnvoller Einsatz der Add-on-Phytotherapie

Fasst man die Leitlinien-Aussagen zusammen, ist eine frühzeitig initiierte Phytotherapie sinnvoll, zumal die pflanzlichen Wirkstoffe keine Interaktionen mit dem Antibiotikum zeigen. Vielfach lässt sich mit diesem Ansatz einer Add-on-Phytotherapie der Verlauf an Schwere und Dauer reduzieren.

Vorteile der pflanzlichen Begleittherapie:

  • Keine Interaktionen mit Antibiotika
  • Reduktion von Schwere und Dauer des Verlaufs
  • Einsatz bei verschiedenen Differenzialdiagnosen möglich
  • Besonders wirksam in der postinfektiösen Nachbehandlung

Hinzu kommt, dass bei den in der Leitlinie formulierten Differenzialdiagnosen prinzipiell eine pflanzliche Begleittherapie möglich ist. Im Besonderen betrifft dieser Ansatz auch die postinfektiöse Nachbehandlung. Denn nach Beendigung der Antibiose persistiert bei vielen Patienten nicht selten eine Husten-Symptomatik, die das oft reduzierte Allgemeinbefinden zumindest subjektiv beeinträchtigt.

Phytotherapie bei Asthma bronchiale und COPD

Im Kontext von Atemwegserkrankungen spielen zwei „Nationale VersorgungsLeitlinien” in Bezug auf die Phytotherapie eine Rolle. Dies betrifft das Asthma bronchiale sowie die COPD.

Asthma bronchiale: Evidenz für pflanzliche Arzneimittel

In der Leitlinie zum Asthma bronchiale findet sich unter dem Stichwort Phytotherapie eine ausführliche Evidenzbeschreibung; sie fokussiert ausschließlich kontrollierte Studien, in denen jeweils unterschiedliche pflanzliche Arzneimittel untersucht wurden. Sie betreffen Efeu, Eukalyptus und Cineol.

Zu letzterem wird in der Leitlinie eine Studie über einen Zeitraum von sechs Monaten zitiert: „demnach war die asthmabezogene Lebensqualität in der Interventionsgruppe besser als in der Placebogruppe.” Summarisch lässt sich festhalten, wonach zumindest bei einem Teil der analysierten Studien „die Asthmakontrolle durch die Anwendung der Phytotherapie gebessert werden konnte”.

COPD: Mukolytika und Antitussiva aus der Phytotherapie

Auch in der „COPD VersorgungsLeitlinie” finden sich praxisrelevante Aussagen: „Bei symptomatischen Patientinnen mit überwiegend bronchitischen Beschwerden können ausgewählte Mukolytika als Dauertherapie und in angemessener Dosierung zur Vermeidung von Exazerbationen eingesetzt werden.” Und weiter: „Mukolytika nehmen nach Einschätzung der Leitliniengruppe einen hohen Stellenwert in der Selbstmedikation bei Patientinnen mit COPD ein.”

Geeignete Arzneipflanzen zur Mukolyse:

  • Arzneipflanzen mit ätherischen Ölen
  • Polyphenol-haltige Pflanzen
  • Saponin-haltige Pflanzen

In der COPD-Leitlinie werden auch Antitussiva thematisiert, wonach „insbesondere bei unproduktivem Reizhusten bzw. bei Husten mit geringen Sekretmengen” eine „vorübergehende Verordnung von Hustenstillern eine Option” ist.

Fazit: Phytotherapie bei Atemwegserkrankungen

Die Bandbreite und die Möglichkeiten zur phytotherapeutischen Versorgung von Patienten mit akuten und chronischen Atemwegserkrankungen ist als umfangreich zu bezeichnen. In Abhängigkeit der Erkrankung und unter Berücksichtigung des Stadiums – akut oder chronisch – lassen sich die dominierenden klinischen Symptome einer Atemwegserkrankung bestimmten Wirkstoffen von Arzneipflanzen zuordnen und folgen damit letztlich einem personalisierten Therapieansatz. Einmal mehr ist die multi-modale Wirkung hervorzuheben, die eine Anwendung auch bei chronischen Atemwegserkrankungen rechtfertigt. Der dabei notwendige add-on-Ansatz führt bei nicht wenigen Patienten zu einer zumindest subjektiven Besserung der pulmonalen Symptomatik.

Autor: Dr. med. Markus Wiesenauer

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