Das Co-Enzym NAD+ in der Plazenta spielt eine entscheidende Rolle beim Beginn der Geburt. Forschende aus den USA zeigen im Fachjournal „Science”, dass die NAD+-Konzentration am Ende der Schwangerschaft abfällt und dadurch Wehen ausgelöst werden. Experimente an Mäusen deuten auf therapeutisches Potenzial bei Frühgeburten hin. Japanische Forschende sehen Parallelen zur Alternsforschung und betrachten den NAD+-Abbau als aktiven Mechanismus für den Generationswechsel.
NAD+ in der Plazenta spielt wichtige Rolle bei Geburtsbeginn
Das Co-Enzym Nikotinamid-Adenin-Dinukleotid (NAD+) spielt vermutlich beim Beginn der Geburt eine entscheidende Rolle. Die Menge an NAD+ in der Plazenta nimmt am Ende der Schwangerschaft ab. Ist sie niedrig genug, setzen die Wehen ein. Diesen Mechanismus stellen Forschende aus den USA im Fachjournal „Science ” vor.
Experimente an Mäusen und menschlichen Proben
Die Forschenden führten ihre Experimente größtenteils in Tierversuchen mit Mäusen, aber auch mithilfe menschlicher Plazentaproben durch. Sie zeigten, dass die Konzentration von NAD+ vor dem Geburtsbeginn im Plazentagewebe von Mäusen und Menschen abfällt. Die Synthese von NAD+ in der Plazenta kommt zum Erliegen, da sich der Vorrat an mütterlichen NAD+-Vorläufern verringert. Zudem entsteht ein Engpass im Syntheseapparat der Plazenta.
NAD+ hemmt wehenfördernde Prostaglandine
NAD+ ist ein unverzichtbares Co-Enzym für das Enzym 15-Hydroxy-Prostaglandin-Dehydrogenase (15-PGDH), welches vorzeitige Wehen verhindert, indem es den wehenfördernden Faktor Prostaglandin abbaut.
„Die Plazenta ist nicht nur ein passiver Nährstofftransporter; ihr eigener Stoffwechselzustand – insbesondere die NAD+-Verfügbarkeit – beeinflusst über den Prostaglandinstoffwechsel direkt den Zeitpunkt der Wehen.”
Prof. Dr. Sandra Blois, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Neben dem Effekt von NAD+ auf Prostaglandin sind weitere Faktoren in die Einleitung der Geburt involviert. Dazu gehören hormonelle Veränderungen wie der Abfall von Progesteron oder ein Anstieg von Östrogen, aber auch Signale vom ungeborenen Kind.
Therapeutisches Potenzial bei Frühgeburten
Wenn die Forschenden trächtigen Mäusen ein Vorläufermolekül von NAD+ verabreichten, wurde der Geburtsstart verzögert – ein Hinweis auf das therapeutische Potenzial bei Frühgeburten.
„Dies eröffnet ein spannendes neues Kapitel in der Prävention von Frühgeburten, das sich auf die Unterstützung des Plazentastoffwechsels konzentriert.“
Prof. Dr. Sandra Blois, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Methodische Einschränkungen der Studie
Prof. Dr. Jarmila Zdanowicz, Ärztliche Leiterin der Geburtsstation am Universitätsspital Bern, sieht in der Publikation großes Potenzial, weist jedoch auf methodische Aspekte hin, die berücksichtigt werden sollten: die untersuchten menschlichen Plazenten stammten ausschließlich von Kaiserschnittgeburten mit unterschiedlichen Indikationen.
„Interessant wäre es gewesen, bei Frauen mit vaginalen Geburten nach spontanem Wehenbeginn NAD+ in der Plazenta zu bestimmen.“
Prof. Dr. Jarmila Zdanowicz, Universitätsspital Bern
Parallelen zur Alternsforschung
Japanische Forschende stellen im parallel erscheinenden Perspektive-Artikel einen weiteren Aspekt heraus: Sie verweisen auf Parallelen zur Alternsforschung, in der ein NAD+-Mangel in Zellen mit dem Versterben von Gewebe in Zusammenhang steht. Der metabolisch programmierte NAD+-Abbau in der Plazenta sei demnach ein Zerfallsmechanismus, um einen wichtigen Übergang des Lebens zu gestalten. Das Ende des Lebens eines Gewebes sei der Auslöser für den Beginn eines anderen. Das Altern könne demzufolge nicht nur als Prozess des Verfalls betrachtet werden, sondern als aktives System, das den Generationswechsel sicherstelle.
Quellen:
- Meldung des Science Media Centers vom 11.06.2026: Signal für den Start der Geburt
- Ciampa EJ, Machado LM, Lee KJ et al. Placental nicotinamide adenine dinucleotide modulates the timing of labor . Science 2026; 392: 1194–1199



