Sexuell übertragbare Infektionen scheinen nach Beginn der HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP) zuzunehmen. Eine neue Modellstudie zeigt jedoch ein Testparadoxon: Die tatsächliche Prävalenz von sexuell übertragbaren Infektionen kann sinken, während die erfassten Fallzahlen steigen. Regelmäßige verpflichtende Tests decken mehr asymptomatische Infektionen auf. Häufige Screenings reduzieren die Ausbreitung bakterieller sexuell übertragbarer Infektionen wirksam. Die steigenden Fallzahlen können paradoxerweise ein Zeichen für den Erfolg der Präventionsmaßnahmen sein.
PrEP-Erfolg bei HIV und steigende STI-Fallzahlen
Seit mehreren Jahren verhindert die Präexpositionsprophylaxe gegen HIV (PrEP) erfolgreich neue Infektionen. Personen, die PrEP anwenden, zeigen jedoch häufig risikoreicheres Sexualverhalten. Dies erhöht ihre Anfälligkeit für andere sexuell übertragbare Infektionen (STIs). Um dem entgegenzuwirken, müssen PrEP-Anwendende regelmäßig verpflichtende Tests auf STIs wie Chlamydien und Gonorrhö durchführen lassen. Falldaten zeigen einen Anstieg der erfassten STI-Fälle nach Beginn der PrEP. Eine neue Modellstudie liefert nun eine kontraintuitive Erklärung: Auch wenn die Zahl der erfassten Fälle steigt, kann die tatsächliche Zahl der sexuell übertragbaren Infektionen zurückgehen (Abb. 1).

Testparadoxon bei sexuell übertragbaren Infektionen
Das Forschungsteam stützt seinen Ansatz auf ein klassisches mathematisches epidemiologisches Modell. In diesem Modell ist eine Person entweder anfällig für die Krankheit, infiziert oder nach der Genesung aus dem Pool entfernt. „Ein wichtiger Aspekt des Modells ist, dass es zwischen symptomatischen und asymptomatischen Infektionen unterscheidet, was uns die Durchführung differenzierter Tests ermöglicht”, erklärt Laura Müller, eine der leitenden Forscherinnen des Projekts.
Regelmäßige Tests auf sexuell übertragbare Infektionen können somit eine höhere Anzahl aktiver Infektionen aufdecken, sodass wir mehr Fälle sehen, obwohl wir tatsächlich weniger haben.
Laura Müller, Forschende im Projekt
Bemerkenswert ist insgesamt, dass das Paradoxon umso wahrscheinlicher auftritt, je häufiger getestet wird.
Häufige Screenings reduzieren die Ausbreitung
Die Studie zeigt, dass häufige Screenings auf sexuell übertragbare Infektionen, wie sie in deutschen PrEP-Programmen empfohlen werden, eine hochwirksame Maßnahme im Bereich der öffentlichen Gesundheit sind. Häufige Screenings können die Ausbreitung bakterieller sexuell übertragbarer Infektionen erfolgreich reduzieren. Sie wirken potenziellen Veränderungen im Sexualverhalten beim Schutz vor HIV wirksam entgegen. Folglich kann die steigende Zahl gemeldeter STI-Fälle nach einer HIV-Prophylaxe ein paradoxes Zeichen für deren Erfolg sein.
„Unsere Forschung zeigt, dass Programme zur HIV-Präexpositionsprophylaxe ein wirkungsvolles Instrument mit doppeltem Nutzen sein können, aber wir müssen bei ihrer Bewertung vorsichtig sein”, schließt Seba Contreras, Hauptforscher des Projekts. „Da ein Anstieg der gemeldeten Fälle auch ein Zeichen für den Erfolg sein kann, müssen Überwachungsdaten bei Entscheidungen im Bereich der öffentlichen Gesundheit sorgfältig interpretiert werden”, schließt er. Die Ergebnisse können für die zukünftige Entwicklung von Strategien zur Überwachung und Eindämmung sexuell übertragbarer Infektionen nützlich sein.
Quellen:
1.Pressemitteilung des Max-Planck-Instituts für Dynamik und Selbstorganisation vom 15.12.2025 : Ein Testparadoxon bei sexuell übertragbaren Infektionen
2. Müller L, Mallick P, Marín-Carballo AB et al. Testing paradox may explain increased observed prevalence of bacterial STIs among MSM on HIV PrEP: A modeling study. Proc Natl Acad Sci USA 2025; 122(44): e2524944122



