Bei 50–80 % der in der Kindheit von einer ADHS betroffenen Menschen persistieren Symptome bis ins Erwachsenenalter. Etwa ein Drittel erfüllt auch im Erwachsenenalter die vollständigen diagnostischen Kriterien der Störung [1, 2]. Längsschnittstudien belegen, dass die Symptomatik bei einem Teil der Betroffenen über die gesamte Lebensspanne bestehen bleibt. Je nach Lebenssituation bedarf es daher eines individuell an die jeweiligen Bedürfnisse angepassten Behandlungsmanagements. Für eine flexible Steuerung der Wirkung für berufstätige ADHS-Patient:innen hat sich die zweimal tägliche Gabe von Methylphenidat (MPH) als effektiv erwiesen, wie Dr. med. univ. Leitner aus Sicht seiner langjährigen Praxiserfahrung im Interview berichtete. Betroffene können dabei zusätzlich von einer präzisen Dosierbarkeit und einem stabilen Nebenwirkungsmanagement profitieren [3].
Sehr geehrter Herr Dr. med. univ. Leitner, welche therapeutischen Herausforderungen ergeben sich bei der Behandlung berufstätiger Erwachsener mit einer ADHS?
Berufstätige Patient:innen benötigen Vorhersehbarkeit und Steuerbarkeit der kognitiven Leistungsfähigkeit über den Arbeitstag. Die Herausforderung besteht darin, Belastungsspitzen im Beruf gezielt zu stützen, ohne die notwendige Flexibilität für Überstunden, Schichtwechsel oder den Feierabend zu verlieren. In der Praxis bedeutet das: Wir müssen Wirkdauer, Wirkungseintritt und Nebenwirkungsprofil so abstimmen, dass Leistung verfügbar ist, wenn sie gebraucht wird, ohne Schlaf und Erholung zu beeinträchtigen.
Welche Erfahrungen haben Sie mit Patient:innen gemacht, die von einmal täglichen Retardpräparaten auf Medikinet® adult umgestellt wurden?
Die zweimal tägliche Gabe ermöglicht eine präzise tageszeitliche Steuerung. Im Vergleich zu einer einmal täglichen Retardformulierung lässt sich die Wirkung kurzfristig verlängern oder verkürzen – etwa bei Überstunden oder variablen Arbeitszeiten. Auch erhöht die Möglichkeit, in kleinen Schritten zu dosieren, die Individualisierbarkeit und erleichtert das Nebenwirkungsmanagement. Um einen Therapieabbruch aufgrund von Nebenwirkungen zu vermeiden, ist es bei manchen Betroffenen gerade zu Beginn ratsam, mit einer geringen Dosierung von 5 mg zu beginnen.
Welche Rolle spielt Ihrer Erfahrung nach die Flexibilität der Dosierung im Tagesverlauf bzw. Wochenverlauf für die Therapieadhärenz und den Behandlungserfolg bei ADHS-Patient:innen?
Die Flexibilität fördert Adhärenz sowie Funktionalität. Wenn Patient:innen erleben, dass die Medikation ihren Alltag zuverlässig unterstützt und sich an Wochen- oder Tagesverläufe anpassen lässt, steigt die Bereitschaft zur regelmäßigen Einnahme. Umgekehrt führt ein starrer Wirkverlauf bei wechselnden Anforderungen häufiger zu Unzufriedenheit und Absetzen.
Wie gehen Sie bei der Aufdosierung vor? Spielt die Verfügbarkeit unterschiedlicher Packungsgrößen dabei eine Rolle?
Zu Beginn führe ich ein ausführliches Aufklärungsgespräch über die schrittweise Aufdosierung und dokumentiere dies klar in einem Handout für die Patient:innen sowie im Medikamentenplan. Ich beginne niedrig und titriere in kleinen Schritten, beobachte Wirksamkeit und Nebenwirkungen und passe die zweite Tagesdosis an den individuellen Belastungszeitraum an. Verfügbare Packungsgrößen und kleine Dosisschritte wie die bereits erwähnten 5 mg sind wichtig, weil sie feine Anpassungen erlauben und so die Verträglichkeit und auch Adhärenz verbessern. Gleichzeitig kann auch ein längerer Zeitraum mit einem Rezept überbrückt werden. Dies spielt insbesondere in meiner Region mit teilweise langen Anfahrtszeiten eine sehr große Rolle.
Medikinet® adult ist bis zum 65. Lebensjahr zugelassen und unterscheidet sich damit von anderen Methylphenidat-Präparaten [3]. Was bedeutet das für die Praxis?
Viele Patient:innen sind über Jahre stabil eingestellt. Die Zulassung bis 65 Jahre verhindert einen unnötigen Präparatewechsel im höheren Erwachsenenalter und sichert damit die Therapiekontinuität und Stabilität. ADHS verschwindet in der Regel nicht einfach ohne weiteres mit Vollendung des 18. Lebensjahres. Dies gilt ebenso für das 60. bzw. 65. Lebensjahr. Auch ältere Betroffene benötigen in der Regel weiterhin ein umfassendes Therapiemanagement. Ich beginne bzw. führe die Behandlung daher nach vorheriger Klärung der Kostenübernahme mit den Krankenkassen durch.
Was beachten Sie bei 60–65-Jährigen Patient:innen?
Für mich stehen die kardialen Komorbiditäten und eine individuelle Risikoeinschätzung im Vordergrund. Es ist bekannt, dass insbesondere bei älteren Patient:innen Blutdruck, Herzrhythmus und vaskuläre Risiken stärker im Fokus stehen. Eine feine Dosierbarkeit und ein engmaschiges Monitoring durch den Hausarzt oder Internisten sind hier entscheidend, um Wirksamkeit und Verträglichkeit in Einklang zu bringen.
Welche Rolle spielt die flexible Dosierbarkeit bei Patient:innen mit zum Beispiel komorbiden Angststörungen oder Depression, die eine zusätzliche Medikation benötigen?
Insbesondere bei komorbiden Angststörungen erleichtert die flexible Dosierung die Abstimmung mit anderen Psychopharmaka. Zudem wird das Risiko reduziert, dass die bestehenden Ängste durch Stimulanzien-bedingte Nebenwirkungen verschlechtert werden. Eine sichere Kombinationstherapie mit Medikinet® adult kann in der Regel problemlos durchgeführt werden.
Die DiGA attexis® bietet ADHS-Patienten ab 18 Jahren eine individualisierte, digitale Therapie zur alltagsbegleitenden Unterstützung [6]. Wie sehen Sie den Einsatz?
Ich sehe DiGAs als hervorragende ergänzende Verfahren, die den Patient:innen, ganz im Sinne meines Leitsatzes, einen strukturierten Rahmen außerhalb der Praxis bieten. Sie ermöglichen es, evidenzbasiertes Wissen zu teilen und einen Gegenpol zur oft ungefilterten „TikTok-Psychologie“ oder Halbwissen aus sozialen Medien zu setzen.
Wie bewerten Sie vor dem Hintergrund der Metaanalyse in JAMA Psychiatry 2024 [7] und Ihrer klinischen Erfahrung die Evidenzlage von Neurofeedback im Vergleich zur medikamentösen Therapie mit Methylphenidat?
Auch wenn Metaanalysen wie in JAMA Psychiatry 2024 die Pharmakotherapie als First-Line-Maßnahme bestätigen, bleibt Neurofeedback ein wertvolles „Zusatzwerkzeug“ zur Feinjustierung von Achtsamkeit und Selbstregulation. Es handelt sich hierbei nicht um ein Verfahren, das im Gießkannenprinzip angewendet wird. Auch ist es kein „Heilmittel“, sondern ein gezieltes einzusetzendes Zusatzwerkzeug. Im ersten Schritt sollte mit Hilfe einer medikamentösen Einstellung aber eine grundlegende Stabilität erreicht werden.
Dr. med. univ. Lukas Leitner
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
Geriatrie Stadtbleiche 3
87629 Füssen
praxis@lukasleitner.bayern
Mit freundlicher Unterstützung der MEDICE Arzneimittel Pütter GmbH & Co. KG, Iserlohn



