Neurologie und Psychiatrie » Schlaf

»

Diagnostik und Behandlung der insomnischen Störung

Mann mit Schlafstörung

Quelle: Framestock - stock.adobe.com

Diagnostik und Behandlung der insomnischen Störung

Fachartikel

Neurologie und Psychiatrie

Schlaf

mgo medizin Redaktion

Verlag

17 MIN

Erschienen in: neuro aktuell

Die insomnische Störung gehört zu den häufigen Gesundheitsproblemen in der psychiatrischen und neurologischen Versorgung. In den aktuellen und in der Zukunft verbindlichen Diagnosesystemen – dem amerikanischen Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders [1] und der International Classification of Diseases der World Health Organisation (WHO) [2] – wird die „Insomnische Störung” im Sinne eines Paradigmenwechsels als eigenständige Diagnose in den neu geschaffenen Hauptkapiteln „Schlaf-Wach-Störungen” geführt. Sie soll gemäß Komorbiditätsprinzip, sofern die Diagnosekriterien erfüllt sind, auch bei gleichzeitig vorliegenden psychiatrischen oder neurologischen Erkrankungen diagnostiziert werden. 

Eine gezielte Diagnostik und Behandlung, insbesondere mit der kognitiven Verhaltenstherapie für Insomnie (KVT-I) als Therapie der ersten Wahl, kann die schlafbezogene Lebensqualität verbessern. Zudem wirkt sie sich günstig auf den Verlauf komorbid vorliegender psychiatrischer oder neurologischer Erkrankungen aus. 
 

Definition und klinische Relevanz der insomnischen Störung 

 Die insomnische Störung ist definiert als subjektive Beschwerden in Bezug auf Schlafquantität oder -qualität, die mit einer subjektiven Beeinträchtigung in der Leistungsfähigkeit am Tag einhergehen. 

Um die Diagnosekriterien zu erfüllen, müssen die Beschwerden gemäß ICD-11 mehrmals in der Woche, im DSM-5 spezifiziert auf mindestens 3-mal in der Woche, über einen Zeitraum von mindestens 3 Monaten auftreten. 

Ausschlusskriterien: 

Die insomnischen Beschwerden dürfen, um die Diagnosekriterien einer insomnischen Störung zu erfüllen, nicht ausschließlich bedingt sein durch: 

  • Eine anderweitige psychiatrische oder somatische Erkrankung 
  • Eine anderweitige Schlafstörung (wie beispielsweise ein Restless-Legs-Syndrom oder eine zirkadiane Rhythmusstörung) 
  • Substanzkonsum 

Prävalenz und Bedeutung 

Gemäß dieser Definition sind 5–10 % der erwachsenen Bevölkerung und etwa 30 % der Patientinnen und Patienten in der medizinischen Versorgung von einer insomnischen Störung betroffen. Diese Prävalenz ist hoch und relevant, da die insomnische Störung die Lebensqualität beeinträchtigt. 

Zudem ist sie relevant, da eine insomnische Störung den Verlauf anderer Erkrankungen beeinflussen kann. Diese Interaktion erfordert jedoch eine differenzierte Sicht, um einerseits die Möglichkeiten einer schlafbezogenen Diagnostik und Behandlung zu nutzen, andererseits aber nicht unbegründete Sorgen auszulösen. 
 

Pathophysiologie: Aktuelle Erkenntnisse zur insomnischen Störung 

 Um den möglichen Einfluss einer insomnischen Störung auf Gesundheit zu verstehen, ist es wichtig, aktuelle Konzepte zur Pathophysiologie genauer darzustellen. Hier ist es – da möglicherweise kontraintuitiv – besonders wichtig zu betonen, dass eine umfangreiche Datenlage zunehmend deutlich macht, dass die insomnische Störung in der Breite der Bevölkerung keineswegs durch Schlaflosigkeit gekennzeichnet ist. 

Die Reduktion der Gesamtschlafzeit ist in großen Untersuchungen bei Patientinnen und Patienten mit schwerer insomnischer Störung im Vergleich zu sehr gut schlafenden Kontrollpersonen um etwa 23 Minuten reduziert. 

Dabei überlappen sich die Einzelwerte der Schlafdauer von Patientinnen und Patienten und Kontrollpersonen so deutlich, dass es keine Schlafdauer gibt, die eine Abgrenzung einer Person, die die Diagnosekriterien für eine insomnische Störung erfüllt, von einer gut schlafenden Person ermöglicht. 

Zahlreiche Arbeiten legen vielmehr nahe, dass schlaf-wach-regulatorische Systeme, einschließlich der wichtigsten Regulationsmechanismen für Schlaf (homöostatischer Aufbau von Schlafdruck und zirkadianer Rhythmus), bei Patientinnen und Patienten mit einer insomnischen Störung im Wesentlichen intakt sind. 

Eine teils berichtete Wahrnehmung von Wachheit bei auf Verhaltensebene oder polysomnographisch gemessenem Schlaf findet sich bei Patientinnen und Patienten mit einer insomnischen Störung, aber in gleichem Ausmaß auch bei gesunden Probanden [3]. Die neuronale Grundlage für diese Diskrepanz zwischen Wachwahrnehmung und gemessenem Schlaf ist dabei weniger eine „Fehlwahrnehmung”, sondern eher eine in physiologischer Weise fluide Schlaf-Wach-Regulation („Schlaf-Wach-Kontinuum”), mit Elementen von Wachheit im Schlaf, die als wach erlebt werden. 

Dies entspricht zahlreichen Befunden in Tierexperimenten, die eine Koexistenz von Elementen von Wachheit und Schlaf zeigen, und ist evolutionsbiologisch vermutlich wichtig für eine anhaltende Informationsverarbeitung und mögliche Reaktivität auch im Schlaf unter oft gefährlichen Lebensbedingungen. 

Ein weiterer wichtiger Hinweis für im Wesentlichen intakte Schlaf-Wach-Systeme – bei wissenschaftstheoretischer Unmöglichkeit, die Abwesenheit von Schlafveränderungen nachzuweisen – ist die Beobachtung, dass Patientinnen und Patienten mit einer insomnischen Störung keine relevanten objektivierbaren Defizite in der Leistungsfähigkeit am Tag zeigen. Beispielsweise ist die Leistung in Vigilanz-Messungen am Tag, die hoch sensitiv gegenüber Schlafmangel sind, bei Patientinnen und Patienten im Vergleich zu gesunden Probanden nicht beeinträchtigt. 

Die insomnische Störung gemäß DSM-5- und ICD-11-Definition, in der häufigsten Ausprägung in der Allgemeinbevölkerung (ohne durch eine andere schwerere Erkrankung oder Substanzkonsum bedingt zu sein), ist also nicht durch „Schlaflosigkeit” oder fundamental beeinträchtigte schlaf-wach-regulatorische Systeme gekennzeichnet. 

Die Störung scheint sich vielmehr aus einer gerichteten Aufmerksamkeit auf Schlaf, resultierenden Sorgen und einem ungünstigen Schlaf-Wach-Verhalten zu ergeben. Als wichtigster Faktor wurde hier eine verlängerte Bettzeit bei Patientinnen und Patienten mit einer insomnischen Störung identifiziert, die oft als Sicherheitsverhalten eingesetzt wird. 

In der Folge erleben Patientinnen und Patienten eine verlängerte Wachzeit im Bett, die – im Sinne einer Konditionierung – zu einer weiteren Verknüpfung von Sorgen mit der Schlafumgebung führt, mit dem Erlebnis eines Kontrollverlusts und einer Aufrechterhaltung der Beschwerden. 
 

Diagnostik der insomnischen Störung 

Die Diagnose beruht im Kontext der dargestellten Definition auf der klinischen Anamnese, die eine schlafbezogene Anamnese (wie Bettzeiten, subjektive Schlafdauer, Rhythmus, anderweitige Schlafstörungen) und eine allgemeine Anamnese einschließt. 

Dies kann durch ein Schlaftagebuch über beispielsweise 2 Wochen und gegebenenfalls auch durch standardisierte Fragebögen ergänzt werden. Hier ist aktuell der Insomnie Schweregrad Index (ISI) am besten untersucht, mit Werten ≥ 8 als Hinweis für eine mögliche insomnische Störung. 

Eine apparative Untersuchung ist für die Diagnosestellung nicht geeignet und zunächst nicht notwendig. Dies ergibt sich aus der Definition über die subjektiven Beschwerden, die apparativ nicht gemessen werden können. 

Apparative Untersuchungen sind hingegen wichtig, um anderweitige organische Erkrankungen auszuschließen. Hierzu kann eine allgemeine medizinische Diagnostik, zum Beispiel mit Standardlaborparametern oder weitere apparative Untersuchungen nach Indikation gehören, wie bildgebende Verfahren. 

Indikationen für spezifische Untersuchungen: 

  • Ambulante Polygraphie: Bei Verdacht auf ein obstruktives Schlafapnoesyndrom indiziert 
  • Polysomnographie in einem Schlafzentrum: Bei Verdacht auf komplexere Schlafstörungen, einschließlich beispielsweise periodischer Beinbewegungen im Schlaf oder schlafbezogener Epilepsien 
  • Aktigraphie/Wearables: Können eingesetzt werden, um das Schlaf-Wach-Verhalten sowie die Schlafdauer in Annäherung zu messen. Eine insomnische Störung können sie weder nachweisen noch ausschließen. 

Da die durchschnittliche Schlafdauer pro Nacht bei gesunden Menschen zwischen 5 und 10 Stunden liegen kann, ist es wichtig, hier keine allgemein gültigen Normen zu vermitteln, die Patientinnen und Patienten beunruhigen. 

Zusammenfassend dienen apparative Untersuchungen dem Ausschluss anderweitiger Störungen und sollen bei Verdacht und Therapieresistenz eingesetzt werden [4]. 

Diagnostik bei Komorbidität 

Im klinischen Alltag stellt sich häufig die Frage der diagnostischen Einordnung bei gleichzeitigem Vorliegen von insomnischen Beschwerden und anderweitigen Erkrankungen. Hier gelingt keine scharfe Abgrenzung, aber anhand von zwei Kriterien ergibt sich doch eine relativ belastbare und klinisch nützliche Einordnung. 

Zum einen sollte eine insomnische Störung als Komorbidität auf Diagnoselevel diagnostiziert werden, wenn das Beschwerdebild (im Ausmaß gemäß Diagnosekriterien) deutlich vor der anderweitigen Erkrankung begann oder nach Abklingen einer Erkrankungsepisode, wie beispielsweise einer depressiven Episode, überdauert. 

Zum zweiten sollte eine insomnische Störung diagnostiziert werden, wenn die insomnischen Beschwerden einen hohen Stellenwert haben und durch eine anderweitige Erkrankung nicht ausreichend erklärt scheinen. 

Sind die insomnischen Beschwerden hingegen deutlich an eine andere Erkrankung gekoppelt und scheinen ausreichend durch diese erklärt, wie beispielsweise durch eine akute psychotische Episode, sollten die Beschwerden zunächst als insomnische Symptome beschrieben werden, die nicht Diagnosekriterien erfüllen. 
 

Zusammenhang mit neuropsychiatrischen Erkrankungen 

Schlaf und Gesundheit hängen zusammen. Der Zusammenhang ist wichtig, da er die Möglichkeit eröffnet, über eine schlafbezogene Diagnostik und Behandlung nicht nur Schlaf, sondern auch Gesundheit zu verbessern. 

Die Herausforderung dieses Zusammenhangs bewegt sich zwischen zwei Polen: Einerseits besteht die Gefahr, Schlafstörungen nicht zu diagnostizieren und zu behandeln und so die Behandlung nicht ausreichend gut zu gestalten. Andererseits besteht die Gefahr, mit überzogenen Sorgen zu nicht belegten Zusammenhängen die allgemeine Bevölkerung und im Speziellen Patientinnen und Patienten zu verunsichern und im schlechteren Fall mit unbelegten normativen Ratschlägen Lebensqualität zu verschlechtern und Ressourcen im Gesundheitssystem falsch zu leiten. 

In Bezug auf die insomnische Störung, in den aktuellen Diagnosesystemen nicht über objektiven Schlafmangel, sondern über subjektive Beschwerden definiert, also bei intakten schlaf-wach-regulatorischen Systemen, ist eher ein Einfluss auf psychische Erkrankungen anzunehmen, im Sinne des allgemeinen Vulnerabilitäts-Stress-Modells. 

Tatsächlich stellt eine insomnische Störung hier einen Risikofaktor für das de-novo-Auftreten einer psychischen Erkrankung dar, am besten belegt für depressive Störungen [5]. Hier ist beispielsweise das Risiko verdoppelt, in den folgenden Jahren eine depressive Störung zu entwickeln, wenn eine insomnische Störung vorliegt. Ähnliches gilt für das Risiko einer neuen Krankheitsepisode nach Remission einer depressiven Störung. 

Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass eine angemessene Therapie, insbesondere eine KVT-I, vermutlich das Risiko eines Neuauftretens einer depressiven Störung verringern und als Add-on zur allgemeinen Therapie bei Komorbidität nicht nur Schlafbeschwerden, sondern auch andere psychopathologische Symptome verbessern kann [6]. 

Zusammenhang mit körperlichen Erkrankungen 

Ein Zusammenhang zu körperlichen Erkrankungen wird zwar oft angeführt, ist aber weit weniger gut belegt [7]. Hier erfolgt häufig eine Verwechslung mit Schlafmangelsyndromen oder experimentellem Schlafentzug, die tatsächlich ungünstige Folgen auf beispielsweise kardiovaskuläre Regulation oder Metabolismus haben. 

Die teils von „Schlafinfluencern” und in den Medien vorgebrachte Perspektive, Insomnie mache „dick und dumm”, ist auf experimentellen Schlafentzug begrenzt und trifft auf eine chronische insomnische Störung nicht zu. 

Auf dieser Linie ist es gegenwärtig weiter eine Debatte, inwieweit eine chronische insomnische Störung (in Abwesenheit anderer organischer Erkrankungen oder eines Substanzkonsums) einen Risikofaktor für andere somatische Erkrankungen darstellt, einschließlich kardiovaskulärer Erkrankungen, kognitiver Störungen oder einer dementiellen Entwicklung. 

Hier ist festzuhalten, dass es entweder keinen Zusammenhang gibt oder dieser klein ist, und auch über unspezifische Faktoren wie Stress oder Gesundheitsverhalten erklärt sein könnte. Es ist wichtig, Patientinnen und Patienten sowie die Öffentlichkeit diesbezüglich zu informieren und zu beruhigen. 
 

Behandlung der insomnischen Störung 

 Die im Bereich Diagnostik ausgeführte Abgrenzung zwischen der Diagnosestellung einer insomnischen Störung oder eine Einordnung als insomnische Symptome bei anderweitigen Erkrankungen ist wichtig, da sie die Auswahl der Behandlung bahnt. 

Gemäß dem Konzept der evidenzbasierten Medizin folgt die Behandlung der insomnischen Störung zunächst der Behandlungsleitlinie der insomnischen Störung; die Behandlung der insomnischen Symptome bei anderweitigen Erkrankungen folgt hingegen zunächst den Leitlinien der anderen Erkrankungen. Dies wird im Folgenden etwas weiter ausgeführt. 

Kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie (KVT-I) 

Aktuelle Leitlinien empfehlen die KVT-I als Therapie der ersten Wahl für Patientinnen und Patienten mit einer insomnischen Störung (Diagnoselevel) – auch bei komplexen Komorbiditäten [4]. 

Die Behandlung umfasst ein umfangreicheres Behandlungspaket mit: 

  • Psychoedukation 
  • Verhaltenstherapie (Bettzeitrestriktion, Stimuluskontrolle) 
  • Entspannungsverfahren 
  • Kognitive Interventionen 

Wirkmechanismen: 

Wirkmechanismen sind insbesondere eine Erhöhung des homöostatischen Schlafdrucks in Verbindung mit einer Neubewertung dysfunktionaler schlafbezogener Überzeugungen. 

Trotz klarer Evidenz ist die KVT-I aktuell unzureichend in die klinische Versorgung implementiert. Beispielsweise gibt es für die stationäre psychiatrische Versorgung nur sehr wenige Arbeiten [8]. 

Eine aktuelle Evaluation zeigt, dass von 80 Mitarbeitenden in der stationären Behandlung nahezu alle berichten, Patientinnen und Patienten mit insomnischen Beschwerden zu behandeln. In Bezug auf Wissen zur Behandlungsleitlinie der insomnischen Störung identifizierten 56 % der Befragten korrekt die KVT-I und 48 % gaben unzutreffend Benzodiazepine oder Benzodiazepin-Rezeptor-Agonisten (BZRA) an (unpublizierte eigene Daten). 

SLEEPexpert: Angepasstes Behandlungsprogramm 

Ein Problem ist, dass die KVT-I ein umfangreicheres Behandlungspaket ist, das überwiegend für die ambulante Behandlung von Patientinnen und Patienten ohne relevante Komorbiditäten entwickelt wurde, und die KVT-I für komplexe medizinische Settings nicht ausreichend geeignet ist. 

Mit dem Ziel, die KVT-I für den komplexen Klinikalltag anzupassen, wurde das Behandlungsprogramm SLEEPexpert entwickelt und vollständig manualisiert (▶ Abb. 1) [9]. Eine initiale systematische Untersuchung und nachfolgend umfangreiche klinische Erfahrung mit über 600 Patientinnen Patienten in der akutpsychiatrischen Versorgung zeigen, dass eine Umsetzung möglich ist [10]. 

SLEEPexpert richtet sich an Patientinnen und Patienten mit einer insomnischen Störung und Behandlungsteams im klinischen Alltag. Es ist im Speziellen auf Patientinnen und Patienten mit mehreren Gesundheitsproblemen, wie begleitenden psychischen oder körperlichen Erkrankungen, ausgelegt. 

Es verfolgt das Ziel, Patientinnen und Patienten darin zu bestärken, ihren Schlaf selbst zu verbessern, und das Behandlungsteam zu befähigen, dies im Klinikalltag systematisch zu unterstützen. Patientinnen und Patienten können lernen, mehr Kontrolle über ihren Schlaf zu bekommen. Das Programm ist so gestaltet, dass es auch mit begrenzten Ressourcen in der ambulanten, teilstationären oder stationären Versorgung umgesetzt werden kann. 

Das Behandlungsprogramm betont, dass der Aufbau von Schlafdruck über eine ausreichend lange Wachphase entscheidend wichtig ist, um zu schlafen. Im Programm wird das Bild eines Surfers genutzt, der eine ausreichende Welle benötigt, um zu surfen. Hier hat der Surfer keine ausreichende Welle und kann nicht surfen, so wie eine Person ohne ausreichenden Schlafdruck – zum Beispiel wegen langer Bettzeiten am Tag – nicht gut schlafen kann. 

Im Programm wird ein individuelles Schlaffenster in zwei Schritten festgelegt: 

  1. In einem ersten Schritt wird die Dauer festgelegt, angepasst an die berichtete aktuelle Schlafdauer 
  1. In einem zweiten Schritt wird die Uhrzeit festgelegt, angepasst an persönliche Präferenzen beziehungsweise Verpflichtungen des Alltags 

Weitere Informationen und Unterlagen sind frei verfügbar unter www.sleepexpert.ch. Das Programm wird mit einer Förderung des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) im Rahmen eines Investigator Initiated Clinical Trial (IICT, grant number 205828) weiter untersucht. Eine Anpassung von SLEEPexpert für die Kinder- und Jugendpsychiatrie „SLEEPexpert ADO” wird aktuell mit Unterstützung durch die Gesundheitsförderung Schweiz in der Routineversorgung integriert. 

Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) 

Darüber hinaus gibt es aktuell Entwicklungen zu Online-Therapien für die insomnische Störung. Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) stellen einen wichtigen Ansatz dar, die Versorgungslücke zu reduzieren. In Deutschland sind derzeit drei DiGA zur Behandlung der insomnischen Störung zugelassen. Studien zeigen, dass Programme mit therapeutischer Begleitung effektiver sind als reine Selbsthilfeangebote. 

Medikamentöse Behandlung 

Eine medikamentöse Behandlung sollte gemäß aktuellen Leitlinien nur erwogen werden, wenn eine KVT-I nicht ausreichend wirksam ist oder nicht umgesetzt werden kann. Hier ist besonders zu berücksichtigen, dass Benzodiazepine und BZRA mit einer Toleranzentwicklung verbunden sind und bei der definitionsgemäß chronischen Störung an Wirksamkeit verlieren, oft ein Ausgangspunkt für eine Dosissteigerung und Abhängigkeitsentwicklung. Eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung ist insbesondere bei älteren oder komplex kranken Patientinnen und Patienten erforderlich. 

Kurz angemerkt werden soll, dass die Autoren bei der chronischen insomnischen Störung, die wie dargestellt nicht durch substantiellen Schlafmangel oder dysfunktionale schlaf-wach-regulatorische Systeme gekennzeichnet ist, neuronale Stimulationsverfahren, wie beispielsweise transkranielle Strom- oder auditorische Stimulation im Schlaf, nicht für aussichtsreich halten. Entsprechend gibt es aktuell auch keine belastbare Evidenz für eine Wirksamkeit bei insomnischer Störung [11]. 
 

Behandlung insomnischer Symptome bei anderen Erkrankungen 

 Insomnische Symptome können bei einer Vielzahl anderer Gesundheitsprobleme auftreten, bei zahlreichen anderen Erkrankungen oder Substanzkonsum. 

Hier ist bei Verdacht eine entsprechende weiterführende psychiatrische oder neurologische Diagnostik zu initiieren, wie beispielsweise in Bezug auf affektive Störungen oder neurodegenerative Erkrankungen. 

Wenn die insomnischen Symptome zunächst ausreichend durch eine andere Erkrankung erklärt scheinen, wie beispielsweise durch eine akute depressive Episode, sollte zunächst die Grunderkrankung behandelt werden. Bei den sehr umfangreichen möglichen Grunderkrankungen, die zu insomnischen Symptomen führen können, kann hier nur auf allgemeine Prinzipien und die entsprechenden Leitlinien verwiesen werden. 

Verhaltenstherapeutische Grundprinzipien 

Auch bei insomnischen Beschwerden im Kontext einer anderen Erkrankung sollten nach Möglichkeit verhaltenstherapeutische Grundprinzipien umgesetzt werden, wie Aktivierung und eine angemessen kurze Bettzeit. Die Effektivität kann bei anderen Erkrankungen offensichtlich an Grenzen stoßen, wie bei akuten Episoden einer psychiatrischen oder einer relevanten neurologischen Erkrankung. 

Medikamentöse Optionen 

Sollten verhaltenstherapeutische Ansätze nicht ausreichend wirksam oder nicht umsetzbar sein, beispielsweise bei schwerer Demenz, können verschiedene schlafanstoßende Medikamente eingesetzt werden. Hier gibt es keine Empfehlungen auf Leitlinienniveau, da Studien bei einer Vielzahl möglicher Erkrankungskonstellationen schwierig durchzuführen sind. 

Allgemeine Empfehlungen: 

Allgemein gilt, dass Benzodiazepine und BZRA bei akuten Schlafstörungen eingesetzt werden können (bis 4 Wochen). Andere Medikamente haben ein geringeres Potenzial für Toleranz und Abhängigkeitsentwicklungen und sind eher zu empfehlen, sollte eine längere Behandlung notwendig sein. 

Hier können sedierende Antidepressiva oder Antipsychotika eingesetzt werden. Auch der Orexin-Rezeptor-Antagonist Daridorexant ist zur Behandlung zugelassen, wobei die Wirksamkeit und Verträglichkeit nach Markteinführung weiter zu beobachten ist. 

Nicht empfohlene Substanzen: 

Melatonin hat keine deutliche schlafanstoßende Wirkung und ist nur bei zirkadianen Rhythmusstörungen wirksam. Nicht zu empfehlen sind Phytopharmaka, die unwirksam sind und andere wirksame Behandlungsansätze eher verhindern. 

Allgemein gilt, dass eine regelmäßige Evaluation zu empfehlen ist, mit Absetzen bei unzureichender Wirksamkeit, um eine häufige Akkumulation von verschiedenen sedierenden Substanzen und eine Polypharmazie zu vermeiden. 
 

Fazit für die Versorgung 

Die insomnische Störung ist eine eigenständige, häufige und gut behandelbare Störung mit hoher Relevanz für die neuropsychiatrische Versorgung. Die Integration einer strukturierten Diagnostik und verhaltenstherapeutischer Interventionen – insbesondere praktikabler Programme wie SLEEPexpert – bietet die Möglichkeit, die klinische Versorgung zu verbessern. 


 Literatur:

  1. American Psychiatric Association. Diagnostic and statistical manual of mental disorders (5th ed.), 2013 
  2. World Health Organization. International statistical classification of diseases and related health problems (11th ed.) 2019. https://icd.who.int/ 
  3. Schneider CL et al. Multimodal assessment of sleep-wake perception in insomnia disorder. Scientific Reports 2025; 15(1) 
  4. Riemann D et al. The European Insomnia Guideline: An update on the diagnosis and treatment of insomnia. Journal of Sleep Research 2023; 32(6) 
  5. Baglioni C et al. Insomnia as a predictor of depression: a meta-analytic evaluation of longitudinal epidemiological studies. Journal of affective disorders 2011; 135(1–3): 10–19 
  6. Hertenstein E et al. Insomnia as a predictor of mental disorders: A systematic review and meta-analysis. Sleep Medicine Reviews 2019; 43: 96–105 
  7. Benz F et al. Insomnia symptoms as risk factor for somatic disorders: An umbrella review of systematic reviews and meta-analyses. Journal of sleep research 2023; 32(6) 
  8. Schneider CL et al. Cognitive behavioural therapy for insomnia in inpatient psychiatric care: A systematic review. Journal of Sleep Research 2023; 32(6) 
  9. Schneider CL et al. Insomnie: Das verhaltenstherapeutische Behandlungsprogramm SLEEPexpert für den klinischen Alltag. Schattauer 2025 
  10. Schneider CL et al. Become your own SLEEPexpert: Design, implementation, and preliminary evaluation of a pragmatic behavioral treatment program for insomnia in inpatient psychiatric care. SLEEP Advances 2020; 1(1) 
  11. Krone LB et al. The Future of Non-Invasive Brain Stimulation in Sleep Medicine. Journal of sleep research 2025; 34(5) 

Interessenskonflikte 

Die Autoren erklären, dass bei der Erstellung des Beitrags keine Interessenskonflikte im Sinne der Empfehlungen des International Committee of Medical Journal Editors bestanden. 

Korrespondenzadresse 

Prof. Dr. med. Christoph Nissen  
Department für Psychiatrie  
Universitätsklinik Genf (HUG)  
Rue de Lausanne 20bis  
1201 Genf, Schweiz  
christoph.nissen@hug.ch 

Weitere Beiträge zu diesem Thema

EASEE® - Implantat für medikamentenresistente fokale Epilepsien

Mehr Optionen, mehr Druck: Medizintechnik muss jetzt liefern

Pharmaservice

Wenn Epilepsiemedikamente nicht helfen, stehen viele Betroffene vor einem langen Entscheidungsprozess über wenig bekannte Therapieoptionen. Wie Medizin und Medizintechnik hier mit Forschung und Daten Orientierung geben können, zeigen Prof. Dr. Martin Holtkamp und Karl Stoklosa am Beispiel des Neuroimplantats EASEE.

Neurologie und Psychiatrie

Epilepsie

Beitrag lesen
Rosa eingefärbte Mikroglia, Symbolbild für Multiple Sklerose.

NMOSD-Diagnostik und Therapie: Aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen

Fachartikel

Die Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankung (NMOSD) hat sich in den letzten Jahren von einer kaum verstandenen Variante der Multiplen Sklerose zu einer eigenständigen Autoimmunerkrankung entwickelt. Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Fortschritte in Diagnostik ...

Neurologie und Psychiatrie

Demyelinisierende Erkrankungen

NMOSD

Beitrag lesen
Mann mit Schlafstörung

Die nicht-motorischen Symptome der Parkinson-Krankheit

Fachartikel

Nicht-motorische Symptome sind zunehmend in den Fokus der klinisch behandelnden Ärztinnen und Ärzte als auch der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gerückt, denn sie begleiten die Parkinson-Krankheit von den ersten prodromalen Anzeichen bis in das Spätstadium, verändern ihr klinisches Profil und therapeutische Anforderungen im Krankheitsverlauf und bestimmen die Lebensqualität der Betroffenen häufig stärker als die motorische Symptomatik.

Neurologie und Psychiatrie

Bewegungsstörungen

Parkinson-Krankheit

Beitrag lesen