Die chronische Migräne (CM) gehört zu den schwersten Verlaufsformen primärer Kopfschmerzerkrankungen und ist mit hoher Krankheitslast, eingeschränkter Lebensqualität und relevanten sozioökonomischen Konsequenzen verbunden. Trotz wirksamer Akuttherapien und einer wachsenden Zahl prophylaktischer Optionen bleibt die Versorgung vieler Betroffener herausfordernd – insbesondere bei Komorbiditäten, Medikamentenübergebrauch und langjähriger Chronifizierung. Die 2025 aktualisierte S1‑Leitlinie „Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne“ der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und der Deutschen Migräne‑ und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) liefert hierfür einen praxisnahen Rahmen, der klassische und neuere Therapieprinzipien integriert [1].
Definition und klinische Einordnung
Die chronische Migräne ist nach ICHD‑3 definiert als Kopfschmerz an ≥ 15 Tagen pro Monat über mehr als drei Monate, wobei an ≥ 8 Tagen pro Monat migränetypische Merkmale vorliegen oder Migränemedikation wirksam ist [2]. Klinisch zeigt sich CM häufig als phänotypisches Mischbild mit migräneartigen und spannungskopfschmerzartigen Tagen, häufig begleitet von Allodynie, erhöhter Reizempfindlichkeit, Schlafstörungen und psychischen Komorbiditäten. Ein relevanter Teil der Betroffenen erfüllt zusätzlich Kriterien eines Medikamentenübergebrauchskopfschmerzes (MOH), was Diagnostik und Therapie wesentlich beeinflusst [3].
Pathophysiologie und Faktoren der Chronifizierung
Die Chronifizierung ist multifaktoriell. Neben genetischer Vulnerabilität spielen zentrale Sensibilisierung, trigeminovaskuläre Aktivierung und neuroinflammatorische Mechanismen eine zentrale Rolle. Klinisch relevant sind modifizierbare Risikofaktoren wie hohe Attackenfrequenz, häufige Einnahme von Akutmedikation, Schlafqualität, affektive Komorbiditäten, Adipositas sowie Stress‑ und Belastungsfaktoren. Die aktuelle Leitlinie betont den Stellenwert eines strukturierten, multimodalen Vorgehens – also eine Kombination aus Aufklärung, Optimierung der Akuttherapie, Prophylaxe sowie Behandlung von Komorbiditäten [1].
Diagnostik und Differenzialdiagnostik im Praxisalltag
Die Diagnose CM ist klinisch und basiert auf Anamnese sowie mittels Kopfschmerzkalender erfasster Kopfschmerzfrequenz. Eine strukturierte Erfassung der Kopfschmerztage, Migränetage, Akutmedikation und alltagsbezogener Einschränkung ist essenziell, um Therapieeffekte valide beurteilen zu können. Ergänzend sollten Warnzeichen aktiv ausgeschlossen werden (z. B. plötzlicher Beginn, progrediente neurologische Ausfälle, systemische Zeichen), da diese auf eine sekundäre Kopfschmerzursache hindeuten könnten. Bei chronischen Verläufen ist zudem die systematische Erhebung von MOH, Schlafstörungen, Angst/Depression und Schmerzchronifizierungsmerkmalen besonders relevant.
Therapieziele und Erfolgskriterien
Ziele der Behandlung sind nicht allein eine Reduktion der Kopfschmerztage, sondern ebenso die Senkung von Attackenschwere und Akutmedikationsbedarf, die Wiederherstellung von Funktionsfähigkeit sowie die Reduktion kopfschmerzbezogener Behinderung (z. B. HIT‑6, MIDAS). In der chronischen Migräne ist zudem die „Rekonversion“ in eine episodische Migräne ein wichtiges Ziel. Die Wirksamkeit einer Prophylaxe sollte erst nach ausreichender Behandlungsdauer (12–24 Monate) beurteilt werden, begleitet von strukturierter Verlaufskontrolle mittels Kopfschmerzkalender. Zu berücksichtigen ist, dass insbesondere bei CM ein Teil der Betroffenen erst verzögert auf die Therapie anspricht [1].
- Diener H-C et al. Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne. S1-Leitlinie (DGN/DMKG) 2025; abgerufen: 21.01.2026
- Headache Classification Committee of the IHS. Chronic Migraine. ICHD-3.
- Headache Classification Committee of the IHS. Medication-overuse headache (MOH). ICHD-3.
Quelle: Dieser Artikel ist in der neuro aktuell 3/26 erschienen. Zum ganzen Artikel kommen Sie hier.
Autor: S. Strauß



