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Psychologisches Erbe: Ein alter römischer Grenzwall beeinflusst die Deutschen bis heute

römisches Viadukt

Psychologisches Erbe: Ein alter römischer Grenzwall beeinflusst die Deutschen bis heute

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Erschienen in: neuro aktuell

In Deutschland gab es unterschiedliche Sozialisationen und Befindlichkeiten dies- und jenseits der Berliner Mauer bzw. der innerdeutschen Grenze, die bis heute fortwirken. Eine aktuelle internationale Studie, an der Wissenschaftler der Universität Jena beteiligt sind, zeigt nun, wie stark selbst eine fast zweitausend Jahre zurückliegende räumliche Trennung die Psychologie in der Gegenwart prägen kann: Der Limes bildet eine andere „psychologische Grenze“, die Deutschland teilt. Der Bereich südlich des römischen Grenzwalls weist laut Studienergebnissen höhere Werte in Lebenszufriedenheit, Lebenserwartung und damit verbundenen Persönlichkeitsmerkmalen (Big Five) auf als der nördliche Bereich. Überraschend klar zeichnet sich in diesen heutigen psychologischen Landkarten Deutschlands eine Grenze entlang des ehemaligen Limes ab.

Psychologisches Erbe sichtbar machen
„Während die ökonomische Forschung bereits seit längerem untersucht, wie die Römer langfristige Effekte auf die lokale Wirtschaftskraft hatten, ist unsere Studie neu, da sie diese Analyse nun auch auf die psychologischen Landkarten ausweitet. Die Studie deutet darauf hin, wie historische Ereignisse, die Tausende von Jahren zurückliegen, langanhaltende ,verdeckte‘ psychologische Auswirkungen auf die heutige Bevölkerung haben können“, sagt der leitende Forscher Martin Obschonka, der nach seinem Wechsel aus Jena nun Professor an der Universität Amsterdam ist. „Wir sehen darin einen psychologischen Langzeiteffekt des römischen Erbes in Deutschland – so wie Archäologen römische Ruinen ausgraben, vermuten wir, dass wir ein psychologisches Erbe in den Köpfen der Menschen sichtbar machen“, ergänzt Seniorprofessor Michael Fritsch von der Universität Jena. „Ein stabiler Faktor, der zur Erklärung dieser Unterschiede beiträgt, ist die regionale Variation von Persönlichkeitsmerkmalen wie Extraversion, Neurotizismus oder Gewissenhaftigkeit – welche mit psychologischem Wohlbefinden und Gesundheitsverhalten in Verbindung stehen“, erläutert Professor Michael Wyrwich (Jena und Groningen). Die Forschenden haben regionale Cluster solcher Persönlichkeitsmerkmale unterhalb des Limes identifiziert, die mit besserer Gesundheit und höherem Wohlbefinden verbunden sind und damit zur Aufrechterhaltung der regionalen Unterschiede in diesen Bereichen beitragen.

Psychologische Daten von mehr als 70.000 Befragten ausgewertet
In der aktuellen Studie wurden diejenigen heutigen deutschen Regionen verglichen, die von vor knapp zweitausend Jahren als Teil des römischen Reiches und daher von der römischen Kultur und Zivilisation tief beeinflusst wurden, mit jenen deutschen Regionen, die außerhalb des römischen Einflussbereichs blieben. Dafür verwendeten die Forschenden moderne statistische Methoden und psychologische Daten aus Umfragen mit insgesamt mehr als 70.000 Befragten. Im Ergebnis bestätigt die Untersuchung, dass die römische Besatzung ein bleibendes psychologisches Erbe hinterlassen hat: Die Menschen, die heute in den ehemaligen römischen Gebieten leben, berichten über eine höhere Lebenszufriedenheit und einen besseren Gesundheitszustand und haben auch eine höhere Lebenserwartung.
„Selbst nach Berücksichtigung neuerer historischer Faktoren und einer Vielzahl bestimmter regionalen Bedingungen – einschließlich Geologie, Klima und wirtschaftlicher Entwicklung – fanden wir einen eindeutigen Zusammenhang zwischen der lokalen römischen Prägung und einem heutigen psychologischen Profil in diesen einst römischen Regionen, das sich durch ein höheres Wohlbefinden auszeichnet: sowohl in Persönlichkeitsmerkmalen, wie höherer Gewissenhaftigkeit und Extraversion sowie geringerem Neurotizismus, als auch in größerer Lebenszufriedenheit und einer längeren Lebenserwartung“, sagt Martin Obschonka. Diese regionalen Muster wurden durch ein spezielles statistisches Verfahren, das die Grenzregionen entlang des Limes untersucht, weiter bestätigt.

Mechanismen des römischen Langzeiteffektes
„Die Studie legt nahe, dass die römischen lokalen Investitionen in wirtschaftliche Fortschritte wie das Straßennetz, die Märkte und Bergwerke entscheidend zu diesem Effekt beigetragen haben. Der Limeswall markierte daher die Grenze zwischen einer der fortschrittlichsten und einflussreichsten Zivilisationen der Geschichte und den vergleichsweise unterentwickelten germanischen Stämmen“, erklärt Michael Fritsch. Es gibt zahlreiche Beispiele, die zeigen, wie tief und dauerhaft nicht nur das römische Straßennetz und der damit verbundene Handel mit dem gesamten Römischen Reich, sondern auch die damals sehr fortschrittliche römische Kultur, die großen Wert auf Wohlbefinden und Gesundheit legte, die lokalen Gebiete nachhaltig prägten. „Die römische Besatzung hinterließ ein bedeutendes und dauerhaftes wirtschaftliches sowie kulturelles Erbe, das sich – so unsere Vermutung – nun auch in den psychologischen Landkarten widerspiegelt“.
Dass dieser Effekt so lange anhielt, lässt sich durch die menschliche Fähigkeit erklären, über Generationen hinweg auf kulturellen Fortschritten aufzubauen und regionale Kultur weiterzugeben. „Zudem wissen wir aus der ökonomischen Forschung, dass lokale wirtschaftliche Vorteile – die ihrerseits ihre Wurzeln in der Geschichte haben können – sich über lange Zeiträume hinweg als anhaltende Vorteile manifestieren“, so Michael Wyrwich.

Ergebnisse sind auf Limes-Regionen in den Niederlanden übertragbar

Die Studie prüfte auch, ob sich nicht nur in Deutschland, sondern auch in den Niederlanden entlang des Limes eine psychologische Grenze zeigt. „Wir konnten diesen Limes-Effekt auch in den Niederlanden zeigen. Zusammen mit den Befunden aus Deutschland zeigt dies, dass uns die Geschichte auf eine Weise prägt, die wir oft übersehen“, sagt Martin Obschonka. „Die psychologischen Grenzen, die wir heute bemerken, könnten ihre Wurzeln tief in der Vergangenheit haben. Antike Grenzen, aus Holz oder Stein wie der Limes, mögen längst verschwunden sein, doch ihre psychologische Wirkung kann über Jahrtausende fortbestehen – unsichtbar, aber dennoch bedeutsam, als psychologische Grenze“.

Beteiligt an der neuen Studie waren Forschende der Universitäten Amsterdam, Cambridge, Groningen, Jena, Texas und der Wirtschaftsuniversität Wien.

Zur Originalpublikation kommen Sie hier.

Bilderquelle: © André Franke

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