Vom 5.–7. Februar fand in Dortmund die 40. Arbeitstagung NeuroIntensivMedizin statt. Im Vordergrund der ANIM 2026 standen der interdisziplinäre Austausch, inspirierende Diskussionen und praxisrelevante Symposien zur Neurointensiv- und Notfallmedizin. Dazu nutzten rund 800 Teilnehmende aus 16 Nationen die Gelegenheit zu vielfältigen Begegnungen mit Kolleginnen und Kollegen u. a. aus Medizin und Pflege und setzten sich gemeinsam mit Themen aus der Stroke Unit, Neuro-ITS und in der Notfallversorgung auseinander.
An drei spannenden Kongresstagen wurden wissenschaftliche und praxisrelevante Themen in 59 Symposien und Sessions interdisziplinär und berufsgruppen-übergreifend von 198 Referierenden präsentiert. Die lebhaften Diskussionen reichten von klinischen Entscheidungsfragen über Pflegeperspektiven bis hin zu aktuellen Entwicklungen in Forschung und Versorgung. Weitere inspirierende Einblicke gab es in elf interprofessionellen Workshops, Skills Labs sowie e-Postervorträgen.
KI, „Gender Matters“ und Ausbildung im Fokus
Schwerpunkte des von Kongresspräsident Prof. Dr. Oliver Müller, Klinik für Neurochirurgie am Klinikum Dortmund, geleiteten Programms waren „Künstliche Intelligenz in der Neuro-Medizin“ mit Potenzialen und rechtlichen Aspekten, „Gender Matters“ zu geschlechtsspezifischen Behandlungspfaden in der Neurointensivmedizin sowie „Praxisorientierte Ausbildung“ mit qualitätsgesicherten Standards. Bedürfnisse und Bedingungen bei der Ausbildung in neurologischer Intensiv- und Notfallmedizin wurden im gleichnamigen Symposium ausgelotet. Ausgehend von Entwicklung und Status Quo der Ausbildung in Deutschland, ging es auch um Vergleiche mit Standards in anderen Ländern. Zudem präsentiert wurden Ansätze einer innovativen Aus- und Weiterbildung in Neurologischer Intensivmedizin.
„Die ANIM ist als ursprüngliche Arbeitsgemeinschaft der Neurointensivmedizin das optimale Forum, um sich auszutauschen und mit Ideen zu vernetzen“, betonte Prof. Müller auch anlässlich des Präsidentensymposiums als „ideale Gelegenheit zum Austausch über die brennenden Themen von Kostendruck, Personalmangel und Aufrechterhaltung einer höchsten medizinischen Qualität“.
Hirnfunktionsausfall und Organspende
Die Diagnostik des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls („Hirntod“) ist ein zentraler Bestandteil der Intensivmedizin. Die Deutsche Gesellschaft für NeuroIntensiv- und Notfallmedizin (DGNI) verfolgt das Ziel, durch evidenzbasierte Abläufe, strukturierte Entscheidungsprozesse und qualitätsgesicherte Standards ein Höchstmaß an diagnostischer Sicherheit und Transparenz zu gewährleisten.
Ein Programm-Höhepunkt war das von Dr. Svitlana Ziganshyna und Dr. Katja Wartenberg geleitete Symposium „Brain Death and Organ Donation“, das internationale Perspektiven aus den USA, den Vereinigten Arabischen Emiraten und aktuelle rechtliche Herausforderungen zusammenführte. Seit 2019 verantwortet Dr. Ziganshyna am Universitätsklinikum Leipzig den Aufbau einer Stabsstelle für Organspende, die maßgeblich zur Optimierung von Abläufen, Kommunikation und Qualität im Organspendeprozess beigetragen hat. Sie betonte bereits im Vorfeld den hohen Wert des interdisziplinären Austauschs: „Die Tagung schafft einen einzigartigen Raum, in dem hochspezialisierte neurointensivmedizinische Expertise, ethische Fragestellungen und rechtliche Rahmenbedingungen zusammengeführt werden. Gerade für die Organspende ist dieser interdisziplinäre Austausch entscheidend, da die Qualität der Diagnostik des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls und die Sicherheit der klinischen Entscheidungsprozesse die Grundlage für Vertrauen, Transparenz und Akzeptanz bilden.“
Mit Blick auf die kommenden Jahre erwartet Dr. Ziganshyna tiefgreifende Entwicklungen: „Wir werden eine stärkere Standardisierung und Digitalisierung der diagnostischen Prozesse sehen, begleitet von klareren klinischen Entscheidungspfaden. Parallel gewinnt die strukturierte, frühzeitige und multiprofessionelle Kommunikation mit Angehörigen weiter an Bedeutung. In der Spender- identifikation wird sich der Fokus weniger auf einzelne Kennzahlen, sondern stärker auf Prozessqualität, Verlässlichkeit und interprofessionelle Zusammenarbeit verschieben.“
Auch in der Diagnostik selbst hat sich viel bewegt – und ein dynamischer Fortschritt hält an: „In den vergangenen Jahren wurden insbesondere die diagnostischen Standards weiter präzisiert, Zusatzverfahren klarer eingeordnet und Fortbildungsstrukturen ausgebaut. Der nächste Schritt liegt in der konsequenten Umsetzung dieser Standards im klinischen Alltag, unterstützt durch strukturierte Schulungskonzepte, Simulationstrainings und eine stärkere Verankerung der Diagnostik des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls als Kernkompetenz der Neurointensivmedizin.“ Zu guter Letzt wurde der aktuelle Leitfaden zum IHA der Deutschen Gesellschaft für NeuroIntensiv- und Notfallmedizin (DGNI) interdisziplinär diskutiert.
Gehirnaktivitäten bei Komapatienten
Das Symposium „Coma: Inside and outside the box“ beleuchtete aktuelle Aspekte der Komaforschung. Die Präsentationen der rasch voranschreitenden Erkenntnisse über Cognitive Motors Dissociation (CMD), diagnostische Methoden mit EEG, Pupillometrie und Bildgebung sowie aktuelle Therapieansätze mit pharmakologischer, nichtinvasiver und invasiver Stimulation führten zu spannenden Diskussionen.
Erst seit kurzem werden komatöse Patientinnen und Patienten mit CMD beschrieben, die nicht auf äußere motorische Reize reagieren, bei denen es aber Hinweise auf ein erhaltenes Bewusstsein gibt. Dieses Phänomen wurde in dem Symposium ausführlich beleuchtet.
Während das Koma bisher als ein Zustand kompletter Bewusstlosigkeit definiert wurde, belegen nun neuere Studien, dass einige Komapatientinnen und -patienten zwar nicht mit Sprache oder Bewegung auf verbale Anweisungen reagieren, diese aber hören und verstehen können. Prof. Dr. Kirsten Möller, Kopenhagen, geht davon aus, dass etwa 15 % der Komapatienten bei Bewusstsein sind, dies aber nicht mitteilen können. Mithilfe von EEG und anderen computergestützten Techniken zur Hirnüberwachung identifiziert Dr. Jan Claassen, MD, von der Colombia University in New York Patienten mit schweren Hirnverletzungen, die bewusstlos wirken, deren Hirnaktivität aber einen wachen Zustand zeigt. Ziel der Studien ist es, diejenigen herauszufinden, die ihr Bewusstsein wiedererlangen können.
Darüber hinaus sind aber noch viele Fragen offen: Haben Komapatienten mit verborgenem Bewusstsein eine höhere Chance wieder aufzuwachen? Ist es vorstellbar, dass Patientinnen und Patienten mit Bewusstseinsstörungen so klar und wach sind wie ein gesunder Mensch? Die aktuellen Studien deuten darauf hin, dass mehr bewusstseinsgestörte Patienten als gedacht etwas von dem mitbekommen, was um sie herum vorgeht. Das wirft ein neues Licht auf die zentrale ethische Frage, wie lang eine Therapie bei Komapatienten fortgeführt werden sollte.
Der neurologische Notfall
Welche spezifischen notfallmedizinisch relevanten Krankheitsbilder erwarten Notärztinnen und Notärzte? Was sind die wichtigsten Leitsymptome? Was ist zu tun bei typischen neurologischen Notfällen? Unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Raimund Helbok, Linz, und Prof. Dr. Hagen B. Huttner, Dresden, wurde in der Session „Der neurologische Notfall: Do‘s and Don‘ts“ veranschaulicht, wie evidenzbasierte Entscheidungen Leben retten können – und welche Fehler es unbedingt zu vermeiden gilt. Mit Blick auf die Akutdiagnostik und Akuttherapie der wichtigsten neurologischen Notfallsituationen werden die wichtigsten Handlungsempfehlungen und Fallstricke anhand der neuesten wissenschaftlichen Datenlage praxisnah beleuchtet. Das Akutmanagement neurologischer Notfälle hat eine große prognostische Wertigkeit für Überleben und Langzeitmorbidität der Patientinnen und Patienten.
Anne Göttenauer
Quelle: 40. Arbeitstagung NeuroIntensivMedizin (ANIM) vom 5.–7. Februar 2026 in Dortmund



