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Visueller Thalamus: Nervenzellen mit beiden Augen in Kontakt

Visueller Thalamus: Nervenzellen mit beiden Augen in Kontakt

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Erschienen in: neuro aktuell

Wir haben zwei Augen, nehmen aber den Baum vor uns nur einmal wahr. Unser Gehirn hat demnach die komplizierte Aufgabe, aus der Information beider Augen ein sinnvolles, einheitliches Bild zu errechnen. Dafür gelangen die visuellen Reize von der Netzhaut (Retina) über Ganglienzellen zunächst zum visuellen Thalamus. Dort landet die Information aber nicht irgendwo, sondern in klar definierten Bereichen – je nachdem, welcher Typ retinaler Ganglienzelle sie transportiert und von welchem Auge sie kommt. Reize des rechten und linken Auges sind im visuellen Thalamus klar getrennt und werden so auch zum visuellen Kortex weitergeleitet. Erst in dieser Gehirnregion wird die ankommende Information zu einem Bild kombiniert – so zumindest die bisher angenommene Theorie.

Neuere anatomische Studien beschreiben allerdings, dass überraschend viele Nervenzellen im visuellen Thalamus der Maus Kontakt zu beiden Augen haben. Trifft die Trennung der Informationskanäle „linkes Auge“ und „rechtes Auge“ in der Maus also nicht zu? Wissenschaftler aus der Abteilung von Tobias Bonhoeffer hatten sich zum Ziel gesetzt, diese neu aufgeworfene Frage genauer zu beleuchten. Sie entwickelten eine optogenetische Messmethode weiter, sodass sie Ganglienzellen beider Augen nacheinander mit Licht unterschiedlicher Farbe aktivieren und die entsprechenden elektrischen Reaktionen in einer Thalamus-Zelle messen konnten.

Diese Untersuchungen zeigen, dass tatsächlich eine Vielzahl der Nervenzellen im visuellen Thalamus Input von beiden Netzhäuten erhält. Doch interessanterweise gibt es nur sehr wenige Zellen, in denen sich die Signalstärken beider Augen ähneln. In den meisten Zellen dominiert ein Auge mit einer weitaus höheren Antwortstärke. Die schwachen Signale des nicht-dominanten Auges lösten im Experiment kein Aktionspotential aus und spielen somit keine große Rolle in der Informationsverarbeitung. „Mit diesen Ergebnissen können wir die teils widersprüchlichen Ergebnisse vorangegangener Forschungsarbeiten erklären,“ sagt Tobias Rose, Leiter der Studie. „Die Nervenzellen im visuellen Thalamus gehen zwar Verknüpfungen mit beiden Augen ein, funktional sind sie aber monokular, also sozusagen einäugig. Das heißt, nur die Signalstärke eines Auges ist so hoch, dass die Zellen auch darauf reagieren.“

Die räumliche Anordnung der Netzhaut- und Thalamus-Zellen und die daraus resultierenden Kontaktmöglichkeiten allein können die funktionale Monokularität nicht erklären. Stattdessen zeigten die Wissenschaftler, dass Thalamus-Zellen selbst bei gleichem Zugang zu beiden Augen meist nur mit einem Auge funktionale Verknüpfungen aufbauen. Demnach findet eine klare Auswahl bezüglich der Input-Quelle statt. Zusätzlich zu diesem Mechanismus scheinen sich die Kontaktstellen mit dem dominanten Auge zu verstärken, während die des nicht-dominanten Auges in einem unausgereiften Status verharren.

Zukünftige Untersuchungen sollen nun aufdecken, wie das dominante Auge festgelegt wird und ob dieser Mechanismus auch bei unterschiedlichen Ganglienzelltypen greift. Einen weiteren interessanten Forschungsansatz bieten die unausgereiften Kontaktstellen. Auf den ersten Anschein ohne große Funktion, stellt sich die Frage, ob sie bei Bedarf aktiviert werden könnten – und damit zum Beispiel eine Rolle bei der Amblyopie, einer Form der Sehschwäche, spielen.

Mit ihrer Studie belegen die Forscher, dass im visuellen Maus-Thalamus die Reizweiterleitung doch in separaten Informationssträngen erfolgt und damit vermutlich ähnlich wie im Menschen. Zudem wird deutlich, dass anatomische Datensätze mitunter vorsichtig zu interpretieren sind: Nur weil Nervenzellen in Kontakt stehen, bedeutet es nicht, dass sie auch ausgiebig miteinander kommunizieren.

Originalpublikation:

Bauer J et al. Limited functional convergence of eye-specific inputs in the retinogeniculate pathway of the mouse. Neuron 2021; S0896-6273(21)

Quelle: Max-Planck-Institut für Neurobiologie

Bilderquelle: © MPI für Neurobiologie/Kuh

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