Smartphones können die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und soziale Interaktionen abrupt unterbrechen, was besonders für frühe Interaktionen zwischen Eltern und Säuglingen kritisch ist. Säuglinge benötigen zur Regulierung emotional verfügbare Bezugspersonen. Es ist wenig darüber bekannt, wie sich die Smartphone-Nutzung durch Mütter auf die physiologischen und verhaltensbezogenen Stressreaktionen von Müttern und Säuglingen während der frühen Interaktionen auswirkt. Dieser Frage gingen Dinzinger et al. in einer in der Zeitschrift Infancy erschienenen, rezenten Studie nach.
Einleitung
Die allgegenwärtige Smartphone-Nutzung der Eltern unterbricht immer mehr die Interaktionen mit ihren Kindern. Die Eltern wenden die Aufmerksamkeit von ihrem Kind ab, um diese Geräte für Kommunikation, Informationssuche oder Unterhaltung zu nutzen. In Studien konnte bei Computer- und Smartphone-Nutzung ein vermindertes Verbundenheitsgefühl gegenüber Personen in der unmittelbaren Umgebung nachgewiesen werden, sowie eine länger andauernde Abkopplung von der Umgebung. Der Begriff »Technoferenz« beschreibt diese technologiebedingten Unterbrechungen sozialer Interaktionen, welche neuen Erkenntnissen zufolge die Erziehung und das Verhalten von Kindern negativ beeinflussen.
In den ersten Lebensjahren sind Kinder auf emotional verfügbare Bezugspersonen angewiesen, um ihre körperlichen und emotionalen Bedürfnisse zu befriedigen. Es gibt vermehrt Hinweise darauf, dass sich die digitale Mediennutzung der Eltern auf Interaktionen mit ihren Kindern sowie auf das Verhalten und die Emotionsregulation von Säuglingen negativ auswirkt. Eine geringere Mutter-Kind-Bindungsqualität, schlechtere Selbstregulierung, Reaktionshemmung, vermehrt Verhaltensprobleme und eine schwächere Wortschatzentwicklung werden beschrieben. Im Vergleich zu anderen Unterbrechungen scheint sich die Nutzung von Smartphones negativer auf das kindliche Verhalten und die physiologische Erregung auszuwirken.
Darüber hinaus wurde berichtet, dass Kinder auch ihr interaktives Verhalten als Reaktion auf die Smartphone-Nutzung ihrer Eltern anpassen. Sie zeigen vermehrt aufmerksamkeitssuchendes Verhalten, drücken verstärkt negative Emotionen aus oder zeigen Anzeichen von Rückzug. Diese Verhaltensweisen von Kleinkindern sind vergleichbar mit jenen bei völligem Ignorieren, wie beispielsweise während des »Still-Face-Experiments« (»Eingefrorenes-Gesicht-Experiment«). Das Still-Face-Paradigma dient der Untersuchung der Verhaltens- und physiologischen Reaktionen des Säuglings auf vorübergehende Störungen in der Reaktionsfähigkeit der Bezugsperson. Es ruft eine Zunahme der Erregung und des Stresses hervor. Nach dieser Unterbrechung der Interaktion zeigen die Säuglinge Erholung und Regulationsreaktionen. Studien zufolge zeigen Eltern während der Smartphone-Nutzung in etwa 77 % der Fälle ein Still-Face-Verhalten.
Die Nutzung von Smartphones durch Eltern ruft außerdem unmittelbare physiologische Reaktionen bei beiden Interaktionspartnern hervor. Die Herzfrequenz und die respiratorische Sinusarrhythmie (RSA) der Eltern stehen in engem Zusammenhang mit emotionaler Verfügbarkeit und Sensibilität.
Jedoch ist nur wenig darüber bekannt, wie die Smartphone-Nutzung durch Mütter während der frühen Interaktionen das Verhalten und die autonomen Stressreaktionen von Müttern und Säuglingen beeinflusst. Dieser Frage gingen Dinzinger et al. in der referierten Studie nach. Die Forschenden wählten einen multimethodischen Ansatz, der Messungen von Verhalten und physiologischen Reaktionen kombiniert. Beobachtet wurden unter anderem Blickkontakt, Sprache und Berührung der Mütter sowie Protest, Weinen und Selbstregulationsverhalten der Babys.
Methodik
Insgesamt wurden 67 Mutter-Säuglings-Paare in lokalen Spielgruppen, Kinderarztpraxen, Babyfachgeschäften und über Anzeigen in sozialen Medien rekrutiert. Am Ende ergab sich eine Stichprobe von 65 Müttern (Mittelwert [M] = 32 Jahre, Standardabweichung [SD] = 3,96) und ihren Kindern (59 % Mädchen; M = 6 Monate, SD = 1,93). Alle Mütter lebten in einer festen Beziehung. Es wurden nur Mütter über 18 Jahre und Kinder, die termingerecht geboren wurden und keine bekannten neurologischen Beeinträchtigungen aufwiesen, einbezogen. Die Daten für diese Studie wurden zwischen 2019 und 2021 erhoben.
Sowohl Mütter als auch Säuglinge wurden mit tragbaren Bluetooth-EKG-Rekordern ausgestattet, um ihre Herzfrequenz zu überwachen und in einem 360-Grad-Videolabor während eines modifizierten Still-Face-Paradigmas, das insgesamt 5 Phasen umfasste, beobachtet:
1. eine Freispiel-Interaktionsbedingung, bei der die Mütter angewiesen wurden, mit ihrem Kind ohne Spielzeug zu spielen (Interaktions-Baseline)
2. eine Stillface-Unterbrechung, bei der die Mütter angewiesen wurden, ohne jegliche Mimik oder Reaktion über ihr Kind hinwegzuschauen
3. eine anschließende »Reunion«, die Wiedervereinigung, bei der die Mütter wieder mit ihrem Kind interagierten
4. eine Smartphone-Unterbrechung, bei der die Mütter ein Kreuzworträtsel auf einem vom Versuchsleiter bereitgestellten Smartphone lösten; die Mütter wurden angewiesen, das Telefon wie gewohnt zu benutzen, und durften den körperlichen, verbalen und visuellen Kontakt zu ihrem Kind aufrechterhalten
5. eine anschließende Reunion
Die Reihenfolge der Stillface- und Smartphone-Bedingungen wurde randomisiert, um Sequenzeffekte zu kontrollieren und Verzerrungen durch vorherige Unterbrechungen zu vermeiden. Jede Bedingung dauerte 2 Minuten, außer wenn die Kinder starkes Unbehagen zeigten (z. B. Protest oder Weinen), in diesem Fall wurde die Dauer verkürzt. Die Messung der Herzfrequenz erfolgte mittels EKG. Das Protest- und Selbstregulierungsverhalten der Säuglinge sowie das Co-Regulierungsverhalten der Mütter wurden anhand von Videoaufzeichnungen Bild für Bild kodiert (Mikrokodierung).
Die Auswirkungen von Smartphones auf die physiologische und verhaltensbezogene Dynamik von Müttern und Säuglingen wurden mithilfe linearer gemischter und dynamischer Strukturgleichungsmodelle (DSEM) analysiert. Zeitliche Kopplungseffekte in Mutter-Kind-Dyaden wurden mittels DSEM untersucht, um dynamische Prozesse über die Zeit zu modellieren. Die Forschenden schätzten zeitverzögerte Zusammenhänge mit einer Auflösung von 1 Sekunde zwischen dem Verhalten von Mutter und Kind und der Herzaktivität. Dadurch konnte untersucht werden, ob Veränderungen im Verhalten der Mutter Veränderungen im Verhalten oder in der Erregung des Kindes vorhersagten und umgekehrt.
Resultate
Reaktionen der Säuglinge auf Unterbrechungen sozialer Interaktionen
Die Säuglinge zeigten während der Smartphoneunterbrechung deutlich mehr Protestverhalten (estimated marginal means/geschätzte marginale Mittelwerte [EMM] = 0,26) als während der Interaktions-Baseline (EMM = 0,06, p <0,001). Während der Unterbrechung durch die Smartphone-Phase war außerdem die Herzfrequenz erhöht (d. h. niedrigeres Interbeat-Intervall [IBI]) (EMM = 425) im Vergleich zur Baseline (EMM = 438, p <0,001), was auf erhöhten physiologischen Stress hindeutet. Die respiratorische Sinusarrhythmie (RSA) (ein Index der parasympathischen Regulation; betrifft Aufmerksamkeitszuwendung und Affektregulation) war während der Smartphone-Unterbrechung (EMM = 3,54) signifikant niedriger als während der Interaktion zu Beginn (EMM = 3,63, p <0,001). Höhere RSA-Werte spiegeln eine stärkere parasympathische Aktivität und physiologische Regulation wider, der Rückgang scheint im Zusammenhang mit der Nichtverfügbarkeit der Eltern zu stehen. Die Säuglinge zeigten während der Smartphone-Unterbrechung ein signifikant geringeres selbstregulierendes Verhalten als während der Baseline.
Die Säuglinge zeigten während der Stillface-Phase im Vergleich zur Smartphone-Phase deutlich mehr Protest- (EMM = 0,32, p <0,001) und selbstregulatorisches Verhalten (EMM = 0,21, p <0,001) sowie eine höhere Herzfrequenz (EMM = 420, p <0,001). Im Gegensatz dazu war jedoch die RSA während der Smartphone-Phase im Vergleich zur Stillface-Phase signifikant niedriger.
Reaktionen der Mutter
Der Blickkontakt der Mütter war während der Smartphone-Phase und der Still-Face-Phase im Vergleich zur Interaktions-Baseline signifikant reduziert, und die Blickkontakte-Level während beider Reunion-Phasen waren ähnlich (p = 0,89). Diese Ergebnisse stützen die Hypothese, dass der Blickkontakt der Mutter während der Smartphone-Nutzung erheblich abnimmt, während der Reunion jedoch wieder auf den Ausgangswert zurückkehrt.
Die mütterliche Berührung nahm gegenüber dem Ausgangswert sowohl während der Unterbrechung durch das Still-Face als auch in geringerem Maße während der Unterbrechung durch das Smartphone signifikant ab. Während der Reunion-Phase nach der Unterbrechung durch das Still-Face nahm die Berührung im Vergleich zum Ausgangswert signifikant zu. Dies war nach der Still-Face-Unterbrechung nicht der Fall, wo die Berührungen der Mutter wieder auf das Ausgangsniveau zurückkehrten. Die Lautäußerungen der Mütter variierten erheblich zwischen den Phasen (p = 0,01). Sie waren während der Smartphone-Phase (EMM = 0,31) und der Still-Face-Phase (EMM = 0,02) stark reduziert im Vergleich zur Baseline (EMM = 0,88, beide ps <0,001).
Dyadische Effekte zwischen Müttern und Säuglingen
Die Unterbrechungen hatten Einfluss auf die enge, wechselseitige Zweierbeziehung (Dyade) zwischen Mutter und Kind, die durch emotionale Bindung, aufeinander abgestimmte Handlungen und Interaktionen geprägt ist.
Bei der Untersuchung der dynamischen Effekte zwischen dem Verhalten von Müttern und Säuglingen zeigte sich, dass während der Basisinteraktionsphase eine Zunahme der mütterlichen Lautäußerungen mit einem Rückgang der Proteste des Säuglings verbunden war (b = -0,037, KI = -0,057 bis -0,017). Die Forschenden fanden außerdem eine Herzfrequenzkopplung, sodass während der Still-Face-Phase eine geringe mütterliche Herzaktivität mit einer erhöhten Herzaktivität des Säuglings verbunden war (b = -0,021, KI = -0,037 bis -0,005) und umgekehrt eine geringe Herzaktivität des Säuglings zu Beginn mit einer nachfolgenden erhöhten Herzaktivität der Mutter verbunden war (b = -0,033, KI = -0,047 bis -0,019).
Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Reaktionen von Mutter und Kind zeitlich leicht versetzt, aber aneinandergekoppelt sind – jedoch gegenläufig.
Diskussion
Dinzinger et al. konnten in ihrer Studie zeigen, dass Säuglinge während der Smartphone-Nutzung der Mütter ein signifikant erhöhtes Protestverhalten, eine höhere Herzfrequenz und eine verringerte parasympathische Aktivität entwickelten. Die Mütter reduzierten in dieser Phase ihr soziales Engagement (d. h. Blickkontakt, Berührungen, Lautäußerungen), begleitet von einer erhöhten parasympathischen Aktivität und einer verringerten physiologischen Erregung, die auch während der Reunion niedriger blieb. Während der Still-Face- und Smartphone-Unterbrechungen stellten die Forschenden eine dyadische physiologische Kopplung fest – unmittelbar danach veränderten sich die Herzfrequenzen beider. Eine dyadische Verhaltenskopplung wurde nur während der Basisinteraktion beobachtet.
Weniger Interaktionen der Mutter lösten beim Säugling Protestverhalten und selbstregulierendes Verhalten aus. Diese Reaktionen waren besonders intensiv, wenn die Kinder den Grund der Unterbrechung nicht kannten, was beim Ignorieren des Babys der Fall war (Still-Face-Unterbrechung). Dies steht im Einklang mit rezenten Erkenntnissen, dass Säuglinge unterschiedlich reagieren, wenn Interaktionsstörungen eine sichtbare Ursache haben.
Wie erwartet nahm das interaktive Verhalten der Mutter (d. h. sozialer Blickkontakt, Berührungen, Lautäußerungen) während der Smartphone-Unterbrechung erheblich ab. In den Reunion-Phasen nach beiden Unterbrechungen erholte sich das Blickverhalten wieder. Der Blick scheint ein wichtiger Kanal zu sein, um nach Beziehungsstörungen wieder Kontakt aufzunehmen. Während Berührungen und Sprache sich bei den Reunionen ebenfalls erholten, waren beide während der Still-Face-Reunionen signifikant höher als während der Smartphone-Reunion. Die Forschenden erklären die ausgeprägteren Bemühungen nach der Still-Face-Phase dadurch, dass dies eine künstlichere und unangenehmere Art der Unterbrechung ist.
Überraschenderweise zeigten die Säuglinge während der Smartphone-Unterbrechung weniger selbstregulatorisches Verhalten als zu Beginn, was im Gegensatz zu aktuellen Erkenntnissen zu Smartphone-Unterbrechungen steht. Dinzinger et al. weisen hier darauf hin, dass Mütter in ihrer Studie mit ihren Säuglingen sprechen und sie berühren durften, was möglicherweise deren Belastung verringerte.
Limitationen und Stärken der Studie
Lt. Dinzinger et al. hatte ihre Forschungsarbeit mehrere Stärken, darunter der multimethodische Ansatz, welcher Verhaltensbeobachtungen mit physiologischen Messungen der Herzaktivität kombiniert. Die Bild-für-Bild-Verhaltenskodierung in Verbindung mit einer kontinuierlichen EKG-Aufzeichnung ermöglichte außerdem die detaillierte zeitverzögerte Analyse der dynamischen Mutter-Kind-Interaktionsprozesse.
Die Autorinnen und Autoren führen u. a. folgende Einschränkungen an: Die Laborumgebung gewährleistete zwar die Kontrolle des Experiments, reduzierte jedoch die ökologische Validität, also die Bedeutung der Resultate für das Alltagsgeschehen. Die Verwendung eines standardisierten, stummgeschalteten Smartphones ohne Benachrichtigungen und persönliche Inhalte machte die Unterbrechung wahrscheinlich weniger interessant als durch das eigene Gerät der Mutter im Alltag. Ihre Studie konzentrierte sich auf unmittelbare Verhaltens- und physiologische Reaktionen der Unterbrechungen, ohne mögliche langfristige Folgen für die Stressregulation von Säuglingen, die sozio-emotionale Entwicklung oder Beziehungsergebnisse zu bewerten.
Conclusio
Die Resultate der vorliegenden Studie von Dinzinger et al. zeigen die störenden Auswirkungen der Smartphone-Nutzung durch Mütter auf. Dies gilt besonders für das frühe Säuglingsalter, wenn die Stressregulationsfähigkeiten noch in der Entwicklung sind. Die Forschungsgruppe betont, dass sich zukünftige Forschung auf Schutzmechanismen und Interventionsstrategien konzentrieren sollte, um die Folgen von Technoferenz und elterlicher Smartphone-Nutzung zu minimieren. Dies könne beispielsweise durch Medienerziehung, Sensibilisierung der Eltern und gezielte, familienzentrierte Interventionen geschehen. Darüber hinaus seien Längsschnittstudien im alltäglichen familiären Umfeld erforderlich, um potenzielle kumulative Auswirkungen von wiederholten Smartphone- Unterbrechungen auf die frühe sozio-emotionale Entwicklung beurteilen zu können.
Originalpublikation: Dinzinger A, Greif E, Speyer L, Wittling RA, Brisch KH, Priewasser B, Markova G. Tiny Screens, Big Impact: Effects of Maternal Smartphone Use on Maternal and Infants‘ Physiological and Behavioral Stress and Interaction Dynamics. Infancy 2025; 30: e70056. doi: 10.1111/infa.70056.
(chg)



