Nach dem 2020 im Gemeinsamen Bundesausschuss gescheiterten ersten Versuch zur Modernisierung der Früherkennung des Prostatakarzinoms läuft seit Herbst 2025 der zweite Anlauf. Allerdings droht nun die Wiederholung des Alptraums von 2020, denn der IQWIG-Vorbericht findet wieder keinen Nutzen des risikoadaptierten PSA- und MRT-Screenings, weil angeblich langfristige Daten fehlen würden. Droht eine erneute Verzögerung?
Den Stein ins Rollen brachten im Sommer 2025 die Patientenvertretung im G-BA in Gestalt von Ernst-GüntherCarl vom Bundesverband Prostatakrebs Selbsthilfe e. V. sowie des unparteiischen G-BA-Vorsitzenden Prof. Josef Hecken. Ihre Intervention hatte das Thema am 16. Oktober 2025 wieder auf die Tagesordnung des G-BA gebracht. Hecken selbst hoffte auf Studien, „die zeigen, dass sich durch die zusätzliche Abklärung mit einer MRT-Untersuchung unerwünschte Überdiagnosen und falsch-positive Screening-Befunde reduzieren lassen.“
Unglückliche Fragestellung und zu kurzes Follow up
Dabei wollten die Deutsche Gesellschaft für Urologie und die Arbeitsgemeinschaft Urologische Onkologie (AUO) alles tun, um die Fehler von 2020 zu vermeiden. Der Antrag an den G-BA sollte besser formuliert werden, und auch die Studienlage schien 2025 deutlich besser. „Jetzt gibt es ein längeres Follow up der großen Studien“, berichtete der damalige DGU-Generalsekretär Prof. Maurice Stephan Michel. J. Hugosson et al. hatten 2022 in European Urology (2022; 82(4): 351 – 359) in der European Randomised Study of Screening for Prostate Cancer (ERSPC) untersucht, wie sich die Mortalität des Prostatakarzinoms bei organisiertem bzw. opportunistischem Screening entwickelt. Sie konnten zeigen, dass sich die Mortalität nur bei organisiertem Screening verringert.
Ivo De Vos, A. Meertens und R. Hogenhout publizierten 2023 in European Urology (84(4):426 – 434) Daten zur Auswirkung des PSA-basierten Screenings bei 55- bis 69-jährigen Männern. Das Ergebnis auf der Grundlage der ERSPC-Daten sprach für sich: Sowohl die durch ein Prostatakarzinom assoziierte Mortalität als auch die Metastasierungsraten und die Behandlungskosten können reduziert werden. Es geht also nicht nur um den Tod, sondern auch um die Lebensqualität und die durch systematische Therapien verursachten Kosten. Zudem schien mit der Kombination aus risikoadaptierter Methode, PSA-Bestimmung und Absicherung durch die Magnetresonanztomografie endlich die Formel für den G-BA-Erfolg gefunden.
Es gab auch gleich den passenden Algorithmus, der auf der PSA-Basis zwischen den verschiedenen Risikostufen differenziert und einen neuen Cut-off-Wert von 3,0 ng / ml Blut definiert. Bei wiederholter Messung über 3 ng ist eine urologische Konsultation erforderlich. Mit verschiedenen Faktoren erfolgt dann eine neuartige Risiko-Bewertung. Hier fließen Faktoren wie Alter, Anamnese, mutmaßliche Lebenserwartung, familiäre Belastung, digital-rektale Untersuchung sowie die Ultraschall-gestützte PSA-Dichte ein – letzteres, weil eine hinreichende Sicherheit der Prostatagröße und der PSA-Dichte erreicht wird.
Also beauftragte der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) zum zweiten Mal das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) mit der Nutzenbewertung. Dies geschieht im Vergleich zu keiner spezifischen Prostatakarzinom-Früherkennung bei Personen im Alter von 50 bis 70 Jahren ohne Verdacht auf ein Prostatakarzinom.
Tristes Fazit mit bekannten Argumenten
Vor einer erneuten Phase der Stellungnahmen und dem Abschlussbericht mit der Empfehlung an den G-BA kam vergangene Woche der Zwischenbericht mit ernüchternd negativer Quintessenz. Dabei überraschte, dass die Begründung bekannt erschien und kritische Fragen aufwarf. „Es gibt noch keine Daten zu den langfristigen Effekten eines Prostatakrebsscreenings mittels PSA und MRT gegenüber keiner Früherkennung“, fasste das IQWIG zusammen. Kurzzeitergebnisse aus Studien zeigten jedoch, dass der Einsatz der MRT zusätzlich zum PSA-Test die Biopsieraten senkt, die Zahl falsch-positiver Screeningbefunde verringert und zu weniger biopsiebedingten unerwünschten Ereignissen führe. Ferner reduziere die MRT zusätzlich zum PSA-Screening die Zahl klinisch insignifikanter Krebsdiagnosen, ohne dass erkennbar wäre, dass klinisch signifikante Krebsfälle übersehen würden.
IQWIG erkennt „Potenzial der Methode“
„Insgesamt lässt sich daher kein Nutzen für ein PSA- / MRT-Screening ableiten, aus den kurzfristigen Vorteilen der Kombination aus PSA und MRT ergibt sich jedoch ein Potenzial der Methode“, unterstreicht das IQWIG. Wenn Personen ohne Hinweise auf ein klinisch signifikantes Karzinom durch die MRT-Triage häufiger von einer Biopsie ausgenommen werden können, könnte sich die Zahl der Überdiagnosen und -therapien verringern. Dies wiederum könnte sich langfristig in einem positiven Nutzen-Schaden-Verhältnis für ein PSA- / MRT-Screening gegenüber keinem Screening niederschlagen. „Das setzt jedoch voraus, dass ein Screening aus PSA und MRT die Mortalität ähnlich gut oder besser senkt als ein reines PSA-Screening, für das eine Senkung der krebsspezifischen Mortalität bereits nachgewiesen ist. Daten, die das belegen könnten, fehlen noch. Derzeit laufen jedoch zwei Studien, die in den kommenden Jahren direkte Evidenz hierzu erwarten lassen“, begründet das IQWIG eine mittelfristige Hoffnung auf eine positivere Bewertung.
Der IQWIG-Vorbericht bezieht sich auf laufende Studien wie Göteborg-2 und ProScreen, die in den kommenden Jahren belastbare Ergebnisse zu patientenrelevanten Endpunkten wie Mortalität liefern könnten. Allerdings werde die ProScreen-Studie voraussichtlich erst 2033 Daten zur prostatakarzinomspezifischen Mortalität veröffentlichen können. Das wäre für dieses G-BA-Verfahren wahrscheinlich zu spät. Die kurzfristigen Daten zeigen immerhin, dass der Einsatz der MRT zusätzlich zum PSA-Test die Biopsieraten senkt, die Zahl falsch-positiver Screeningbefunde verringert und zu weniger biopsiebedingten unerwünschten Ereignissen führt. In Studien mit Kurzzeitergebnissen wie Göteborg-2 und STHLM3-MRI lag die Rate falsch-positiver Befunde beim PSA plus MRT-Screening deutlich niedriger als beim reinen PSA-Screening (z. B. 1,0 % vs. 3,4 % in Göteborg-2).
Reduktion von Überdiagnosen und Übertherapien möglich
Die MRT kann laut IQWIG helfen, klinisch insignifikante Tumoren besser zu erkennen und unnötige Biopsien zu vermeiden. Dadurch könnten Überdiagnosen und daraus folgende Übertherapien reduziert werden, ohne dass klinisch signifikante Krebsfälle übersehen werden. So deuten Modellierungen laut IQWIG-Vorbericht darauf hin, dass mit MRT die Zahl der Überdiagnosen um knapp 30 % gesenkt werden könnte. Insgesamt kommt das IQWiG nicht zu dem Schluss, dass ein risikoadaptiertes PSA-/MRT-Screening unwirksam oder schädlich ist. Vielmehr lautet die Kernaussage: „Der patientenrelevante Nutzen kann derzeit nicht belegt werden, weil die Evidenz nicht ausreicht, um zu zeigen, dass die Vorteile des MRT-basierten Vorgehens die bekannten Schäden des PSA-Screenings tatsächlich überwinden.“ Die vorhandenen Studien erlauben also derzeit keinen belastbaren Nachweis eines günstigen Nutzen-Schaden-Verhältnisses.
Diffuses Gesamtbild der RAS-Bewertung
Wie ist der aktuelle Stand? In wissenschaftlicher Hinsicht besteht ein siginifikanter Widerspruch zwischen DGU und IQWIG bei langfristigen Daten zu RAS. Während die Fachgesellschaft die Datenlage bereits im Herbst 2025 für ausreichend und antragsreif hielt, spricht das IQWIG neun Monate später von fehlenden langfristigen Daten und verweigert zumindest derzeit eine positive Bewertung des RAS. In politischer Hinsicht entsteht wiederum der Eindruck, dass das das IQWIG verzögern möchte und aktuell auf der Bremse steht. Für die Patienten sind das keine guten Nachrichten.
Es grüßt Sie herzlich
Ihr Franz-Günter Runkel, Chefreporter UroForum



