Zur Erklärung des süchtigen Glücksspiels liegt keine einheitliche Störungstheorie vor. Alternative Modellvorstellungen betonen einzelne Aspekte des Phänomens. Vertreter sind das entwicklungspsychopathologische, suchttheoretische und kognitive Modell sowie der Lebensstilansatz, das Vulnerabilitäts- und das Pfadmodell.
Die innerhalb der traditionellen Psychiatrie vertretene Unheilbarkeit der Glücksspielsucht wurde zuerst von der klassischen Psychoanalyse infrage gestellt. Es bestand jedoch eine deutliche Skepsis bezüglich der Behandlungsmöglichkeiten fort, da es sich nach psychoanalytischer Auffassung bei der Glücksspielsucht um eine frühe Störung handelt, die mit Einschränkungen der Ich-Funktionen verbunden ist und aufgrund einer korrespondierenden Störung der Lust-Unlust-Regulation eine geringe Veränderungsmotivation angenommen wurde. Die psychoanalytischen Konzepte über die Glücksspielsucht spiegeln von ihren Anfängen bis heute die theoretische Weiterentwicklung der Psychoanalyse wider. Ursprünglich waren dies triebtheoretische Vorstellungen, wonach es sich um eine Regression auf frühe Stufen der Libidoentwicklung handelt, während aktuell objektpsychologische Annahmen, die das süchtige Glücksspielen als Selbstheilungsversuch vor dem Hintergrund einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung ansehen, vertreten werden. Danach dient das Glücksspielverhalten dazu, Ich-Defizite, die aus der Frustration des frühkindlichen Bedürfnisses nach elterlicher Zuwendung entstanden sind, zu bewältigen, was jedoch zu einer Störung der Affektregulation und damit süchtigen Impulshandlungen führt. Am bekanntesten ist der Interpretationsversuch des amerikanischen Psychiaters Bergler, der sich auf die Behandlung von mehr als sechzig „pathologischen Glücksspielern“ bezieht.
Anhand seiner Stichprobe von Karten- und Würfelspielern, Roulettespielern, Pferdewettern und Börsenspielern beschreibt er die typischen Merkmale der behandelten Glücksspieler. Unter Abgrenzung von unproblematischen Formen des Glücksspielens charakterisiert er die Zuspitzung des Glücksspielverhaltens als nicht mehr überwindbare Teufelskreise, die am Ende alle Lebensbereiche zerstörerisch erfassen. Im Mittelpunkt stehen die ausgeprägte Selbstwertproblematik mit einer nach außen gerichteten Fassade von Pseudoaggressivität, der beim Glücksspielen erlebte lustvoll-schmerzhafte Erregungszustand, die Rationalisierungsversuche und magische Denkweisen als Reaktion auf negative Konsequenzen des Glückspielens, die ausgeprägten Allmachts- und Gewinnfantasien, verbunden mit einer sozialen Vereinigung und Entfremdung, die herausragende Bedeutung des Geldes für das Selbstwertgefühl sowie das gleichzeitige Auftreten affektiver und sexueller Störungen oder stoffgebundener Süchte. Bergler führt den negativen Entwicklungsverlauf und die vielfältigen Facetten der Glücksspielproblematik auf einen „psychischen Masochismus“ als Kernursache zurück. Dem „pathologischen Glücksspieler“ ist es in seiner Entwicklung nicht gelungen, seine reale Begrenztheit anzuerkennen, sodass unbewusste Größenfantasien fortbestehen. Aufgrund der damit verbundenen Aggressionen gegen die Eltern mit daraus resultierenden Schuldgefühlen besteht eine Tendenz zur Selbstbestrafung in Form des unbewussten Wunsches nach Verlust. Der lustvoll-schmerzhafte Erregungszustand beim Glücksspielen erklärt sich aus den lustvoll aggressiven Größenfantasien auf der einen Seite und der schmerzhaften Erwartung einer gerechten Bestrafung auf der anderen Seite.
Bei diesen Annahmen handelt es sich um eine Überinterpretation, die versucht, alle äußeren Erscheinungsformen eindimensional auf eine psychische Tiefenstruktur zurückzuführen, wobei die bewussten Motive wie das Streben nach Erfolg und Gewinn, die Vertreibung von Langeweile, die Bewältigung negativer Gefühle sowie verzerrte Denkmuster und defensive Verhaltensstrategien allein als Symptome eines unbewussten Strebens nach Bestrafung und Verlust begriffen werden. Im Falle Berglers werden die Fallgeschichten entsprechend immer wieder in Form glaubwürdiger Gendergeschichten über den „unbewussten Wunsch zum Verlieren“ präsentiert, so als handele es sich um ein tatsächliches Geschehen, an dessen Wahrheitsgehalt nicht zu zweifeln sei. Von Spence wurde diese Form der Falldarstellung als narrative Metapher analysiert, die in der Sherlock-Holmes-Tradition steht: Therapeutinnen und Therapeuten werden mit einem bizarren Symptombild konfrontiert und sind als einzige in der Lage, die Lösung des Puzzles zu finden, indem sie die unvollständige Beweiskette durch scheinbar plausible Überlegungen schließen. Eine klinische Vergleichsstudie von süchtigen Glücksspielern mit Alkoholkranken und psychosomatisch Erkrankten belegt die ausgeprägte psychopathologische Auffälligkeit von behandelten Glücksspielern, die im Vergleich mit Alkoholkranken und psychosomatisch Erkrankten die schwerste psychische Beeinträchtigung der seelischen Gesundheit und die niedrigste Verhaltenskontrolle aufweisen. In Bezug auf die Selbstwertstörung als ein Aspekt der psychischen Gesundheit lassen sich zwar süchtige Glücksspieler von einer normalen Kontrollgruppe, nicht jedoch von einer klinischen Vergleichsgruppe von Alkoholkranken abgrenzen. Die Selbstwertstörung kann danach nicht als spezifisch für behandelte Glücksspieler angesehen werden, sondern scheint auch für andere klinische Gruppen charakteristisch zu sein. Hinsichtlich der dysfunktionalen Gefühlsregulation und der Beziehungsstörung als zwei weitere Aspekte der eingeschränkten seelischen Gesundheit zeigen die süchtigen Glücksspieler jedoch eine spezifische Vulnerabilität im Vergleich mit Alkoholkranken. Über die dabei angenommenen entwicklungspathologischen Prozesse in der Sozialisation von Glücksspielern liegen noch keine Längsschnittstudien vor. Es lässt sich lediglich auf die häufig gestörten Vaterbeziehungen und vielfältigen Missbrauchserfahrungen bei süchtigen Glücksspielern im Querschnitt verweisen.
Autor: J. Petry
Der Artikel zur Glücksspielsucht von J. Petry ist in 3 Teilen in der neuro aktuell erschienen. Die einzelnen Teile können mit einem med-search-Account geöffnet werden:
Zu Teil 1: Theoretische Einzelaspekte der Entstehung
Zu Teil 2: Multifaktorielle Aspekte und Gesellschaft
Zu Teil 3: Behandlung der Glücksspielsucht



