Neurologie und Psychiatrie » Schlaf » Allgemeine Aspekte

»

Frühlingsmüdigkeit lässt sich nicht empirisch belegen

Gähnendes Mädchen im Frühlingsgarten – Symbolbild Frühjahrsmüdigkeit bei Kindern

Quelle: Татьяна Тарунтаева - stock.adobe.com

Frühlingsmüdigkeit lässt sich nicht empirisch belegen

News

Neurologie und Psychiatrie

Schlaf

Allgemeine Aspekte

mgo medizin Redaktion

Verlag

4 MIN

Erschienen in: neuro aktuell

Weshalb sagen viele Menschen im Frühjahr, sie seien so erschöpft? Das haben Forschende am Zentrum für Chronobiologie der Universität Basel und der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel sowie des Inselspitals in Bern untersucht. Die Studie zeigt: Frühlingsmüdigkeit scheint vielmehr ein kulturelles als ein messbares biologisches Phänomen zu sein.

Wenn die Tage wieder länger werden, klingelt bei PD Dr. Christine Blume das Telefon häufiger. Denn dann wollen Journalistinnen und Journalisten von der Schlafforscherin wissen, was es mit der Frühlingsmüdigkeit auf sich hat.

Bisher antwortete sie jeweils, dass es keine Studie gibt, die dieses Phänomen untersucht hätte. «Das fand ich aber stets unbefriedigend», sagt Blume, die am Zentrum für Chronobiologie der Universitären Psychiatrischen Kliniken und an der Universität Basel forscht. Deshalb führte sie zusammen mit dem Schlafforscher Dr. Albrecht Vorster vom Inselspital der Universität Bern eine Studie durch, die untersuchte, ob die Menschen im Frühling tatsächlich müder sind als zu anderen Jahreszeiten. Die Ergebnisse sind im Fachjournal «Journal of Sleep Research» erschienen.

«Frühlingsmüdigkeit» ist weit verbreitet

Grundlage der Studie war eine Online-Befragung, bei der die Teilnehmenden über ein Jahr ab April 2024 alle sechs Wochen kontaktiert wurden. Die Forschenden werteten die Antworten von 418 Personen aus. In der Befragung gaben die Teilnehmenden jeweils an, wie erschöpft sie sich in den vergangenen vier Wochen gefühlt hatten. Außerdem machten sie jeweils Angaben zur Schläfrigkeit während des Tages und zur Schlafqualität. Durch die wiederholte Befragung waren unterschiedliche Jahreszeiten abgedeckt.

Von den Teilnehmenden hatte bei Studienbeginn rund die Hälfte angegeben, unter Frühlingsmüdigkeit zu leiden. «Das hätte sich auch in der Auswertung der Umfragedaten zeigen müssen», sagt die Studienleiterin Christine Blume. Allerdings war das nicht der Fall.

Weniger fit als gewünscht

«Im Frühling werden die Tage schnell länger. Wenn Frühlingsmüdigkeit ein echtes biologisches Phänomen wäre, sollte sich das gerade in dieser Übergangsphase zeigen, etwa, weil sich der Körper anpassen muss», so die Schlafforscherin. In den Daten spielte jedoch die Geschwindigkeit, mit der sich die Tageslänge veränderte, keine Rolle für die Erschöpftheit der Teilnehmenden. Ebenso fanden sich keine Unterschiede zwischen den einzelnen Monaten oder Jahreszeiten.

Die Forschenden interpretieren die Diskrepanz zwischen der subjektiven Wahrnehmung und den Messdaten als Hinweis darauf, dass die Frühlingsmüdigkeit eher ein kulturell geprägtes Phänomen ist als ein tatsächliches saisonales Syndrom: Weil es einen etablierten Begriff dafür gibt, achten viele Menschen im Frühling stärker darauf, wie müde sie sich fühlen, und deuten Erschöpfungssymptome entsprechend. So bestätigt sich das Phänomen immer wieder selbst.

«Im Frühling haben wir möglicherweise auch das Gefühl, wir müssten aktiver sein und sollten das gute Wetter nutzen. Wenn wir uns dann doch nicht dazu aufraffen können, klaffen Anspruch und subjektives Energielevel auseinander», so die Expertin. Dies mit der Frühlingsmüdigkeit zu begründen oder gar zu entschuldigen, komme da recht gelegen. «Sie ist eine Erklärung, die in der Gesellschaft vollkommen akzeptiert ist.»


Das Tageslicht beeinflusst die innere Uhr

Grundsätzlich gilt: In der dunklen Jahreszeit fühlen sich viele Menschen müder und schlafen etwas mehr. Das belegen chronobiologische Untersuchungen und es zeigt sich auch in den Angaben der Studienteilnehmenden. Ein Grund dafür könnte sein, dass die biologische Nacht, die von der inneren Uhr gesteuert wird, in den Wintermonaten etwas länger dauert. «Das bedeutet aber auch, dass wir uns eigentlich fitter fühlen sollten, wenn die Tage wieder länger werden», so die Wissenschaftlerin.


Im Sommer zeige sich das besonders deutlich, wie die Datenauswertung unterstreicht: «Dann schlafen viele Menschen generell weniger: Die Tage sind lang und man trifft sich vielleicht abends noch mit Freunden und geniesst die Sommerabende», sagt Christine Blume. Trotz weniger Schlaf nehme die Erschöpfung dadurch nicht zu. Das bestätigte sich auch in der Studie.


Allen, die sich im Frühling energielos fühlen, rät die Psychologin zu möglichst viel Tageslicht, Bewegung und ausreichend Schlaf. Und wenn dieses Jahr Medienanfragen zur Frühlingsmüdigkeit eingehen, wird sie sich erstmals auf empirische Daten berufen können.

Quelle: Pressemeldung Universität Basel (idw, 9.3.26)

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Dr. Christine Blume, Zentrum für Chronobiologie, Universitä Basel and Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel, E-Maill: christine.blume@unibas.ch

Weitere Beiträge zu diesem Thema

EASEE® - Implantat für medikamentenresistente fokale Epilepsien

Mehr Optionen, mehr Druck: Medizintechnik muss jetzt liefern

Pharmaservice

Wenn Epilepsiemedikamente nicht helfen, stehen viele Betroffene vor einem langen Entscheidungsprozess über wenig bekannte Therapieoptionen. Wie Medizin und Medizintechnik hier mit Forschung und Daten Orientierung geben können, zeigen Prof. Dr. Martin Holtkamp und Karl Stoklosa am Beispiel des Neuroimplantats EASEE.

Neurologie und Psychiatrie

Epilepsie

Beitrag lesen
Rosa eingefärbte Mikroglia, Symbolbild für Multiple Sklerose.

NMOSD-Diagnostik und Therapie: Aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen

Fachartikel

Die Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankung (NMOSD) hat sich in den letzten Jahren von einer kaum verstandenen Variante der Multiplen Sklerose zu einer eigenständigen Autoimmunerkrankung entwickelt. Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Fortschritte in Diagnostik ...

Neurologie und Psychiatrie

Demyelinisierende Erkrankungen

NMOSD

Beitrag lesen
Mann mit Schlafstörung

Die nicht-motorischen Symptome der Parkinson-Krankheit

Fachartikel

Nicht-motorische Symptome sind zunehmend in den Fokus der klinisch behandelnden Ärztinnen und Ärzte als auch der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gerückt, denn sie begleiten die Parkinson-Krankheit von den ersten prodromalen Anzeichen bis in das Spätstadium, verändern ihr klinisches Profil und therapeutische Anforderungen im Krankheitsverlauf und bestimmen die Lebensqualität der Betroffenen häufig stärker als die motorische Symptomatik.

Neurologie und Psychiatrie

Bewegungsstörungen

Parkinson-Krankheit

Beitrag lesen