Die neue Version der Empfehlungen des European LeukemiaNet (ELN) für die Diagnose und Behandlung der akuten myeloischen Leukämie (AML) bei Erwachsenen aus dem Jahr 2022 (ELN22) enthält eine aktualisierte genetische Risikoklassifikation, Ansprechkriterien und Behandlungsempfehlungen. Erstmals wurde auch die Möglichkeit der Bestimmung minimaler Resterkrankung in den Ansprechkriterien aufgenommen und auf die klinische Relevanz hingewiesen.
Die wichtigsten Änderungen der überarbeiteten ELN-Empfehlungen sind 1. bZIP in-frame CEBPA-Mutationen werden als günstiges Risiko eingestuft (ELN22fav), unabhängig vom Status der monoallelen/biallelen Mutation; 2. FLT3-ITD-Mutationen gelten als mittleres Risiko (ELN22int), unabhängig vom Allelverhältnis oder NPM1-Status; und 3. Veränderungen in Genen, die mit einer Myelodysplasie zusammenhängen, werden als AML mit ungünstigem Risiko klassifiziert (ELN22adv).
Um den prognostischen Wert der ELN22-Empfehlungen in einer großen Kohorte zu validieren und mit der ELN-Klassifikation von 2017 zu vergleichen, untersuchten Bill et al. 1.570 erwachsene Patient:innen (mittleres Alter 55,5 Jahre, 47,3 % Frauen) mit neu diagnostizierter AML, die nach den Protokollen der Study Alliance Leukemia (SAL) intensiv behandelt worden waren. Das ELN22-Risiko war bei 36,6 %, 26,1 % bzw. 37,3 % der Patient:innen günstig, mittel und ungünstig.
Die Raten kompletter Remissionen (CR) bei den ELN22fav-, ELN22int– und ELN22adv-Risikogruppen betrugen 87,3 %, 76,6 % und 49,2 %, verglichen mit 86,4 %, 70,5 % und 53,2 % nach der ELN17-Klassifizierung. Die Einteilung nach den neuen ELN22-Risikokategorien führte zu einem signifikant unterschiedlichen ereignisfreien (EFS), redizivfreien (RFS) und Gesamtüberleben (OS). Das gilt auch für das 5-Jahres-OS für Patient:innen, das in den ELN22fav-, ELN22int– und ELN22adv-Risikokategorien 53 %, 32 % bzw. 13 % betrug, während es nach Klassifizierung der ELN17 bei 49 %, 30 % bzw. 16 % lag. Diese Unterschiede sprechen für eine genauere Differenzierung von Patient:innen mit günstigem und ungünstigem Risiko in der neuen ELN22-Klassifikation. Innerhalb der ELN22adv-Risikogruppe beobachteten die Autor:innen deutliche Überlebensunterschiede zwischen den Mutationsgruppen, wobei TP53-mutierte Patient:innen die schlechteste Prognose aufwiesen (5-Jahres-OS 3,3 %). Innerhalb der MR-Genmutationen war bei EHZ2, STAG2 und ZRSR2 ein intermediäres 5-Jahres-OS von ca. 30 % zu beobachten, während dies bei U2AF1 mit 4,6 % deutlich schlechter war.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die neue ELN22-Risikostratifizierung die prognostische Unterscheidung in einer großen Kohorte intensiv behandelter AML-Patient:innen verbessert. Angesichts der heterogenen Ergebnisse beim Vorliegen von MR-Genmutationen befürworten die Autor:innen eine Neubewertung der Risikozuweisung bei diesen Patient:innen.
Dr. Katrina Recker
Quelle: Bill M et al. Validation of the revised 2022 European LeukemiaNET (ELN) risk stratification in adult patients with acute myeloid leukemia. Oral presentation (S138), EHA 2023
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