Das derzeitige Diagnoseparadigma für chronische lymphatische Leukämie (CLL) könnte zu Überdiagnosen führen, die für die Betroffenen mit erheblichen Belastungen einhergehen. Diese These stellen Autoren aus England in einer aktuellen Publikation auf. Sie ziehen einen anderen möglichen Ansatz zur CLL-Diagnose in Betracht.
Von Überdiagnose spricht man, wenn eine Erkrankung festgestellt wird, die sich ohne eine Untersuchung nie bemerkbar gemacht hätte. CLL ist typischerweise eine langsam fortschreitende Erkrankung. Die mediane Überlebenszeit beträgt etwa 11 Jahre. Bei bei Personen mit geringem Risiko und minimalen Begleiterkrankungen kann diese jedoch deutlich länger sein. Der derzeitige diagnostische Schwellenwert liegt bei einer klonalen B-Zellzahl von >5 × 109/L. Betroffene erreichen in der Regel viel höhere Werte, bevor sie symptomatisch werden.
Veränderung des Diagnosealters durch moderne Untersuchungsmethoden
Historisch gesehen war CLL eine Erkrankung älterer Menschen. Mit der Verbreitung von Blutuntersuchungen und dem verbesserten Zugang zur diagnostischen Durchflusszytometrie sinken jedoch sowohl das mediane Alter bei der Diagnose als auch die mediane Lymphozytenzahl bei der Diagnose. Infolgedessen befinden sich heute etwa 80 % der Betroffenen zum Zeitpunkt der Diagnose im Binet-Stadium A mit geringem Risiko und werden nach dem watch-and-wait-Prinzip betreut.
Psychische Belastung durch die Diagnose
Es wird die Diagnose unheilbare Leukämie gestellt und gleichzeitig mitgeteilt, dass bis zum Fortschreiten der Erkrankung keine Behandlung angeboten wird. Dies kann sich schädlich auf die Lebensqualität auswirken: CLL-Betroffene weisen nachweislich ein hohes Maß an Angst und emotionaler Belastung auf.
Ist eine Anpassung der diagnostischen Praxis notwendig?
Wie sollte sich also die diagnostische Praxis ändern? Bei Personen mit Symptomen oder Zytopenien, die eine Entscheidung für eine CLL-gerichtete Behandlung auslösen, hat die Diagnose laut den Autoren eindeutig einen klaren Zweck. Die radikalste Option wäre, die diagnostische Bezeichnung CLL nur für diejenigen zu reservieren, die eine Behandlung benötigen. Für Personen, die sehr wahrscheinlich eine Behandlung benötigen, ist die Bezeichnung jedoch auch insofern nützlich, als sie ihnen hilft, entsprechend zu planen und sich vorzubereiten.
Vorschlag zur Anhebung der diagnostischen Schwelle
Die Autoren plädieren dafür, die diagnostische Schwelle für CLL auf eine klonale B-Zellzahl von >10 × 109/L anzuheben – dies sei ein besserer Prädiktor für das Gesamtüberleben und die Zeit bis zur ersten Behandlung. Diese Änderung würde viele neu diagnostizierte Personen als monoklonale B-Zell-Lymphozytose (MBL) neu kategorisieren und damit die Auswirkungen der Diagnose Leukämie abmildern. Darüber hinaus würde dies in vielen Fällen den Ärztinnen und Ärzten ermöglichen, bei einigen Betroffenen die Diagnose CLL aufzuheben.
Fazit
Ob eine Umbenennung oder De-Diagnostizierung von CLL in MBL wirklich zielführend ist, bleibt zu diskutieren. Der ansonsten gesunde Mensch bleibt Patientin bzw. Patient, wenn auch mit einer vermeintlich weniger beeinträchtigenden Bezeichnung.
Martha-Luise Storre
Originalpublikation:
Johnstone P, Allen P, Jimenez-Agrawal P et al. De-diagnosing chronic lymphocytic leukaemia: An ethical and scientific case for changing diagnostic criteria. Hemasphere. 2025; 9(11): e70252



