Veränderungen im Gen RNU2-2 sind eine bisher unterschätzte Ursache für schwere neurologische Erkrankungen. Das zeigt ein internationales Forschungsteam in einer Studie, die jetzt in Nature Genetics erschienen ist. Kinder mit Mutationen in diesem Gen zeigen ähnliche Symptome: schwere Entwicklungsverzögerungen, geistige Behinderung, autistische Verhaltensweisen und früh einsetzende Epilepsien, die oft schon vor dem 3. Lebensjahr auftreten und häufig therapieresistent sind.
Zentrale Rolle bei der RNA-Verarbeitung
„RNU2-2 ist nicht nur ein ‚Pseudo-Gen‘, wie lange angenommen wurde, sondern ein funktionell wichtiger Baustein der Zelle.“
Prof. Dr. Christel Depienne, Professorin für Molekulargenetik neurogenetischer Entwicklungsstörungen im Institut für Humangenetik an der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen
Das Gen RNU2-2 kodiert für eine kleine, selbst nichtkodierende, aber lebenswichtige RNA, die Teil des Spliceosoms ist – einer zellulären Maschine, die dafür sorgt, dass genetische Botschaften korrekt zusammengefügt werden. Vor der Herstellung von Proteinen ist es notwendig, dass unerwünschte RNA-Abschnitte eliminiert werden. Hierbei kommt RNU2-2 eine Schlüsselrolle zu. Liegt eine Mutation vor, funktioniert die RNA-Verarbeitung nicht mehr ordnungsgemäß, was negative Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung hat.
141 Betroffene in Studie identifiziert
Für die Studie werteten die Forschenden Informationen von mehr als 34.000 Personen mit seltenen Krankheitsbildern aus. Bei 141 von ihnen konnten sie Veränderungen in RNU2-2 nachweisen. Ein bemerkenswerter Befund: Die rezessive Form, bei der beide Genkopien verändert sind, kommt zweimal so oft vor wie die dominante Form. In vielen Fällen liegt eine Kombination aus einer neu entstandenen Mutation (de novo) und einer vererbten Kopie vor. Schon diese Konstellation genügt, um das schwere Krankheitsbild hervorzurufen.
Erweiterte Sicht auf genetische Erkrankungen
Das Gen gehört damit zur zunehmenden Zahl von Spleißosom-snRNA-Genen, deren Veränderungen primäre neurologische Entwicklungsstörungen auslösen – vergleichbar mit RNU4-2/ReNU-Syndrom und RNU5B-1.
„Die Erkenntnis, dass auch nicht-kodierende Gene wie RNU2-2 so gravierende Auswirkungen haben können, verändert unser Verständnis genetischer Erkrankungen.“
Prof. Dr. Christel Depienne, Professorin für Molekulargenetik neurogenetischer Entwicklungsstörungen im Institut für Humangenetik an der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen
Quelle: Pressemitteilung des Universitätsklinikums Essen vom 30.3.2026: RNU2-2-Mutationen: Winziger Fehler im Genom verursacht schwere Entwicklungsstörungen
Originalpublikation: Leitão E, Santini A, Cogne B, Essid M, Athanasiadou M, LaFlamme CW, et al. Systematic analysis of snRNA genes reveals frequent RNU2-2 variants in dominant and recessive developmental and epileptic encephalopathies. Nat Genet 2026 Mar 30. doi: 10.1038/s41588-026-02547-5. Epub ahead of print.
Weitere Informationen: https://www.uni-due.de/med/meldung.php?id=1913



